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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-07 · 32 (7.8.1896) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
Seite 542 (sequence 10)
Language
German
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Seite 542. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. Brust genommen. Die Jüdin setzte ihren Stolz darin, ihr Kind solange als möglich mit der eigenen Lebenskraft zu erhalten, während man bei anderen Nationen durch Jahrhunderte die Unsitte beobachten kann, daß die Mütter sich dieser ihrer heiligsten und lieblichsten Pflicht dem eigenen Kinde gegenüber aus nichtigen Gründen entziehen: in dem dunklen Gefühl jedoch einer Pflichtverletzung — und oft unterstützt von einem allzugefälligen Hausarzt — schützt sie die Rücksicht auf die eigene Gesundheit vor. Nachdem die jüdische Mutter mit Wonne und Andacht sich ihrem natürlichen Berns, das aus ihrer Liebe und ihrem Leibe entsprossene kleine Geschöpf so lange als möglich noch mit der eigenen Fülle zu ernähren. — hingegeben hat, — beginnt sie nun die eigentliche Erziehung des Kindes. Von seinen ersten unsicheren Schritten an, bis er an der Hand des Vaters zum ersten Mal die „Schul" betritt, ist die Mutter des Knaben Führerin und Lehrerin. Keinem fremden Frauenzimmer, das meist gemütlos und tollpatschig nur widerwillig sich mit dem ihm gleichgiltigen Kinde abgiebt — keinem solchen Zahlwesen wird der höchste Schatz des Hauses anvertraut! Die Mutter allein mit unermüdlicher, aber auch unendlich belohnter Geduld zieht sich ihr „Jüngelche" groß. Was der jüdischen Mutter vielleicht zum Vorwurf gemacht werden könnte, ist die zu große Nachsicht und die Verwöhnung ihres Sohnes. Sagt doch schon das jüdische Sprichwort: „Die Mutter will reichlicher geben, als der Junge fordert." Wenn der Heranwachsende Knabe zu bitten oder gar seine Wünsche mit jüdischer Schalkhaftigkeit und talmudischem Witz und Wortspiel zu verbrämen weiß, — daun ist er unwiderstehlich für ein echtes rechtes jüdisches Mutterherz! Zeigt doch ihr Junge, daß er „lernt" — und wird er doch, so Gott will, vielleicht ein Lamden*) werden zur Ehre Israels! Im Talmud werden die Frauen — wohl zum Teil auch, weil den Weisen und Rabbinen das Beispiel der zwar unterrichteten aber auch frechen und sittenlosen Hetären in Griechenland abschreckend vor Augen stand, — von der eigentlichen Bildung, dem strengeren, schulgemäßen Studium ausgeschlossen. Unterricht in der Wissenschaft erscheint ihnen wie ein Unterricht in der Koketterie. Vielwissen erschien ihnen (und manchen sehr jungen oder sehr alten Herrn Doktrinären noch heute!) als eine „Degradation ihrer Weiblichkeit." Eine Frau dürfte diese talmudische Auffassung anders verstehen: als eine Befreiung der Frauen von Pflichten, die sie außer ihrer Häuslichkeit zerstreuen und anstrengen würden: hat doch die Frau innerhalb der Häuslichkeit so viele und hohe Pflichten zu erfüllen, daß etwas mehr oder weniger Schulgelehrsamkeit dagegen weniger in Betracht kommt. Weil ferner das Judentum vorzugsweise eine Religion der That ist und weniger des Dogmas und der Gefühlsschwärmerei — wurden die Frauen auch in Bezug aus die Ausübung von Religionsgebräuchen (kirchlichen Funktionen) freier gestellt, ja geradezu zurückgewiesen. Gewiß nicht aus Mißachtung des Weibes — wie mancher allzueifrige Verteidiger des weiblichen Geschlechts voll überflüssiger Entrüstung *) Gelehrter! behauptet, — sondern aus Hochachtung des Weibes. Bibel und Talmud meinen: das Haus ist der eigentliche Tempel der Frau, die Erziehung der Kinder ihr Gottesdienst, und die Familie ihre Gemeinde. (Fortsetzung folgt.) Z'Piegklbilder ans dem jii-Wil Felien. Die Heimatlosen. The wild-dove has her nest, The fox his cave, Mankind their country; Israel but — the grave! Byron. „Ein jedes Volk der Erdenveste Besitzt sein Land — der Fuchs die Schluit Wildtaube ruht in ihrem Neste, Doch Israel ruht — in der Gruft! I. Ein Sterbebett! Ein Greis, deß Haare Der Lebenssturm zerzaust, gebleicht. Steht jetzt am Ende seiner Jahre- Wie wird das Sterben ihm so leicht. Ein lichter Friede ist ergossen Aus dem verfall'nen Angesicht; Er weiß, bald wird es ihm erschlossen Das Land voll Ruhe und voll Licht! Die Kinder und die Enkel treten Bekümmert weinend zu ihm hin — Die Glaubensbrüder hört man beten Nach altem Brauch mit frommem Sinn! Wie sich die Seinen schluchzend neigen Zum Kusse aus die welke Hand, Da strahlt des Greises Blick so eigen; Er hat sie noch ein Mal erkannt. Aus seinen müden Augen glänzet Ein Liebesstrahl, so warm und hell, Ein Wünschen, Sehnen unbegrenzet, Ein überreicher Liebesquell! — Und da die Lippen ihm versagen. So kündet deutlich dieser Blick: Gott segne Euch mit bessern Tagen, Mit einem besseren Geschick! -i- * * II. In Rußlands weitgedehnten Gauen, Da lebte er mit Weib ung Kind- So unermeßlich weit die Auen, Die Herzen, ach, wie eng gesinnt! Wohl hatte er gar schwer zu ringen Im Kampfe mit des Lebens Not, Für seine Teuren heimzubringen Das schweißbenetzte täglich Brot!

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