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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-14 · 33 (14.8.1896) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
33 (14.8.1896)
Date
1896-08-14
Page
Seite 562 (sequence 16)
Language
German
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Seite 562. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 33. & Pr. Stargard, 10. August. Ein böses Mißgeschick ist einem als gar argen Antisemiten bekannten jungen Manne widerfahren: er hat sich von einer Jüdin das Leben retten lassen müssen. Besagter Tentschmann hatte sich beim Aalfang in der Nähe der Carowschen Mühle in seine Reusen verstrickt und war so ins Wasser geraten. Schon war er dem Ertrinken nahe, als eine jüdische Frau des Weges gefahren kam, kurz entschlossen ans Ufer eilte und den Antisemiten durch Zuwerfen einer Leine aufs Trockene brachte. X Bonn, 9. August. Die hiesige Universität beging am 3. d. M. die Gedächtnisfeier an ihren Stifter König Friedrich Wilhelm Ul. Das wissenschaftliche Programm, mit welchem zu der Feier eingeladen worden war, hatte der Dekan an der evangelisch-theologischen Fakultät, Professor Kamphausen, abgefaßt. Nachdem im Jahre 1895 Dr. Kaulen, der Professor der katholischen Theologie, sein lateinisches Programm dem Nachweis gewidmet hatte, daß die Tochter des Jephthah nicht geschlachtet und verbrannt worden sei, ließ jetzt Professor Kamphausen in der Einladungsschrist eine ausführlichere Untersuchung über das Verhältnis des Menschenopfers zur israelitischen Religion folgen. Diese Abhandlung, deren Sonderdruck soeben im Verlage von Röhrscheid und Ebbecke zu Bonn erschienen ist, bedient sich zu gunsten des weitern Leserkreises, der sich für den in geschichtlicher und religiöser Hinsicht gleich wichtigen Gegenstand interessiert, unserer deutschen Muttersprache. Dr. Kamphausen sucht nicht nur zu zeigen, daß die richtige Auslegung der biblischen Erzählung an dem in Nicht. 11 berichteten Menschenopfer mit Thomas von Aquino und Martin Luther festhalten muß; er wendet sich auch andererseits gegen die von seinem jüngern Fakultätsgenossen Professor Meinhold im Bonner evangelisch-theologischen Ferienkursus des Jahres 1894 vertretene Ansicht, die das Menschenopfer innerhalb der Religion des Volkes Israel reichlich vertreten findet. Des Verfassers Wunsch war, für den gebildeten, aber mit dem alttestamentlichen Grundtext unbekannten Leser die Gewinnung einer selbständigen Ueberzeugung von der Unvereinbarkeit des Menschenopfers mit der durch Moses gestifteten israelitischen Religion möglich zu machen. s. Frankfurt a. M., 9. August. Es verlautet uuu definitiv, daß Herr Dr. Breuer sein hiesiges Amt mit dem Amte eines Rabbiners an der Schiffschul iu Wien vertauschen werde. Man erzählt, daß die hiesige Religionsgesellschast sich! an die Verwaltung der Schiffsynagoge in Wien mit der Bitte gewandt habe, Herrn Dr. Breuer seiner Zusage zu entbinden die Verwaltung in Wien habe jedoch erklärt, diesem Wunsche nicht entsprechen zu können. Ich kann dieses Gerücht nicht kontrollieren, da ich außerhalb der Separatgemeinde stehe. (Die gewünschte Aufklärung wird unsere Artikelserie „Von Hirsch bis Breuer" geben. Wir fahren heute in der Veröffentlichung der ebenso interessanten wie — indiskreten Briefe aus Frankfurt fort. Red.) — Diez, 10. August. Aus dem Jahresbericht des Deutsch- Israelitischen Kinderheims pro 1895 ist zu ersehen, daß die Anstalt während des Berichtsjahres 