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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-14 · 33 (14.8.1896) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
33 (14.8.1896)
Date
1896-08-14
Page
Seite 558 (sequence 12)
Language
German
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Seite 558. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 33. wird. Bei Esra nahmen sie an der Vorlesung der Thora teil und besonders an allen frohen und freudigen religiösen Ereignissen, wie am Essen des Lammes am Passahsest, u. s. w.*) Aus demselben Grunde, der die Wallfahrten der Frauen verbietet, nämlich aus der Berücksichtigung des Körperzustandes, besonders als Mutter, die einer Pflege und Schonung bedarf, welche der robuste Mann absolut nicht kennt, — glaube ich — sind auch all die seltsamen Vorschriften wegen angeblicher „Unreinheit" entstanden. Ich meine, die alten Lehrer haben sich hierhin weniger als vornrteilsvolle Orientalen denn vielmehr als aufgeklärte Männer gezeigt. Sie wußten recht gut: die Masse mußte oft durch Aberglauben und Furcht gebändigt werden. Das unwissende und unruhige Mannesvolk damaliger Zeit mußte in Zaum und Zügel gehalten werden. Dazu diente der ganze Aufwand teils mystischer, teils peinlicher Vorschriften, welche die beabsichtigte und notwendige religiöse Furcht hervorbrachten. Zu diesen Schreckgespenstern gehörte die „Unreinheit des Weibes" während und nach der Schwangerschaft. Wenn das, sonst durch Müh und Arbeit mannigfach geplagte Weib, noch geplagter sobald bereits etliche Sprößlinge an ihrem Rocke hingen, leidend war in den ihren: Geschlecht eigentümlichen Zuständen, dann begab es sich in eine strenge Abgeschlossenheit; — natürlich gestattete ihr diese Abgeschlossenheit eine Ruhe und körperliche Unthätigkeit die ihr Wohltat, in der sie sich erholte. Trat die Mutter aus dieser Abgeschlossenheit wieder Heralls, so mußte sie gewisse Bäder nehmen und Opfer rc. bringen, damit sie wieder „rein", d. h. frisch und gesund wurde; die Bäder waren jedenfalls die Hailptsache, und die Opfer eine Zugabe, wie das Rezept des Arztes, der dem Bauer eine Einreibung verschreibt; die Salbe soll nur dem Bauer imponieren, das Reiben bringt die Heilung. — Ward so die Frau von religiösen Pflichten, Zeremonien in der Synagoge, u. s. w. befreit, so motiviert der Talmud dies ausdrücklich, indem er sagt: „damit die Frau die Kinder erziehe". Waren diese so weit, daß sie zur Synagoge gehen konnten, dann bestand die Pflicht der Mutter, sie dahin zu führen oder führen zu lassen. Talmud Berachot 17 a, sagt: „Verdienstvoll ist es, wenn die Mütter ihre Kinder zum Tempel bringen." Die Erziehung der Kinder zur Sitte und Sittlichkeit war ganz in die Hand der Mutter gelegt. Die Söhne erzog sie zur Gesundheit und Gottesfurcht, die Töchter obendrein noch in allen häuslichen Dingen, weiblichen Handfertigkeiten und nützlichen Arbeiten jeder Art. Religiöse Uebungen durch - flochten dabei das ganze Dasein im Hause. Gerade indem die Frauen von den meisten rein zeremonialen Vorschriften entlastet waren, blieb ihnen die Freiheit, ihre Zeit und ihren Einfluß aus Ausbildung des innerlichen religiösen Lebens anzuwenden. So ward die jüdische Mutter die erste Erziehung des nachwachsenden Geschlechts. Mir ist in der jüdischen Geschichte nur ein Fall aufgestoßen, wo von einer entarteten Mutter die *) V. 2. „Da brachte Esra, der Priester, die Lehre vor die Versammlung vor Mann und Weib. V. 3. und das las darin auf dem