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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-21 · 34 (21.8.1896) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
34 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
Seite 566 (sequence 2)
Language
German
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Seite 566 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 34. den Sachkundigen nicht den mindesten Eindruck. Wenn ich mit sorgenschwerem Haupte und gramerfülltem Herzen das Gotteshaus betrete, wenn eine zentnerschwere Last mich unwiderstehlich niederzieht, dann kann ich mich nicht „erheben" ohne fremde Hilfe, ohne fremden Beistand. Steigt jedoch der Vortragende zu mir hernieder, berührt er die Saiten meines Herzens, bringt er zum Ausdruck, was mich erfüllt — dann ist der geistige Kontakt vorhanden, dann kann er den Gebeugten „erheben", kann er ihn zu sich emporziehen. Das erwarten wir von dem Prediger, erwarten wir von dem Vorbeter. Das kann der Prediger, wenn er's kann, das kann der Vorbeter, wenn er's will. Freilich nicht der moderne „Kantor", der den Weg zu unserem Herzen nicht zu finden vermochte, sondern der alte, mehr stimmungsvolle als stimmreiche Chasen. Und darum fordern wir laut und nachhaltig: Gebt uns unseren Chasen wieder! Samson Raphael Hirsch. Anläßlich der Wirren, welche in der letzten Zeit in der orthodoxen Separatgemeinde zu Frankfurt a. M. entstanden sind, trat auch die Erinnerung an Samson Raphael Hirsch, den ersten Rabbiner jener Gemeinde, in den Vordergrund. In dieser Zeitschrift sind neulich zwei Briese abgedruckt worden, die uns ein interessantes Bild von den Vorgängen in Frankfurt bieten. Im ersten Brief ist auch mit einigen wenigen aber markanten Strichen eine Skizze von der Persönlichkeit des verewigten Hirsch gegeben worden, welche Skizze in der vorigen Nummer eine weitere Ergänzung erfahren hat. Leider muß ich jedoch sagen, daß die neuen Striche, welche da hinzugekommen sind, nicht geeignet erscheinen, das Konterfei richtig und dem Original ähnlicher zu machen. S- R. Hirsch wird da im Grunde genommen, wenn auch nicht mit klaren Worten, als ein interessanter Sonderling, teilweise sogar als ein geistreicher Charlatan geschildert. Vor allem wird ihm Wissenschaftlichkeit, Objektivität und auch konsequentes Streben abgesprochen. Als Beweis für die Berechtigung eines solchen harten Urteils werden die Einzelheiten aus dem Leben und Wirken dieses eigenartigen Mannes angeführt, welche, wenn auch als wahr zugegeben, durchaus nicht genügen, S. R. Hirsch als das zu bezeichnen, wofür er in dem genannten Artikel gegeben wird. Rabbiner Hirsch gehört jedenfalls der jüdischen Geschichte an und wir müssen im Interesse der historischen Wahrheit bestrebt sein, ihm unparteiisch gerecht zu werden. Es wird mich gewiß kein Mensch in Verdacht halten, ein Parteigänger jener Richtung im Judentum zu sein, für die S. R. Hirsch gelebt und mit so vielem Eifer gewirkt hat. Nichtsdestoweniger mußte ich, als ich die Karrikatur Hirschs in der vorigen Nummer dieses Blattes zu Gesicht bekam, mit Voltaire ausrufen: „Et voilä comme on ecrit l’histoire!“ Die hebräischen Etymologien, die Hirsch in seinem bekannten Pentateuch-Kommentar giebt, sind oft wissenschaftlich unhaltbar. Dies wird wohl jeder wissenschaftlich angelegte Mensch zugeben. Aber man muß demgegenüber bedenken, daß Hirschs Bedeutung nicht in seiner philologischen Thätigkeit zu suchen ist. Andererseits erscheint mir die Folgerung, welche aus jener Prämisse gezogen wird, ungerecht und lieblos. Hirsch habe keine andere orientalische Sprache verstanden, deshalb sein Bestreben, alles nur durch das Hebräische zu erklären. Du lieber Himmel! Wieviel moderne „Gelehrte" haben wir, die nicht nur die andern mit dem Hebräischen verwandten Sprachen nicht verstehen, sondern auch nicht das Hebräische selbst, und nichtsdestoweniger mit der größten Seelenruhe sprachliche „Forschungen" auf diesem Gebiete znm Besten geben. Auch Hirsch waren gewiß die Schriften von Gesenius, Ewald, j Delitsch u. s. w. zugänglich, um sich aus denselben Belege für Etymologien zu holen. Es war aber seine — sagen wir wissenschaftliche Schrulle, daß das Hebräische nur durch sich j selbst erklärt werden dürfe. Dies paßte so sehr zu seinem j ganzen System, daß wir es durchaus naturgemäß finden! müssen. Im Uebrigen vertrat z. B. der geistvolle und scharfsinnige Forscher Luzzatto die Ansicht, das Hebräische sei wesent-; lich nur durch das Syrische und nicht durch das Arabische! zu erklären; Friedrich Delitsch kämpft in unseren Tagen für die! wissenschaftliche Ansicht, man müsse für die Erklärung des; Hebräischen in erster Reihe das Assyrische zu Rate ziehen. Dessenungeachtet wird niemand den Verdacht gegen jene Gelehrten aussprechen, sie verteidigten solche Meinungen, weil sie : andere Sprachen nicht beherrschten. S. R. Hirsch war der einzige Führer der konservativen Richtung im Judentum, der konsequent und zugleich wissenschaftlich für diese Sache eingetreten ist. Außerdem war er gedankenvoll wie irgend einer und durchaus originell. Letzter Umstand verdient am meisten gewürdigt zu werden. In Emden soll er das„Kol Nidre" abgeschafft haben. That er dieses, so hat er damit gezeigt, daß er kein XnotvnotbinZ-Orthodoxer war, sondern ein Mann von Wissen und Mut. Denn bekanntlich hat sich das „Kol Nidre" in unserer Liturgie trotz der Ansichten der berühmten Theologen eingebürgert. Von den älteren Autoritäten waren es die Gaonäer R. Nachschon und R. Hai I., ferner R. Saadjah, die sich als Gegner jener vom Volke ausgegangenen Einrichtung gezeigt, und am entschiedensten der gefeierte Gaon R. Hai II., der dieses liturgische Stück mit allen Mitteln, wenn auch vergeblich, unterdrücken wollte. Wie bekannt hat auch S. R. Hirsch wegen dieser liturgischen Einrichtung, die, wie es nun scheint, ihm stets unsympathisch gewesen, in seinem Landesrabbineramt zu Mähren einen Konflikt mit seiner Gemeinde gehabt, der ihm schließlich das Amt verleidete. Der Mann ist sich also immer treu geblieben. All die Einzelheiten, welche im genannten Artikel erwähnt werden, um den Nachweis zu liefern, daß S. R. Hirsch in seiner Orthodoxie inkonsequent gewesen, sind so geringfügig, daß sie nichts beweisen. Denn in diesem Sinne, sich um solche Kleinigkeiten zu kümmern, wäre ja keine Orthodoxie möglich. Auch in Polen kümmert sich heutzutage kein Mensch mehr um jene Bestimmungen. Daß Hirsch hingegen, auch nachdem die Gemeindeverwaltung zu Frankfurt den konservativen Elementen gewisse Garantien bieten wollte, auf seinem intransigenten Standpunkt beharrte, war von seiner Seite nur konsequent und durchaus folgegerecht. Denn in der That sind es nicht die religiösen Institutionen, welche die konservative Ge-

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