34 Zöglinge zählte. Aus Preußen waren 26, aus dem Großherzogtum Hessen 4, aus Sachsen, Württemberg, Sachsen-Meiningen, Elsaß-Lothringen je 1. Bis aus zwei wurden alle Zöglinge in der Anstalt selbst erzogen und besuchten die dortige Volksschule. Mit Schluß des Schuljahres traten vier Zöglinge aus, von denen zwei in Handelsgeschäfte, zwei in die Lehre bei Handwerkern eintraten, dagegen wurden sieben neue Zöglinge ausgenommen. — Herr Alfons Jacobson in Leipzig hatte schon im Vorjahre dem Verein eine Summe zum Ankauf eines Gartengrundstückes zur Verfügung gestellt, und dadurch ist ein größerer Raum für die Hebung der Zöglinge in der Gartenarbeit gewonnen. Der Rechnungsabschluß balanziert in Mk. 40678,98, bei einem Bestand von Mk. 5816,48. rr Vom Rhein, im August. Ihrem Wunsche entsprechend empfangen Sie heute einen Brief von den romantischen Usern des Rheines. Was ich zu berichten habe, ist nichts weniger als romantisch — es ist tief betrübend. Wir leben in einer Zeit, da es darauf ankommt, daß, wie der englische Admiral Nelson sagte: „every to do his duty“, daß jeder seine Pflicht thue; in einer Zeit, die hochwichtig für die Entwickelung des Judentums ist, und müssen sehr bedauern, daß es so wenig Juden giebt, die dieses einsehen. Was helfen alle die litte» rarischen Vereine, was alle „wissenschaftlich-populären Vorträge" aus der jüdischen Litteratur und Geschichte, wenn gerade die Juden, aus welche die Augen der Gemeinde gerichtet sind, nichts von einer Bethätigung des Judentums wissen wollen! Was helfen alle Ermahnungen der Rabbiner, was Ihre satirischen „Briefe aus Krähwinkel", wenn die Ohren blind, die Augen taub, pardon umgekehrt, die Ohren taub, die Augen der tonangebenden Kreise blind geworden sind! Wohl beraten die Lehrervereine, wohl tagt der D.-J. G.-B., um den Religionsunterricht unter den Juden zu heben, aber was .wird erreicht? Mir sagte neulich ein evangelischer Pastor ein gutes Wort. Sein bester Schüler in der Religion sei ein Knabe namens Kohn. Ist das nicht ein Jude? fragte ich. Gewiß, entgegnete er, aber er ist mit noch sechs Glaubensgenossen in dem S.'schen Pensionat (eine christliche Erziehungsanstalt) und nimmt den evangelischen Religionsunterricht mit. Er ist ein prächtiger Knabe." Der kleine Kohn ist der Sohn eines Vorstehers in N. Ich kenne den Mann. Er ist als Vorsteher hyperorthodox, der von dem jüdischen Lehrer verlangt, daß er sich am Sabbat das Taschentuch um den Leib bindet, um das Gebot des Tragens zu umgehen. Leider fangen diese Fälle an typisch zu werden, und dem Freunde des Judentums muß es bange werden um die Zukunft desselben. Jetzt haben wir noch, wenn auch unwissende, so doch im Judentum erzogene Parnoßim; wie soll es aber erst werden, wenn das Geschlecht an die Regierung kommt, welches in christlichem Geiste erzogen worden ist! — Der Streit, der um das „westfälische Gebetbuch" geführt wird, hat Aehnlichkeit mit dem Bau des Hamburger Tempels. Denn man erzählt sich, daß, als der Tempel gebaut werden sollte, den damaligen Parnoßim kein Größenmaß genügt habe. Damals soll ein Klausrabbiner die Worte gesagt haben: „Wenn Sie den Tempel auch so groß bauen wie St. Peter in Rom, so gehen doch nicht alle Hamburger Juden hinein". Das neue Gebetbuch wird das westfälische Judentum nicht retten. Ihm zu Liebe wird niemand den Gottesdienst besuchen, der ihn nicht aus dem Antrieb des Herzens besucht und — für solche

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