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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-14 · 33 (14.8.1896) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
33 (14.8.1896)
Date
1896-08-14
Page
Seite 560 (sequence 14)
Language
German
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Seite 560 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 33. Der Fortschritt. Eine galizische Geschichte von S Horowitz. III. Nachdruck verboten. Einige Wochen verstrichen und die Blätter begannen bereits von den Bäumen zu falle». Auch in der Familie Nagelfein war jeder Sonnenschein gewichen und Frau Lea lag auf dem Krankenbette, mit dem Tode ringend. Herr Philipp, Robert und Mirjam umstanden das Krankenlager, denn auf die erste Kunde von der Erkrankung ihrer zweiten Mutter war auch Mirjam ans Krankenbett geeilt und wich nicht mehr von der Stelle. Der Kranken schien ihre Nähe wohl zu thun und wehmütig ruhten ihre Blicke auf der holden Gestalt.' Jetzt trat der alte Isaak ins Zimmer. Die Kranke winkte ihm, daß er näher trete und gab den Umstehenden ein Zeichen, daß sie mit dem Greise allein zu bleiben wünsche. Eine feierliche Stille trat ein, nur unterbrochen von dem schweren Atmen der Leidenden. Sie ergriff seine Hand und in den Augen des Greises perlte eine Thräne. , Reb Isaak," begann sie mit kaum vernehmbarer, abgebrochener Stimme, „meine letzte Stunde naht und bald werde ich zu meinen frommen Eltern eingehen. Ich will meinem Manne nichts Böses mit ins Grab nachtragen, ein böser Dämon hat ihn erfaßt; gebe Gott, daß er seine Verblendung einsehe und den unheilvollen Pfad verlasse. Aber über die Zukunft meines Kindes will ich beruhigt sein, will ihn gegen die lauernde Gefahr geborgen wissen. Reb Isaak, das, was mein Mann seiner gesunden Frau verweigerte, wird er der sterbenden nicht versagen, noch dazu, wenn Sie ihm mit Ihren beredten Worten die Sache ans Herz legen werden. Und so bitte ich Sie, opfern Sie einer Sterbenden Ihren Stolz und bitten Sie meinen Mann im Namen seiner sterbenden Frau um die Hand seines, meines Sohnes für Ihre Enkelin. Reb Isaak, zögern Sie nicht, meine Minuten sind gezählt und ich möchte noch die Hände der Kinder ineinander legen." Schweigend und feierlich begab sich Reb Isaak in das anstoßende Gemach, um sich seiner Mission zu entledigen. Philipp war jetzt in einer Gemütsstimmung, welche an Verzweiflung grenzte. Er mußte sich in seinem Innern eingestehen, daß sein Betragen seine Frau aufs Krankenlager geworfen; sah er doch, wie sie immer mehr dahinsiechte, wie die Gewissenspein ihr das Leben vergälle und ihr die Ruhe raube. Jetzt, da es bereits zu spät war, machte sich die Reue geltend. Er führte nicht seine hohlen Phrasen im Munde und merklich erblaßte der vermeintliche „Fortschritt". Er fühlte eine unaussprechliche Leere in seinem Herzen und wußte nicht, womit die Lücke auszufüllen. Sein ganzes Wesen befand sich in einer moralischen Revolution und fand nirgends einen Stützpunkt. Als die hohe, imponierende Gestalt Reb Isaaks auf der Thürschwelle erschien, erhob er sich unwillkürlich, und wie von einer bangen Scheu ergriffen, wagte er nicht, dem Greise ins Gesicht zu schauen. Reb Isaaks ganze Haltung hatte etwas Feierliches, Ehrfurchtgebietendes und seine Worte kamen langsam über seine Lippen: „Herr Nagelfein, nach langer Zeit stehen wir uns wieder in einer schweren.Stunde gegenüber und eine traurige Veranlassung führte mich in Ihr Haus. Ja, Unter welch veränderten Verhältnissen sehen wir