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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-21 · 34 (21.8.1896) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
34 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
Seite 569 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 669. Wird ein Beamter angestellt, Muß die Regierung die Erlaubnis geben, Und wenn man diese nicht erhält. Nun denn! - so unterbleibt es eben. Doch dummer Willkür ist gestattet. So sie sich eint zu leichtem Bunde, Jedweden und aus jedem Grunde — Auch wenn kein Grund sich mit der Willkür gattet — Zu treiben euch aus eurem warmen Haus Ins frostige Exil hinaus, Und die Regierung —-schweigt sich aus. Hier ist der Punkt, die Hebel anzusetzen Mit ganzer Kraft, und eine Petition Hat einer Klasse, schwach von Position, Verholfen oft zu günstigern Gesetzen. Kein Wankelmüt'ger darf gefährden So schönen Plan durch ein bedächtig Säumen, Und alle müssen, alle werden, Gelangt der Stein nur erst ins Rollen, Der Fortbewegung ihren Beifall zollen. Ein jeder riiste und beginne Der Energie erlahmtes Roß zu zäumen! ilnd ob auch Donner euch entgegengrollt. Es winkt anfeuernd euch die schöne Zinne Der Burg, die ihr erobern wollt. So könnt ihr völlig umgestalten Das Leben, das euch grausam droht, Die schönste Blüte wird entsalten Sich herrlich aus der ärgsten Not,' Wenn die Regierung ihr dazu getrieben Durch tausendfache Unterschrift, In das Gesetz, das euch betrifft. Den Paragraphen einzuschieben: „Wird ein Beamter abgestellt, Muß die Regierung die Erlaubnis geben; Und wenn man diese nicht erhält, Nun denn! — so unterbleibt es eben." Zwei kräft'ge Freunde sind für alle Zeit Als kühne Kämpfer eurem Streben Von der Natnr schon beigegeben: — Die Not und die Gerechtigkeit. Der Erste stählet eure eigne Kraft, Der Zweite anöre Hilfe euch verschafft. Mit beiden ziehet froh ins Feld! Wählt einen unter euch, der in dem Kampf euch führe! Und kehrt nicht eher heim, als bis vor eurer Tbüre Der schöne goldne Siegeswagen hält! Das Ziel ist groß und edlen Schweißes wert. Doch endlich auch an sorglos heitrem Herd Des Lebens frohe Stunden hinzubringen. Und allen, die aus heißen Kampfesstunden, Bedeckt mit Staub und edlen Wunden, Vom Sieg gekrönt, dereinst zurückgekehrt. Wird laut ein Heldenlied die Nachwelt singen. Sie trägt aus hohem Flügel dann die Zeit Hinauf zmn Throne der Unsterblichkeit. Crimmitzschau (Sachsen.) Oi-. med. Magnus Neumann. Miener Volksiniiimer. * Wien, 15. August. Der Wiener Antisemitismus, der bereits den größten Teil der Bevölkerung der Millionenstadt für seine Fahne eingefangen hat und jetzt durch seine Führer auch in Deutschland Eingang zu finden suchtest in seiner Eigenart echtes Wiener Gewächs und hat mit der ursprünglichen Form von Antisemitismus, dem germanischen Raffenbewußtsein, wenig oder gar nichts gemein. Der Antisemitismus als eigentliche Wiener Erscheinung gewann seine Wurzeln im Wiener Volke, als die Veteranenvereine und die unzähligen vorstädtischen Stammtisch- und Wirtshausgesellschaften, denen wesentlich der Stand der Kleinhandwerker zugehört, sich ihm zuwendeten. Diese Bewegung hat vornehmlich einen sozialwirtschaftlichen Charakter; sie wurzelt in dem Existenzkampf des Handwerks gegen den industriellen Großbetrieb, der sich doch keineswegs nur in jüdischen Händen befindet; sie kehrt sich im Grunde genommen gegen den Mehrbesitz und gegen den höheren Bildungsgrad überhaupt, ohne jedoch mit der Sozialdemokratie irgendwelche Gemeinschaft zu haben. Sie ist auch nicht klerikal in dem gewöhnlichen Sinne, obgleich sie ohne Zweifel dem Klerikalismus unbewußt wertvolle Dienste leistet. Der ganze Entwicklungsgang der Bewegung wird durch die persönliche Entwicklung ihres meistgenannten und talentvollsten Führers Dr. Karl Lueger, am verständlichsten illustriert und es verlohnt sich gewiß, diesen Mann ohne Voreingenommenheit etwas näher ins Auge zu fassen. Dr. Lueger (sprich Lu-dger) ist kein Staatsmann, aber er ist ein Agitator, wie es keinen zweiten giebt, wenigstens nicht an der Donau. Er steht gegenwärtig im 52. Lebensjahre und ist Junggeselle, was ihn bei seiner hohen stattlichen Erscheinung und seinem hübschen Gesichte der Frauenwelt besonders interessant macht. Er ist ein Mann von großer Lebhaftigkeit und besitzt eine Art volkstümlicher Beredtsamkeit, die ihr Ziel niemals verfehlt. Die Rede sprudelt ihm nur so von den Lippen, bald ein wenig pathetisch, bald mit packenden Schlagern reichlich gespickt, bald mit Witz und Bosheit versetzt. Wäre der Mann von der liberalen Partei, der er ursprünglich angehörte, richtig in seinem agitatorischen Werte erkannt worden, sie hätte heute sicherlich bessere Tage, als ihr das Schicksal beschieden hat. Ob die vielerzählte Geschichte, Lueger sei in ein Mädchen aus reicher jüdischer Familie verliebt gewesen, aber abgewiesen worden und habe sich deshalb dem Antisemitismus zugewendet, auf Wahrheit beruht, mag hier dahingestellt bleiben. Daß er von Haus ans kein Antisemit ist, wird jeder ältere Wiener bestätigen, der sich der Tage erinnert, in denen Lueger als sogenannter „Bezirksdemokrat" auf der „Landstraße" als getreuer Schüler und Genosse des jüdischen Gemeinderats Dr. Ignaz Mandl die Liberalen bekämpfte. Damals war Lueger

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