Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 34 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- Seite 570 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 570. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 34. so sehr kosmopolitischer Demokrat, daß er für ein Zusammengehen der Deutschen mit den Czechen schwärmte und gelegentlich auch den Satz aussprach: Ein Antisemit kann nur entweder ein Irrsinniger oder ein Betrüger sein! Als Demokrat trat der junge Advokat Lueger 1875 in den Wiener Gemeinderat, als Demokrat wurde er 1881 mit dem Franz Josephs- Orden ausgezeichnet und noch als Demokrat wurde er 1885 vom Bezirk Margarethen als Abgeordneter in den Reichsrat entsendet. Bei der nächsten Wahl im Jahre 1891 war er schon ein ausgesprochener Führer der Antisemiten, denn er hatte sich mittlerweile mit dem Prinzen Alois Liechtenstein, dem früheren klerikalen Bauernvertreter und nachmaligen hauptstädtischen Christlichsozialen, bestens verständigt. Aus seiner Demokratenzeit stammt auch die bekaunte Geschichte, daß er als Rechtsanwalt des verkrachten Sechshauser Vorschußvereins vor den zahlungsunfähigen Kleinbürgern erklärte, er werde sie schon zum Zahlen bringen und wenn er ihnen das „Beuschel" Herauspressen müßte, weiter, daß er in der gleichen Eigenschaft einem Schuldner das Kruzifix von der Wand wegpfändete. Seitdem ist er auch sehr fromm geworden. Er wallfahrtet nach Maria-Enzersdors und in der dortigen Kirche ist ein Wahrzeichen zur Erinnerung an seine Anwesenheit angebracht worden. Ueberhaupt wird förmlich Abgötterei mit seiner Person getrieben. Des „schönen Karl" Konterfei ist in tausend Kaufläden zu erblicken. Es giebt nicht nur unzählige Büsten mit seinem ausdrucksvollen Kopfe, sondern auch Luegerstöcke, Luegertassen, Luegerzigarrentaschen u. s. w. Und nun erst gar der Lueger-Marsch! Er ist in Wien allerorts zu hören und es giebt keine anständige Drehorgel, in deren Walze er nicht mit ehernen Stiften eingegraben wäre. — Lueger ist eine so überragende Erscheinung in der antisemitischen Bewegung Wiens, daß neben ihm nur wenige Figuren den Anspruch auf besondere Beachtung erheben können. Am meisten noch der Reichsrats- und Landtagsabgeordnete Ernst Schneider. Er ist lange Jahre hindurch der hauptsächliche Führer der „Gewerbepartei" gewesen und hat Lueger die Massen der Kleingewerbetreibenden zugeführt. Er ist Mechaniker und macht physikalische Instrumente u. dergl. Zum Obmann seiner Genossenschaft gewählt, wurde er von der Behörde in dieser Stellung nicht bestätigt. Daß in Oesterreich die Gewerbefreiheit wieder ausgehoben, der Befähigungsnachweis und der Genossenschaftszwang eingeführt wurde, ist zum guten Teil seiner unermüdlichen und leidenschaftlichen Agitation zu danken. Seitdem hat er sich nur der unausgesetzten Verfolgung des Judentums ergeben, und gegenwärtig besorgt er dieses Geschäft in einer ungemein brutalen, fast blutrünstigen Manier. Der „Talmud" ist das eine Steckenpferd, das er reitet, und der „Ritualmord" das andere. Seinen eigenen Parteiführern ist er dadurch schon sehr unbequem geworden, da ein solches Auftreten denn doch nur beim untersten Pöbel „zieht", und die Partei verfolgt ja den Ehrgeiz, auch die gebildeten Volksschichten an sich zu ziehen. Nach dieser Richtung geht besonders das Bestreben des Reichsratsabgeordneten Dr. Albert Geßmann. Er ist der Beamtenapostel in der antisemitischen Bewegung und gehört selbst als k. k. Skriptor an der Wiener Universitätsbibliothek dem Beamtenstande an. Dr. Geßmann ist übrigens eine in seinem Wesen recht unsympathische Persönlichkeit. Einer der markantesten aus dem Kreise unserer antisemitischen Wortführer und Volksmänner ist noch der Pfaidler Gregorig, Gemeinderat und Landtagsabgeordneter. Seine Hauptstärke liegt in der Enthüllung schrecklicher Schandthaten seitens Beamter, Richter und anderer öffentlicher Funktionäre. Hinterher wird ihm allemal bis aus das i-Tüpfelchen die Unwahrheit der vorgebrachten Beschuldigungen nachgewiesen, aber das geniert ihn ganz und gar nicht, ebenso wie ihm die Widerlegung seiner stets wiederkehrenden Behauptung, daß die angeblichen Uebelthäter eigentlich Juden seien, keine Beschwerden verursacht. Alle Disziplinarmittel des parlamentarischen Lebens hat er schon reichlich durchgekostet, aber er erklärt allemal: „Oh, das macht mir nur Vergnügen!" und das nächste Mal exzediert er in noch ärgerem Maße. Auf Dr. Lueger ist er nicht mehr gut zu sprechen; er ist ihm zu aufgeklärt. — Hiemit mag für heute die kleine Porträtsammlung abgeschlossen sein! M. N. N. Sffflimut im Judentum? (Zu den Trostsabbaten.) II. Gehen wir nun zur Gegenwart über, zu der Frage: Hat das Judentum eine Zukunft? Oder zu der modernen Ausdruckweise: Befindet sich das Judentum im Zustande der Decadence? Auch hier gilt die Deutero-Jesaianische Theorie: „Es dorrt das Laub, es welkt die Blüte, aber — oder damit — das Wort unseres Gottes bestehe in alle Ewigkeit." Das Beängstigende, was diese Frage für den ernsten Sohn des Judentums in sich birgt, entsteht nur dadurch, daß man sich, nach der Art der Zeitgenossen des Deutero-Jesaias, zuerst eine Idee vom Judentum a priori, oder aus Elementen der geschichtlichen Vergangenheit konstruiert, und diese frei konstruierte Idee dann als Maßstab an das Israel der Gegenwart anlegt. Die Gegenwart Israels scheint nicht danach zu sein, eine Verwirklichung dieser Idee in der Zukunft herbeizuführen, und so blickt man mit banger Besorgnis in die Zukunft, und leugnet womöglich schon die Existenz Israels in ver Gegenwart. Denn auch das Israel der Gegenwart entspricht durchaus nicht dieser als Maßstab konstruierten Idee. Hier ist es aber wieder nur die vorlaute Anmaßung der Idee, die zur Negation der Gegenwart und zur Verzweiflung an der Zukunft drängt. Hier tönt uns wieder die Mahnung des Deutero-Jesaias entgegen: Hütet euch vor selbstmörderischem Idealismus! Der Idealismus ist dem Menschen gegeben, um ihn aus der Last einer drückenden Wirklichkeit zu befreien, nicht aber um die Wirklichkeit zu erdrücken. Treten wir ohne Voreingenommenheit ohne eine apriorische Idee vom Judentum an das Judentum der Gegenwart heran mit der Frage: Existiert das Judentum in der Gegenwart? Dann antwortet uns ein mächtiger, tausendstimmiger Chor: „Das Judentum existiert!" Ist es