Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- Seite 543 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9610286--1621-9610297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 32. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 543. 1 Nr. U, St?*.*»* m 9i« 'f "'""ich- Jmp( 9mi" 'V u,( lFvchtzung folgt.) imUlh, matlosen. The wild-dove has her nest. ine fox his cave, Mankind their cotmtry- Israel but — the grave! JSinjebeä Soll der frbenoefte äfftet iein Land — der Fuchs die Scblurt Wildiaube ruht in ihrem Neste. Toch Zsrael ruhl - in der ßraftl I. £in Greis, deß Haare zaust, gebleicht, seiner Jahrem ihm so leicht. ist ergossen Angesicht; es ihm erschloffen > und voll Licht! ie Enkel treten zu ihm hin - hört man beten mt frommem Sinn! ■n schluchzend neigen velke Hand, es Blick so eigen; Nal erkannt. Augen glänzet warm und hell, ,en unbegrenzet, isquell! - i ihm versagen, ieser Blick: besinn Tagen, beschick! Doch waltete in ihrer Mitte Der liebe traute Himmelsgast: Zufriedenheit. — Der macht die Hütte Zum goldig schimmernden Palast! — Da pocht das Unheil an die Pforte; Es braut des Zaren Machtgebot: „Hinweg, hinweg aus diesem Orte; Du bist ein Feind, der's Reich bedroht!" Von seinen heißgeliebten Schollen, Vom traulich stillen Vaterhaus Treibt ihn ein herzlos feindlich Wollen Ins nackte Elend jäh hinaus! — Er fleht, er bittet: „Alle Pflichten Des Bürgers Hab' ich treu gethan; Der Kummer wird mein Weib vernichten, Mich treibt ihr aus des Elends Bahn! Die Narben schaut, die blutigroten. Der letzten Kriege tiefe Spur, Und aus den Grüften schrei'n die Toten: So lohnt man unsre Kinder nur!" Die Schergen kennen kein Erbarmen, Fremd sind sie jeder Menschlichkeit: Zar, schirm' doch die zertret'nen Armen; Doch Du bist, wie der Himmel, weit! — Das schwache Weib erliegt dem Kummer, Sie ruhet in der Heimat ans; Der Toten gönnt man Raum zum Schlummer, Den Mann, die Waisen treibt man aus! — Wohin den Wanderstab nun setzen? Wo blüht ein menschenfreundlich Reich, Darin nach milderen Gesetzen Der Jude ganz den Ehristen gleich? — Welch' Feder kann die Mühsal malen, Die diese arme Schar umhegt, Bis daß nach unermess'nen Qualen Das Schicksal sie nach England trägt! — Manch' Land erschauen ihre Blicke, Das sie mit Abscheu von sich zerrt- Und welche häm'sche Schicksalstücke — Selbst Palästina ist versperrt! — So ist's dem Vogel wohl zu Sinnen, Den man vom trauten Nest verjagt- Nun flattert er verstört von hinnen Mit mattem Flügelschlag und klagt! — Ul. An Englands gastlichem Gestade Gönnt man dem Wandermüden Ruh, Man läßt sie wandeln ihre Pfade, Weist Ihnen Schutz und Nahrung zu!- Die Jahre fliehen! Weiß umflossen Vom Silber ist des Vaters Haupt; Doch in der Freiheit Strahl entsprossen Steh'n seine Kinder frisch belaubt! — Er preiset laut des Herren Gnade, Die ihm so herrlich sich enthüllt, « Und ebnete der Kinder Pfade; Doch ist sein Herz oft gramerfüllt! — Er denkt der Gräber seiner Lieben, Der teuren Frau im stillen Haus, Er denkt des Land's, das ihn vertrieben — Wie gerne ruhte dort er aus-- Es lauscht der stille Kreis erschrocken: Hinneni! tönt des Greises Schrei. Der Atem schweigt, die Pulse stocken. Ein Menschendasein ist vorbei! Die Seele flieht! Herr, Dein Befehl Rust sie zu Deinem Throne, Reiner!. Es tönt im Kreis: Hör', Israel, Der Ew'ge, unser Gott, ist Einer! — Lemgo. Rektor F. Saphra. Der Fortschritt. Eine galizische Geschichle von S Horowitz. III. Nachdruck verboten. Seit dem letzten Besuche der Frau Nagelfein bei der Familie Pascheles hatte sich ihre Gemütsstimmung noch mehr verdüstert und sie ward die Beute einer ihr selbst unerklärlichen Angst. Mirjams Anblick hatte ihrem Geiste aufs Neue ihre ganze Vergangenheit, ihre Lebensweise in der alten Gasse, ihr Elternhaus und alles, was damit zusammenhing, nahegerückt, daß sie desto schmerzlicher den grellen Kontrast empfand. Mirjam war das Ebenbild ihrer verblichenen Mutter, und Frau Lea wähnte den Schatten ihrer Jugendfreundin Sarah zu schauen, der ob ihres Wortbruches zürnend auf sie blicke. Ihr Mann wußte nicht mehr Maß zu halten, er spöttelte über ihre heiligsten Empfindungen, und rvenn sie kleinlaut wagte, ihm über seine Gesinnungsänderung Vorstellungen zu inachen, rümpfte er verächtlich die Nase und meinte, daß die mittelalterliche Atmosphäre des Judenviertels ihren Geist noch umneble, so daß sie sich zu seiner Sonnenhöhe nicht emporzuschwingen vermöge. „Wir müssen das alte Gerümpel in die Rumpelkammer werfen," erwiderte er. „Alles, was uns an die Vergangenheit erinnert, verwischen, uns dem Fortschritt in die Arme werfen, die steifen, ungelenken Glieder in dem Zeitstrome baden und die alten Skrupel fahren lassen." Frau Nagelfein wußte auf diese hochtrabenden Phrasen nichts zu entgegnen; sie begriff nicht, was ihr Gatte darunter verstand, so wie er selbst nicht wußte, was der „Fortschritt", der „Zeitgeist" wirklich bedeute. Sie sah nur, daß er, wie es ihr vorkam, eine gottlose Lebensweise führe, wie ein seinem Herrn davongelaufener Sklave sein Vorleben hasse und ver-