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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-14 · 33 (14.8.1896) · p. Seite 552

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
33 (14.8.1896)
Date
1896-08-14
Page
Seite 552 (sequence 6)
Language
German
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Seite 552. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 33. auch von gediegener Solidität. Er ist kein Verächter des Pomps, aber dieser muß in einem gewissen historischen Stil gehalten sein. Der Patrizier will auch die Gegenwart genießen, nur darf sie keinen revolutionären Charakter haben und nicht den alten Traditionen ins Gesicht schlagen. Der Patrizier ist nicht stabil, wie der Aristokrat, er ist zuviel Kaufmann, um die Gegenwart zu mißachten. Aber er will den Stolz auf seine Familien-Traditioneu aus der Vergangenheit auch genießen. So liebt er denn eine Komposition, in welcher Vergangenheit und Gegenwart zur Geltung kommen: entweder die Gegenwart in Kostüm der Vergangenheit oder die Vergangenheit in moderner Einkleidung. Hirsch war Meister der Kostümierungskunst. Die ältesten Zeremonien und Einrichtungen hat er durch moderne Ornamentik zeitgemäß gestaltet: die koscher» Restaurationen und Metzgereien, den Talmud - Unterricht in der Realschule, die Liturgie durch Jaffeschen Chorgesang, Talar, Bäffchen, Prozessionen u. s. w.; er hat aber auch das moderne Leben in traditioneller Einkleidung der Orthodoxie zugänglich gemacht. Dahin gehört die Stellung, die er der modernen Bildung und Wissenschaft in der Schablone der Orthodoxie zuwies; dahin gehören-die „kosichern Maskenbälle," die die orthodoxe Gemeinde im „Zoologischen Garten" abzuhalten pflegt, und dergl. mehr. Für die Frankfurter Patrizier-Orthodoxie, die Orthodoxie in Glace, war Hirsch der Mann der Prädestination. — Alles dies fehlte dem Herrn Dr. Breuer, und darum war er eben nicht der Mann für die Frankfurter Patrizier- Orthodoxie. Ans Oesterreich. O. W. Wien, 7. August. Seitdem einer ihrer Großen den Ausspruch gethan, daß es einerlei sei, ob fakultativer oder obligatorischer Antisemitismus, befinden sich Mutter Germanins Heldensöhne in einem bedauerlichen Meinungszwiespalt. Es handelt sich auch um keine Kleinigkeit. Ist Jndentotschlagen eine nationale Pflicht, sozusagen das A-B-C des Nationalgedankens oder spielt es in den Lehr- und Lernjahren des arischen Deutschen jene Rolle, die etwa dem Zeichner oder dem Turner in unserem Gymnasiallehrplan zukommt, die Rolle eines „freien Gegenstandes", dessen Studium dem Privatfleiß überlassen bleibt. Das ist die wahre Bedeutung des Unterschiedes zwischen fakultativem und obligatorischem Antisemitismus, jener feinsinnigen Spezifikation, auf die sich dermalen die Führer der Deutschen in Oesterreich soviel einbilden. Der Jude wird auf jeden Fall totgeschlagen. Das steht einmal fest. Darüber zu rechten wäre widersinnig und höchst überflüssig. Aber der unbefangene Beobachter wird sicherlich einsehen, daß es „dem Juden lieber sein muß, wenn ihn der „fakultative Anti" totschlägt, jener Anti, dem das Judentotschlagen ein feinsinniges Vergnügen, ein ästhetischer Genuß, die liebevolle Beschäftigung seiner Mußestunden bildet". Der Mann geht doch viel zielbewußter, planvoller zu Werk als der obligatorische Antisemit, dem das Judentotschlagen eine brutale, unabweisliche Pflicht ist. Daraus folgt zur Evidenz, daß die Juden die fakultativen Antisemiten wählen müssen, sonst stecken die obligatorischen allein die Abgeordnetendiäten ein. Und das zu verhindern, ist Pflicht der jüdischen Stimmzettel. Wer solch klaren politischen Gedankengang nicht erfaßt, der ist wirklich auf den Kops des Herrn Strohbach gefallen. Aber es verlohnt sich doch, der Sache ein klein wenig näher zu treten. Aus Graz wird neuerdings der Wert des fakultativen Antisemitismus gepredigt. Die Grazer Fakultativen sind nämlich gekränkt, daß sie von den Wiener Obligatorischen nicht voll genommen werden, und sie geben sich redliche Mühe, jene Unbedingten und Unverfälschten eines Besseren zu belehren, die aus Schönerers Bärenhäuten liegen und noch immer Eins trinken und schimpfen. Aus der grünen Steiermark, wo die Kröpfe, die Feichtingers und die nationale Gesinnung so herrlich gedeihen, kommt nämlich die Aufklärung, daß das gegenwärtige Aufblühen des Antisemitismus eigentlich ein Verdienst Dr. Kummers und seines fakultativen Antisemitismus sei. Dadurch sei die Angliederung „Neutraler" an die Nationalpartei ermöglicht worden, und diese Neutralen seien dann durch den freundschaftlichen Verkehr mit antisemitischen Klubgenossen für die Gründe der Aickisemiten empfänglicher geworden. So habe der fakultative Antisemitismus die später offene Stellungnahme der Nationalpartei gegen das Judentum und diese wieder als weitere antisemitische „Etappe" das Programm der Deutschen Volkspartei geboren. Mit vielen Worten ist damit der einfache Ersahrungssatz ausgesprochen, daß die Gesinnungskrätze ebenso ansteckend ist, wie andere epidemische Krankheiten, während sich leider nicht behaupten läßt, daß ein Gesunder durch seine bloße Anwesenheit andere gesund gemacht hätte. Wir sind von dem „Werte" des fakultativen Antisemitismus vollständig überzeugt, in uns hat die Grazer Weisheit ebenso belehrsame als dankbare Adepten gefunden. Uns ist es schon längst klar, welch prächtige Wirkung der fakultative Antisemitismus beispielsweise im Deutschen Schulverein erzielt hat. Hier wurde mit allen Mitteln der Gefahr vorgebeugt, daß etwa einem Judenkind zu viel des deutschen Unterrichtes gewährt werde. Kein Opfer war den fakultativen Schulvereinantis zu groß. Und schmunzelnd müssen die Unbedingten anerkennen, daß man bereitwilligst deutsche Kinder der Slavisierung preisgab, wofern es nur gelang, einem Judenbuben oder einem Judenmädchen die Thüre der Vereinsschule vor der gebogenen Nase zuzuschlagen. Den schuldigen Mann geht's Grausen an! In sämtlichen antisemitischen Blättern finden wir erlogene Nachrichten von den Delegiertenversammlungeu der jüdischen Gemeinden, in denen die Parole ausgegeben worden ist: „Los von den Deutschen." Das Gesindel ahnt, daß die Juden aufhören, Gourmands des Totgeschlagenwerdens zu sein, daß ihnen nachgerade die Sauce gleichgiltig wird, in der sie für das nationale Festmahl zubereitet werden sollen. Wir wollen nicht, daß unsere fakultativen Freunde vor den obligatorischen erröten müssen. Wir muten ihnen nicht zu, dasjenige als Sport zu betreiben, was bei Anderen ernste Lebensaufgabe bildet. 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