Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- Seite 546 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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f " T, j : Seite 546. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. Vorsteher der Anstalt. Nach einleitenden Gesängen und Gebeten bestieg Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt die Kanzel, um die Festrede des Tages zu halten. Redner sprach iiber die Vergänglichkeit des Lebens sowie die allen Schmerz der Erde verklärende Menschenliebe und gedachte des Weges, den die Anstalt seit 22 Jahren gegangen. Aus dürftigen Anfängen entstanden, sei das Hospital eine vielbegehrte Zufluchtstätte der Armen und Bedrückten, der Beladenen und Schmerzensreichen geworden. Im letzten Jahre habe die Anstalt 171 Kranken die Pforten der Heilung und Genesung öffnen dürfen. Aber noch sei vieles zu thun. Der Raum sei zu eng, das Haus zu klein, nicht der fünfte Teil der um Aufnahme Bittenden könne berücksichtigt werden. Deshalb habe die Anstalt im letztvergangenen Jahre das Nachbargrundstück hinzugekaust, damit aus erweitertem Terrain ein neuer Bau sich erhebe, nicht stolz und prunkend, sondern einfach und schlicht, aber lustig und weit, wie die Gesundheitspflege der modernen Zeit es gebiete. Mit einem Appell an die nie versagende Liebe edler Menschen, auch zu diesem großen Werke mit Einzelspenden und größeren Stiftungen zum Neubau und dessen Einrichtung Beihilfe zu leisten, schloß die Festrede, welche einen tiefen Eindruck aus alle Erschienenen machte. Möge reicher Erfolg das edle Streben lohnen! Mit einem Seelengebete für die Heimgegangenen Wohlthäter der Anstalt und dem Gebete für Kaiser und Vaterland schloß die ernste, erhebende Feier. X Karlsruhe, 31. Juli. Der Redakteur der hier erscheinenden antisemitischen „Deutschen Volksmacht", Christian Faas, ist seiner Zeit vom Schöffengericht wegen Beleidigung der hier wohnenden jüdischen Rechtsanwälte nnd Aerzte auf deren Kollektiv-Strafantrag hin zu der Strafe von 14 Tagen Gefängnis verurteilt worden. Die Beleidigung war in einer, mehrere Tage hintereinander von dem Beklagten in seinem Blatte veröffentlichten „Warnung" gefunden worden, welche folgenden Wortlaut hatte: „Du sollst Dein Recht keinem jüdischen Advokaten, Deinen Leib keinem jüdischeil Arzt, Deine Kinder keinem jüdischen Lehrer anvertrauen, aus daß ihr nicht Schaden nehmet an Ehre, Leib und Seele." Gegen dieses Urteil des Schöffengerichts hatte Faas Berufung eingelegt und war von der Strafkammer in der erneuten Verhandlung kostenpflichtig abgewiesen worden. Nunmehr meldete er Revision bei dem hiesigen Oberlandesgericht an, welche sich auf die bekannte Judicatur des Reichsgericht in Fällen der Beleidigung einer Kollektiv-Mehrheit stützte, und vorgab, nicht die Antragsteller, sondern die jüdischen Aerzte und Advokaten im allgemeinen im Auge gehabt zu haben. Er hatte kein Glück mit dieser Ausflucht; das Oberlandesgericht wies die Revision ab, und Herr Faas wird die 14 Tage abzusitzen haben. — Hier wird, wie Sie schon gemeldet, eine Pflegeanstalt für alte und sieche badische Israeliten gegründet werden, für welche durch freiwillige Spenden bereits eine beträchtliche Summe gesammelt ist. Das Asyl, welches den Namen „Friedrichsheim" führen soll, wird zum 70. Geburtstage Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs gewidmet werden. Neu und sehr beachtenswert sind die in einer Audienz von der Großherzogiil an die Delegierten des Vereins gesprochenen Worte, wie schön die hebräische Sprache klinge und der Wunsch, „daß in den israelitischen Religionsschulen doch soviel Zeit als möglich auf das Studium dieser Sprache verwendet werden möge, denn es sei doch eigentlich Pflicht der Israeliten, wenigstens so viel Hebräisch in den Schulen zu lernen, daß sie ihre Gebote und die herrlichen Psalmen in der Ursprache zu verstehen in der Lage wären." — Möchten die Worte der hohen Frau bei manchen Religionsschulen in Karlsruhe und Mannheim, in welchen trotz oberrätlichem Lehrplane kein Hebräisch gelehrt wird, die verdiente Beachtung stnden. 