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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-07 · 32 (7.8.1896) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
Seite 544 (sequence 12)
Language
German
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Seite 544. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. höhne, und verzweifelnd schlug sie die Hände zusammen. Sie sah nur zu gut, daß sie allein nichts auszurichren vermag, dazu waren ihre Kräfte zu schwach, und in ihrer Hilflosigkeit wurde sie vielleicht ihre Hände resigniert in den Schoß gelegt haben, wenn die Mutterliebe sich nicht dagegen gesträubt hätte. Hier handelte es sich auch um ihr einziges Kind; Rüben mußte dem schädlichen Einflüsse entrückt werden. Aber wie das bewerkstelligen? Sollte sie selbst den Sohn gegen die väterliche Autorität aufwiegelu und die heiligsten Bande lockern? Nun, dazu war ihr frommes Gemüt unfähig. Wenn man aber eine andere paralysierende Macht entgegensetzen könnte, wenn es ihr gelänge, ihren Sohn nach ihrem Willen zu verheiraten, so würden sich die heilvollen Folgen von selbst einstellen, er wäre naturgemäß dem bösen Beispiel entzogen und gerettet. Damit durfte man aber nicht zögern, wenn die verderbliche Saat nicht tief Wurzel fassen sollte; und wiederum schwebte Mirjams Bild ihrem Geiste vor. Sie war die Richtige; ihr mußte er Sympathie entgegenbringen, ist sie doch mit ihm groß geworden. Sie wußte es, er war dem Mädchen immer gut gewesen, war auch immer ein gehorsames Kind, und mit vereinten Kräften dürfte es vielleicht gelingen, den Vater zu bewegen, daß er in diese Verbindung willige. Wie gerufen trat Rüben eben ins Zimmer und schritt auf seine Mutter zu. Er war ein hochgewachsener, etwa 22 jähriger Jüngling, in seinem Aeußeren dem Vater nicht unähnlich, das Temperament aber erinnerte an seine Mutter. Frau Nagelfein winkte ihm näher zu treten. Robert begann von seinen Successen auf einer gestrigen Unterhaltung zu erzählen, daß er von aller: Seiten mit Aufmerksamkeiten und Komplimenten überschüttet worden sei, ja, daß sogar Fräulein 3£., eine bekannte Schönheit ans vornehmem christlichen Hause, ihn allen anwesenden Herren vorzog und am meisten mit ihm getanzt habe. Frau Nagelseiu unterbrach seinen Redefluß: „Damit solltest Du doch Deine Mutter werrigstens verschonen. Ich bin auf Deine vermeintlichen Erfolge keineswegs stolz. Im Gegenteil, sie verwurrden mein jüdisches Herz und machen mich um Deine Zukunft besorgt. Ich habe nichts als Dich auf Erden, Du bist die Stütze meirres Alters, ich will Dich zum Juden erzogen haben, auf daß ich in Deinen Armen einst meine Seele aushauche und Du mir die Allgen zudrückest." Mit einer ungestümen Geberde breitete sie auch wirklich ihre Arme aus und Robert ruhte an ihrer Brust, ihre Hände mit Küssen bedeckend. Die Mutter lächelte unter ThrLnen wie verklärt und fuhr fort: „O, mein Sohn, die Versuchungen sind groß und man muß auch an die Zrckunst denken. Du bist kein Kirrd mehr und das Beste rväre, Du verheiratest Dich!" Robert schaute die Mutter verwundert an und sie fuhr fort: „Glaube nicht, daß ich Dich etwa wie ein unmündiges Kind behandeln ivill. Im Gegenteil! Ich schmeichle mir, Dir auf halbem Wege entgegenzukommen, glaube ich doch, die Neigung meines Kindes zu kennen. Ist es doch unmöglich, daß Dein Gefühl für Mirjam verblaßt sein köilirte!" Rüben machte eine hastige Bewegung, seine Wangen bedeckten sich mit einer höheren Röte, die Augen leuchteten, er öffnete den Mund, wie um zu sprechen, und die Mutter schloß: „Du weißt, daß ihre sterbende Mutter Eure Hände zum Zeichen des Verlöbnisses ineinarrder gelegt hat. Trotzdem will ich Deinen Entschluß nicht beeinflussen. Bist Du mit meinem Projekte nicht einverstanden, nun, dann bleibt es eben nur ein Projekt und ich werde, wenn auch mit schmerzlichem Bedauern, auf meinen Lieblingswunsch verzichten." Rüben ergriff die Hand seiner Mutter, drückte ehrfurchtsvoll einen Kuß ans dieselbe und fragte: „Und der Vater?" „Der Vater wird, hoffe ich, unserer vereinten Bitte nicht widerstehen und seine Einwilligung geben." Herr Philipp Nagelfein war nicht gerade in der besten Laune, als Frau uud Sohn ins Zimmer traten. Er schien auch keine weitere Notiz von ihnen nehmen zu wollen, aber Lea näherte sich ihm und begann: „Feiwel!" Wie wütend sprang er von seinem Stuhle ernpor und „Feiwel, Feiwel!" kam es grollend aus seiner Kehle. „Was für Feiwel? Hier giebts keine Feiwel; ich heiße Philipp und so will ich genannt sein! Wie heißt Feiwel? Bin ich denn irgend ein Jud' aus der „Gasse", daß ich Feiwel heißen sollte?" Frau Nagelfein sah zwar ein, daß die Auspizien gar nicht günstig für ihre Sache seien, sie wollte aber nicht mehr zurückweichen. „Wir kommen jetzt zu Dir, lieber Mann, in einer wichtigen, die Zukunft unseres einzigen Kindes betreffenden Angelegenheit. Unser Sohn hat sich mir nämlich anvertraut, daß er seiner Jngendgespielin und Anverwandten Mirjam gewogen sei und beim alten Isaak um ihre Hand . . . ." Sie hielt jäh inne, denn wie von einer Natter gestochen zuckte Herr- Philipp zusammen. „Was, was?" keuchte er, „der Robert will die Mirjam freien? Der Sohn des Herrn Philipp Nagelfein, mein einziger Erbe, soll das erste beste Mädchen aus der „Gasse" heiraten? Dazu habe ich ihn studieren lassen, in feine christliche Gesellschaft geschickt, daß er dorthin wieder gerate, von wo ich mich hinansgearbeitet habe? Was taugt mein ganzer Fortschritt, wenn mein Sohn durch eine distinguierte Heirat meinen Namen nicht verherrlichen soll? Daraus wird nichts, sage ich Euch. Schlagt Euch diese dumme Kindergeschichte aus dem Kopfe. Herrn Nagelfeins Sohn kanrr lind soll höher hinaus, und damit basta!" . . . (Schluß folgt.) Hier und dort. d. Berlin, 2. August. Der „Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens" beschloß in seiner am 20. Juli d. I. stattgehabten Generalversammlung, einen Fond zu bilden, aus welchem in absehbarer Zeit den Mitgliedern im Erkrankungsfalle eine Unterstützung gewährt werden soll. Dieser Fond soll dadurch gebildet werden, daß vom 1. d. M. ab ein monatlicher Beitrag von 50 Pf. extra gezahlt werden soll; aus diesen Beiträgen soll der Grundstock zur Kranken-Unterstützungskasse gebildet werden. Herr Dr. Juda hat sich in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, schon jetzt den vom Vorstande als bedürftig überrviesenen Mitgliedern eine urreirtgeltliche Behandlung zu gewähren. Der Verein veranstaltet auch während der I * Nr 32 hohen Festtage ei: , graben). 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