Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 33 (14.8.1896)
- Date
- 1896-08-14
- Page
- Seite 555 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33. Nr. 33. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 656. um «-ÄÜTS ® «walMta, 8Bt(l *»'»fc6pip(ans Lederherstellung des unter- Zu Jerusalem führten. Nun r Sadduzäer und Pharisäer, ^e zwischen dem „Tempel' rden können. Die Sadduzäer Ulen es gewöhnlich auch die die Pharisäer waren die ferenzpunkte zwischen den bekanntlich die linste rbre leugneten. In den Bec sadduzäischen und pharilnkt die größten Schwierig-;e ergiebt sich dieser Streitte Volksleben Israels für „Lehre Moses" begründete r Seele nach dem Tode erschien dadurch als die Sadduzäer aber erklärten 'ter- und Tempeltum als en Volkslebens auch dem ern der Körper lebe noch, Vorrang vor dem Körper in zu jener Zeit alle göttinter den Symbolen des chen suchte, so wirv man hne weiteres abweisen, glich darauf an, zu zeigen, Zentralorgans im Seelenin Element, vor dein m feine ©pur nachgewiesen je tm den des Deuters- Ereignissen das Vergängliche von dem Ewigen unterschieden.„Es dorrt das Laub, es welkt die Blüte, aber das Wort unseres Gottes besteht in alle Ewigkeit!" An der Spitze dieser Männer stand Rabbi Jochanan beu Saccai. Er hatte die Vergänglichkeit des „Laubes" und der „Blüten" schon vorausgesehen, als noch „der Sturm vom Ewigen sie nicht herabgeweht hatte". Er gehörte zwar nicht zu den Römlingen, die dem „Sturm vom Ewigen" zuHilfe kamen und zu Verrätern au ihrem Volke wurden. Erst als das zelotische Regime in Jerusalem die Existenz des Stammes bedrohte, flüchtete er zu den Römern, die nur „Laub" und „Blüten" uiederreißen, aber nicht den Stamm umhauen wollten. Den Männern dieser Schnle, die alle aus den Reihen der Pharisäer hervorgingen, war die Unmaßgeblichkeit der Idee, die Wandelsbarkeit der Form, die Deutero-Jesaias einst als etwas Neues gepredigt hatte, eine nur zu geläufige Vorstellung geworden. Sie hatten die Wandelbarkeit der Form noch während des Bestehens der Form kennen gelernt, indem die Form ihren bedeutenden Inhalt verlor und zur leeren, aber unheilschwangeren Formalität wurde. So war unter Herodes der israelitische Königsthron der entweihte Sitz eines ausländischen, köuigsmörderischen Vampyrs geworden, eine Tod und Verderben unberechenbar drohende Form. Der Tempel, der Opfer-Kultus war die Domäne herrschsüchtiger, unwürdiger, voltsverräterischer Priester geworden, — eine bedeutungslose, aber gesahrdrohende Form, weil sie jeden Allgenblick Veranlassung zu blutigen Kämpfen mit Rom gab. Für Jochanan den Saccai mld seine Gesinnungsgenossen existierte Israel ohne Volksleben, ohne Tempel und ohne Priester schon lange vor der Eroberung und der Zerstörung des Tempels durch Titus. Verhinderte sie auch die Pietät vor diesen, wenn auch abgestorbelle», aber doch immer ihrem teuren Volke angehörigeu Organen, einer Vernichtung durch fremde Macht Vorschub zu leisten, so diente ihre Erkenntnis von der eingetreteuen Leerheit und Unwürdigkeit dieser Formen doch dazu, daß sie, als die Katastrophe eintrat, ihre Fassung nicht verloren, sondern mit Geistesgegenwart und Besomrenheit beu Forderungen der Wirklichkeit und den Aufgaben der Gegenwart sich hingeben konnten. Wir wissen, daß unter Jochanan den Saccai und seiner Schule, wie einst unter Esra, die „Lehre Moses", jetzt die „mündliche Lehre", die Tradition, deren Sichtung, Sicherstellung und schließliche Fixierung durch Niederschrift, das Hauptelement, das Zentral-Orgau in dem Seelenleben Israels wurde, —ein in dieser Bedeutung wiederum ganz neuesElement. Die „dürren Blätter", die „welken Blüten" waren abgefallen, der „Sturm vom