6. Wien, 31. Juli. Flora Gaß, die ehemalige Geliebte des ehemaligen Chefredakteurs und jetzigen Flickschneiders Wilhelm von Hammerstein, ist, wie Ihre Leser aus der politischen Tagespresse wissen, in ihrer Heimatstadt Basel auf die Bretter, die die Welt bedeuten, gebracht worden. Dort wird nämlich am Sommertheater ein „Der Fall Hammerstein" betiteltes Theaterstück gespielt, und auf dem Theaterzettel ist in fetter Schrift der Name der Gaß als handelnde Bühnenflgur zu lesen. In einem Schreiben an den Verfasser des Opus verwahrt sich die Gaß gegen diesen ihr angethanen Schimpf, welcher, wie sie erklärt, nur getilgt werden kann durch — blinkende Münze. Zahlt der Direktor, so dürfe ihr Name aus dem Zettel figurieren; wenn nicht — nicht! Gewiß ein eigentümlicher Begriff von weiblicher Ehre, der sogar unserer „arischen" Presse unbequem ist. Sie weiß sich aber Rat, indem sie die Gaß keck und kühn zur Jüdin macht und alsdann sich sittlich entrüstet über das Verhalten der ihr nahestehenden Dame. Probatum est. — Der Abgeordnete Paul v. Pacher veröffentlicht ein Schreiben, worin er seinen Wählern die Gründe seines Austritts aus dem Gemeinderat mitteilt. Pacher bezeichnet die Ernennung des Magistrats-Direktors Tachau als den unmittelbaren Grund seines Austrittes und teilt über die damit zusammenhängenden Vorgänge im Bürger- Klub folgendes mit: „Mit dem Augenblicke, als der merkwürdige Antrag Dr. Luegers, den durch die liberale Klique großgezogeneu bisherigen Magistrats-Vize-Direktor Tachau, den leiblichen Sohn eines polnischen Juden, in der Eigenschaft eines Magistrats-Direktors an die Spitze der gesamten Wiener Stadtverwaltung zu stellen, im Bürger-Klub nahezu einstimmig angenommen wurde, war nach meiner Auschannng in das antisemitische Programm ein nicht mehr zu verkleisterndes Loch gerissen. Da ich mich weder berufen fühle, in der bisherigen Gemeinderats-Majorität eine Spaltung hervorzurufen, noch viel weniger aber noch für meine Person gewillt bin, die Mitverantwortung für einen Vorgang zu tragen, der meinen Anschauungen schnurstracks widerspricht, mußte ich einsehen, daß ich keine Veranlassung hatte, dem Wiener Gemeinderate auch noch fernerhin anzugehören, und habe daher sofort das mir übertragene Gemeinderats-Mandat in die Hände der Wählerschaft zurückgelegt." — Das Bürgerrecht der Stadt Wien wurde letzthin verliehen einem Tischler, Lackierer, Fiaker, Pflasterer, Schneiderineister, Schuhmacher, Bediensteten, Gärtner, Brunnenmacher, Briefträger, Fleischhauer, Viktualienhändler, Gemischtwaren-Verschleißer, Maurermeister, selbstverständlich durchaus Arier. Es liegt uns fern, zu bestreiten, daß die neuen Bürger Wiens der ihnen verliehenen Auszeichnung nicht würdig sind. Allein die Juden, welche mit ihrem Ansuchen um Verleihung des Bürgerrechtes Nr. 32. aus keinem anderen weil sie Juden sin für sich gehabt. Ir Umstand fein, daß Bürgerrecht von Ä eingebüßt hat und des antisemitischen der Vorhalle des 1 einigen Tagen eine -Zur Erinnerung des ersten ge Ritter Jahren einstimn weil S, hat t