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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-14 · 33 (14.8.1896) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
33 (14.8.1896)
Date
1896-08-14
Page
Seite 554 (sequence 8)
Language
German
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Seite 554. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 38. der gegenwärtigen Wirklichkeit — was, nebenbei gesagt, Tautologie ist, denn nur die Gegenwart ist Wirklichkeit — nicht kongruent ist, das ist „Laub, das dorrt, ist Blume, die welkt, weil ein Sturm vom Ewigen sie angeweht hat." Die Wirklichkeit, das Bestehende hat immer Recht gegenüber der Idee, denn „das Wort unseres Gottes besteht in atte Ewigkeit", — das Kennzeichen für das, was „das Wort unseres Gottes" ist, besteht eben in seinem ewigen Bestände, in der nie wandelnden Wirklichkeit. Die Ewigkeit ist eben auch nichts anderes als die unendliche Kette der Gegenwarten, die unendliche Reihe der jedesmaligen Wirklichkeiten. Streicht „Wirklichkeit" und „Gegenwart" aus der „Ewigkeit", und was übrig bleibt, ist — nichts. Also ist es auch nur die Gegenwart und die Wirklichkeit, was den Maßstab für das „Wort unseres Gottes" abgiebt, folglich kann keine Wirklichkeit und keine Gegenwart von irgend einer Theorie ihr Todesurteil empfangen. Israel existiert, also ist die Theorie, die das Israel der Existenz für nicht existierend, für „Nicht-Israel" erklärt, als falsch zu erklären. Das ist die große, ewig tröstliche Lehre des Propheten, welche in der vielgerühmten, unendlichen Assimilationsfähigkeit Israels begründet ist, welche in den schlimmsten Zeiten, wo Verderben und Untergang unvermeidlich zu sein schienen, den wahrhaft großen Männern Israels als ermutigende Fahne voranwehte, die Lehre: Nicht die Idee, sondern die Wirklichkeit entscheidet über „Sein oder Nichtsein"; die Lehre: So lange Israel existiert, wird es sich, vermöge seines unerschöpflichen „Willens zum Leben" und seiner nie erlahmender! organischen Gestaltungskraft, die zu seiner Existenz notwendigen volkspsychen Zentral- Organe immer wieder aus sich heraus erzeugen; die Lehre: Israels geschichtliches Leben ist nicht an eine einzelne, starre, unwandelbare Form gebunden, sondern es wechselt im Kampfe ums Dasein die Form, um die Existenz und das Leben fortzusühren. Aesthetisch groß ist das wohl nicht, aber ethisch groß. Der tragische Heroismus, der mit dem Kopf durch die Wand rennt und lieber untergeht, als seinen Trotz beugt, ist wohl ästhetisch größer. Aber die ethische Größe Israels, die in der Selbstüberwindung begründete Fortdauer und Ewigkeit, geht über die Grenzen des ästhetisch Großen hinaus, denn das Aesthetische setzt Grenzen voraus, verlangt Abgeschlossenheit, Uebersichtlichkeit, Umrahmung, und es ist nur eine Verkennung der Schranken des Aesthetischerr, wenn man tragischen Tod höher preist als ethische Fortdauer. Die Größe Israels liegt in seiner für alle Aesthetik zu großen Ewigkeit, gleich der Größe des ästhetisch ebenfalls nicht darstellbaren Göttlichen: „das Wort unseres Gottes besteht in alle Ewigkeit". Die Theorie unseres Teutero-Jesaia hatte vor allem den Erfolg, daß Israel nicht an sich selbst verzweifelte, nicht sich selbst aufgab, daß Israel an seine Existenz glaubte und nicht seiner Fortdauer entgegenarbeitele; daß es sich weniger um die „vom Sturm des Ewigen angehauchten, hingedorrten Blätter und hingewelkten Blüten" bekümmerte, sondern mit der Lebenskraft des vorhandenen Stammes nach Hervorbringung neuen Laubes und neuer Blüten strebte. Daher kam es, daß, als Babylon von Cyrus erobert wurde, Israels Führer mit erneutem Selbstbewußtsein und verjüngtem Selbstvertrauen die Gelegenheit wahrnahmen, um Israels Lebenskraft zu bethätigen. Durch die freundliche Gesinnung des Perserkönigs konnte man an die Zurücksührung eines Teils der Exilanten nach Jerusalenr und den Aufbau des Tempels denken. Wir wissen, wie mühselig das gelang. Erst als durch Esras großartige Thätigkeit die „Lehre Moses" sich zum Mittelpunkte, zum Zentralorgan des israelitischen Lebens emporarbeitete, gewann auch der Tempel und der Opserkultus wieder an Bedeutung. Diese Bedeutung wuchs, als unter Antiochns Epiphanes die glorreichen Makkabäersiege zur Wiederherstellung des unterbrochenen Opserkultus im Tempel zu Jerusalem führten. Nun entspannen sich die Parteikämpfe der Sadduzäer und Pharisäer, welche als ein Kampf um Hegemonie zwischen dem „Tempel" und der „Lehre Moses" angesehen werden können. Die Sadduzäer waren die Priesterpartei, mit denen es gewöhnlich auch die hasmonäischen Könige hielten; die Pharisäer waren die Schriftgelehrten. Einer der Differenzpunkte zwischen den Sadduzäern und Pharisäern war bekanntlich die Unsterblichkeit der Seele, welche erstere leugneten. In den Bemühungen zur Systematisierung der sadduzäischen und pharisäischen Differenzen macht dieser Punkt die größten Schwierigkeiten. Nach unserem Gedankengange ergiebt sich dieser Streitpunkt ganz von selbst. Die Pharisäer erklärten das alte Volksleben Israels für abgestorben und die neue, durch die „Lehre Moses" begründete Blüte nur als ein Fortleben der Seele nach dem Tode des Körpers; die „Lehre Moses" erschien dadurch als die Seele des alten Volkslebens. Die Sadduzäer aber erklärten das wiedererstandene König-, Priester- und Tempeltum als eine einfache Fortsetzung des alten Volkslebens auch dem Körper nach: nicht die Seele, sondern der Körper lebe noch, und es gäbe keine Seele, die einen Vorrang vor dem Körper zu beanspruchen habe. Wenn man bedenkt, wie sehr man zu jener Zeit alle göttlichen und nationalen Verhältnisse unter den Symbolen des individuellen Lebens zu veranschaulichen suchte, so wird man einen solchen Pragmatismus nicht ohne weiteres abweisen. Uns kommt es übrigens hier lediglich daraus an, zu zeigen, wie durch Esra und im Pharisäismus ein verhältnismäßig neues Element zur Bedeutung eines Zentralorgans im Seelenleben Israels sich entwickelt hatte, ein Element, vor dein im Deutero-Jesaia, ja noch im Secharia keine Spur nachgewiesen werden kann. Jerusalem wurde zum zweiten Male erobert, der Tempel zum zweiten Male zerstört, das Volk wurde zerstreut nach allen Richtungen der Windrose, — wiederum stand Israel da ohne Vaterland, ohne Volksleben, ohne Opfer, ohne Priester, ohne Tempel, und auch im Innern ohne Einheit, zersplittert in Parteien, von welchen die mächtigste, die Zeloten, von unauslöschlichem Römerhaß erfüllt war und Kamps bis auf den letzten Mann als patriotische Pflicht forderte. „Ein vom römischen Adler beherrschtes Israel ist kein Israel, darum lieber Untergang als Ergebung" — das war die Parole der Zeloten. Aber wieder gab es Männer, welche im Geiste des Deutero- Jesaias über den Parteien und über den Ereignissen das

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