Ewigen" hatte sie herabgeweht, der Stamm trieb neue Blätter und Blüten — neu wenigstens inbezug auf die Menge und die Ausdehnung, da nun die ganze Kraft des Baumes ausschließlich diesen neuen Blättern und Blüten gehörte. Ja in der Devise des Deutero-Jesaias trat nur der Nebensiuu der Kausalität mit größerem Nachdruck hervor: „Es dorrt das Laub, es welkt die Blüte, damit das Wort unseres Gottes in Ewigkeit besteht." So hat Israel die schlimmste Katastrophe überstandeu, die einen geschichtlichen Organismus treffen kann: die unbestechliche Ethik Israels, die unauslöschliche Pietät vor der Wirklichkeit war „der Engel, der Israel erlöst hat aus jedem Uebel". „Israel besteht!" — das war immer der Obersatz zu allen Schlüssen und Entschlüssen, die gezogen und gefaßt wurden, und aus diesem Obersatz mußte sich alles ergeben. Die letzte Katastrophe im Kampfe zwischen Judäa und Rom war die glänzendste Bestätigung der Deutero- Jesaianischen Theorie des geschichtlichen Empirismus. — Sollen wir die weitere Geschichte Israels bis auf die Gegenwart unter diesem Gesichtspunkte beleuchten? Das würde uns hier zu weit führen. Auch kann dies dem denkenden Leser überlassen werden. Wie auch die Verhältnisse wechseln, wie tausendfach verschieden auch der geographische Schauplatz und die geschichtliche Situation sich gestaltet: immer und überall steht die Existenz in erster Linie — nicht als Forderung für das ethische Verhalten des Einzelnen, wie die zahllosen Martyrien beweisen, sondern als Thatsache in der religiössozialen Beurteilung. Gilt ja in Israel selbst für die Einzelexistenz der religiös-gesetzliche Grundsatz: en loeb dowor scheaumed bifne pikuach nepesch, „Es giebt nichts, was bestehen bleibt, wenn das Leben in Gefahr ist", bis auf Götzendienst, Mord und Familieu-Reinheit. Dieser Grundsatz in den vergrößerten Dimensionen geschichtsphilosophischer Spekulation ist der Kern der Deutcro-Jesaianischeu Theorie. — _ (Schluß folgt.)!Vc>chen-(Ok?ronik. Berlin, 13. August. — Hieronymus Lorm, wie sich unser berühmter Glaubensgenosse Dr. Heinrich L a n d e s m a n n nennt, beging am 9. d. M. das Jubiläum seiner fünfzigjährigen litterarischeu Thätigkeit und feierte zugleich seinen sünfuudsiebzigsteu Geburtstag. Daß er dies Alter, und zwar in voller geistiger Frische erreichte, erscheint fast ebenso wunderbar wie die Thatsache, daß er ein so reiches geistiges Leben führen und in mannigfachen Schriften den glänzenden Beweis dafür liefern konnte. Hat er doch seit vielen Jahren schon auf den Gebrauch der wichtigsten Sinneswerkzeuge, der Augen und des Gehöres völlig verzichten müssen. Blind, taub und durch andere körperliche Leiden an einen Ort gebannt, steht er mit der Außenwelt nur dadurch in Verbindung, daß ihm die Finger treu liebender Angehörigen und verehrender Freunde und Freundinnen ihre Beobachtungen, Erlebnisse, Gedanken, Empfindungen, die Vorgänge aus allen Gebieten des Lebens, ja den Wortlaut der Zeitungen und Bücher durch Zeichen mitteileu, die sie mit der einen Fingerspitze in seine innere Handfläche ziehen und drücken. Und dennoch hat der außerordentliche Mann das scheinbar Unmögliche erreicht, sich innerlich von dem Druck solchen Leidens so zu befreien, daß er sein Leben mit heiterer Resignation erträgt und sich die höchsten Geistesfreuden nicht verkümmern läßt. Das bewundernswerteste Zeugnis dafür liefert Lorms 1894 im Verlage der litterarischeu Gesellschaft zu Wien erschienenes Werk „Der grundlose Optimismus". In der gesamten Presse ist es seiner Zeit eingehend besprochen und seiner hohen Bedeutung, der bahnbrechenden Kraft, der Originalität, Fülle und Tiefe seines Gedaukeuiuhalts entsprechend gewürdigt worden. Vor