Platz vor dem Wasserthore, vom Hellwerden bis zum Mittag, vor den Männern und Weibern und denen sie erläutenden und die Ohren des ganzen Volkes waren auf das Buch der Lehre gerichtet." (Nehemia, 8 Kap. 11. u. 111). Rede ist und zwar ist die betreffende (Alexandra, Mutter Mariamnes l.) offenbar so von entsittlichendem römischen Einfluß angekränkelt, daß von einer Jüdin in dieser Königin nicht viel mehr übrig war. Wo sonst das jüdische Weib als Mutter erscheint, ist sie verehrungswürdig liebevoll. Selbsi Ungerechtigkeiten, die sie sich etwa zu Schulden kommen läßt, wie, um ein altes Beispiel anzusühren, die Verstoßung Hagars mit Jsmael um Isaaks willen, die Benachteiligung Esaus wegen des geliebteren Haussohns Jakob, erscheinen als Ausflüsse verzeihlicher Vorliebe der Mutterzärtlichkeit. Kennzeichnend ist der Unterschied, der im Talmud waltet, inbetreff der Haltung, die er elterlicher Gewissenlosigkeit gegenüber beobachtet. Stets ist in diesem Falle nur vom Vater die Rede. Wenn ein Vater sich weigerte, seine Pflicht gegen die Kinder zu erfüllen, so wurde er auf die verschiedenste Art dazu veranlaßt oder geradezu gezwungen, oder wo dies nicht anging, unter Wahrung bestimmt vorgeschriebener Formalitäten öffentlich bestraft und beschämt. Von der Mutter ist hier nirgends die Rede. Gewiß nicht aus Versäumnis, denn die Gelehrten des Talmud wissen all und jedes zu berücksichtigen, und in das feine und feste Netz ihrer Gesetzesmacht zu spannen, — aber Bibel und Talmud gehen von der Auffassung aus, daß eine Mutter unmöglich ihre Pflichten vernachlässigen könnte, oder gar sie verletzen. Ein glänzenderes Zeugnis für die Hochachtung des Weibes vonseiten des Judentums ist unnötig. Immer wird die Lehre der Mutter neben der des Vaters genannt. Zahlreich sind die biblischen Gebote, die Mutter zu ehren. „Ehre Vater und Mutter" (2. Buch Mose 21, 12). „Jeder fürchte seine Mutter und seinen Vater" (3. B. M. 19, 3). Interessant ist als Erläuterung hierzu ein Abschnitt im Traktat Kidduschin. Der Rabbi sagt: es ist dem Allwissenden bekannt, daß das Kind die Mutter mehr ehrt und liebt als den Vater, weil sie es sanfter behandelt, daher steht bei dem Gebot der Ehre erst der Vater, dann die Mutter, um anzudeuten, daß es kindliche Pflicht ist, den Vater auch wie die Mutter zu ehren. Vor dem Vater aber hat das Kind mehr Furcht als vor der Mutter, weil er es mit Strenge zur Arbeit und Pflicht anhält, daher steht bei der Furcht erst die Mutter, dann erst der Vater, um anzudeuten, daß es kindliche Pflicht ist, auch die Mutter wie den Vater zu fürchten. Zu den schwersten Flüchen gehören jene über die unnatürlichen Kinder, welche ihre Eltern nicht ehren. „Verflucht sei, der verachtet seinen Vater und seine Mutter, und das ganze Volk spreche Amen." (5. B. M. 27, 6). „Hüte, mein Sohn, das Gebot Deines Vaters und lasse nicht von der Weisung Deiner Mutter." (Sprüche Sal. 6, 20). „Geringschätze Deine Mutter nicht, wenn sie alt wird". (Spr. Sal. 6, 23). „Freuen wird sich Dein Vater und Deine Mutter und jubeln wird Deine Gebärerin." (Das. 22, 25). „Das Auge, das des Vaters spottet, und den Gehorsam gegen die Mutter mißachtet, mögen die Raben des Thales anshacken, und die Jungen des Adlers fressen!" (Das. 30, 17). Sinnvoll ist der Unterschied: „Ein weiser Sohn erfreut den Vater, ein thörichter ist die Plage seiner Mutter." (Ebendaselbst). Die Mutter nämlich hat die häusliche Erziehung; gelingt sie,

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