uns jetzt! Sie, von Ihrem Gelde geblendet und von einem Wahne befangen, haben Ihre Vergangenheit verleugnet und dadurch Ihrer Frau das Herz gebrochen. Aber ich will nicht mit Ihnen rechten, denn nicht dazu stehe ich hier. Ich komme im Aufträge Ihrer FraU, der nur Gott noch helfen kann. Sie wissen, daß es von jeher ihr Wunsch gewesen, unsere Kinder vereint zu sehen, daß sie dies meiner verstorbenen Tochter versprochen hat, und wenn ich dieses Thema seit Jahren nicht berührte, so geschah es nur infolge Ihrer veränderten Verhältnisse. Aber nun bittet Sie Ihre sterbende Frau, ihr das Scheiden von dieser Welt zu erleichtern und ihren sehnlichsten Wunsch zn erfüllen. Werden Sie diese letzte Bitte Ihrer Frau versagen?" Herr Philipp stand gebeugt, keines Wortes mächtig da. Er drückte schweigend die Hand des Greises und schritt ihm ins Krankenzimmer voran. Robert und .Mirjam umstanden das Lager uird Frau Lea schien bereits den Flügelschlag des Todesengels zu verspüren. Philipp legte die Hände der jungen Leute ineinander und sein flehender Blick s bien die Sterbende um Verzeihung zu bitten. Wie ein überirdischer Strahl zuckte es aus ihrem Gesichte, ihre halbgebrochenen Augen belebten sich für einen Moment, ruhten mit mütterlicher Liebe auf der jungen Gruppe, sie bewegte den Arm wie segnend, ihr Blick streifte versöhnend ihren Mann und blieb auf Reb Isaaks Gestalt hasten. Und tiefe, feierliche Stille trat ein, Philipp wandte sein Gesicht ab, sein gepreßtes Herz machte sich in einem Thränenstrome Lust und zerknirscht schlug er sich reuevoll an die Brust. Immer schwächer wurden ihre Atemzüge, noch ein letztes Aufflackern, noch ein letzter Blick und ihr entseelter Körper fiel zurück in den Pfühl. Der alte Isaak verrichtete ein Gebet für ihr Seelenheil und das junge Paar benetzte mit seinen Thränen die irdische Hülle derer, die gefallen war als Opfer des „Fortschritts". Hier und dort. * Berlin, 11. August. Der Ausschuß des „Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes" hat sich in seiner letzten Sitzung konstituiert. Znm geschäftsführenden Vorsitzenden wurde Prof. Dr. Martin Philippson und für das Amt des einen der beiden Mitvorsitzenden Justizrat Josephthal-Nürnberg geivählt. Die Ernennung des anderen Mitvorsitzenden wurde vertagt. Für den Fall der Behinderung des geschäftsführenden Vorsitzenden haben sich die Herren Syndikus Dr. Minden und Rechtsanwalt Dr. Silberstein zur Vertretung bereit erklärt. * Berlin, 11. August. Freiherr von Hammerstein, der sich seit dem 10. d. M. in der Strafanstalt Lehrterstraße 3 (Zellengefängnis) befindet, hat sich, wie verlautet, jetzt einigermaßen mit seinem Schicksal abgefunden, wenn ihm auch die strenge Hausordnung, die jedwede Erleichterung des Looses der Sträflinge aus Privatkosten ausschließt, besonders in der ersten Zeit nach seiner Ueberführung nicht recht behagen wollte. Am schwersten scheint er sich in die strenge Jsolierhaft finden zu können, welche ihm die Begegnung und Unterhaltung mit anderen Gefangenen unmöglich macht. Es erstreckt sich auch - Nr. 33. dern sie Silt autJ sie sich ->us und in der Ktrch Isolierzelle verlä legen, welche zugl besch-istigung anl stein mit Flickar * Berlin, l welcher der Zech Hunden die „Höst betitelt: De vet. die Methode der Tie philosophisch Anlaß der fünf; ihres ehemaligen ausgefertiglen D Jahrhundert die 's brochen und nicht wonnen, sondern 1 denTienstderedels * Berlin, 11 Tugenden, die un werden. 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