Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- Seite 538 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 588. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. auf die kleine Judenrepublik in Argentinien Rücksicht nehmen würde. Scheuen sich doch z. B. die Magyaren nicht, ohne Rücksicht auf das große deutsche Reich und aus die siebenzig Millionen Deutsche „ihre" Deutschen nach Möglichkeit zurückzudrängen, ebenso wie die russische Regierung sich nicht im mindesten darin beirren läßt, das Deutschtum in Rußland mit allen Mitteln zu unterdrücken. Ich will zugeben, daß man der „zionistischen" Staatsgründung als einem nie erreichbaren, aber sehnsüchtig herbeigewünschten Ideal Interesse abgewinnen könnte. In diesem Falle müßte uns aber die ideale Seite dieser „Bewegung" Sympathie einflößen. Daß dies jedoch durchaus nicht der Fall ist, werde ich noch in einem Schlußartikel erörtern.*) _ Dr. S. Bernfeld. Der niimnischk lliedttgang -es Iu-eiitums. Von Bernhard Traubenberg. (Schluß.) Welche Ursachen lassen sich für das Zurückweichen der Juden finden? Die nächste Ursache liegt in der geringen Zahl der Heiraten. Die Ehen haben sich fortwährend verringert. Die Abnahme der Eheschließungen steht im ursächlichen Verhältnis zum Niedergange der Volkszahl. Hie und da wird die Meinung laut, die Taufwut unserer Zeit verschulde das rapide Sinken. Nichts kann aber oberflächlicher und unbegründeter sein, als diese naive Behauptung. Wenn die Ueberläufermanie wirklich das Zurückgehen des Judentums zur Folge hätte, so müßte sie eiuen epidemischen Charakter zeigen, der geradezu zum öffentlichen Aegernis geworden wäre. Ueberläuser hat es wohl in allen Epochen unserer Geschichte gegeben. Am tollwütigsten suchte der Taufbazillus in den glorreichen zwanziger Jahren die jüdischen Häuser heim, fast kein Haus gabs, in dem dieser Zeitkrankheit kein Opfer erlegen wäre, aber stammesverheerende Folgen hatte *) Vor etwa zwei Jahren verspottete ein Mitarbeiter unseres Blattes die zionistischen Schwärmer — die Geschäfts-Zionisten kannte der Herr Verfasser, da er in Baden lebt, nicht — in einem trefflichen Gedichtchen, das wir hier folgen lassen: Unsere Zionisten. Der Eine spielt die Flöte, der Andre Violin', Der schreibt wie Wolfgang Goethe zierliche Verse hin. Sie locken und sie singen Solo und auch Terzett, Sie tanzen und sie springen und führen das Florett. Es ist ein muntres Völkchen, das ernst sein Tändeln nimmt, Und über Wolk' unv Wölkchen leicht in den Himmel klimmt. Sie brauchen nicht Millionen; sie gründen ihren Staat Mit braunen Kaffeebohnen und grünem Krautsalat. Es ziehen ihre Lieder nach Zion schon voraus. Dort lassen sie sich nieder und bauen Feld und Haus. Mit Flöten und Schalmeien wird heimgeführt die Braut, Vom Klang der Melodeien wird Zion aufgebaut. Die nötigen Milliarden und was so drum und dran. Die halten unsre Barden nicht auf auf ihrer Bahn. Beim frohen Becherklange, beim Makkabäerlied Färbt hochrot sich die Wange, und Glut das Herz durchzieht. Von Zion wird geschwärmt beim Palästinawein, Und wer am meisten lärmt, der darf zuerst hinein. Und wer am besten dichtet, wird König einst im Staat, Den man so kühn errichtet mit grünem Krautsalat. sie nicht. Numerisch nahm das Judentum in Deutschland gerade damals einen steigenden Aufschwung. Die Basis des jüdischen Hauses war zu gesund, als daß dieser Taufschwamm ihm hätte verderblich werden können. Ein kräftiges Volkstum kann solche geringfügigen Splitter ohne merklichen Schaden getrost an andere abgeben. Eine von innen herauswachsende Ergänzung überwindet dergleichen Verluste sehr leicht. Ein verhältnismäßig geringer Teil Neugeborener wird durch die Taufe dein Christentum zugeführt. Angeuommen die Taufen löschten 600 Seelen jährlich aus dem Buche Israels, so würde ein normaler Zuwachs von 5—6000 den Abfall in seinen numerischen Folgen gänzlich unfühlbar machen. Jnderthat zeigen die statistischen Aufnahmen den größten Zuwachs aus Seiten der Juden gerade zur Zeit, als die Taufmanie in höchster Blüte stand. Die Zählung von 1822 ergab in Preußen 144 737, die zu Ende 1825 vorgenommene aber 153 688 Juden. Der Ueberschuß für die drei Jahre betrug 8951, was eine jährliche Zunahme von 2 pCt. bedeutet. Also trotz der wirklich grausigen Verheerungen, die die Ueberlritte damals verursachten, wurde die gesunde Weiterentwickelung, wie die obigen Zahlen berichten, keineswegs gehemmt. Bis zum Jahre 1867 blieb die Durchschnittsvermehrung von 2 pCt. jährlich konstant. Nach vier Jahren 1871 war sie bereits ziemlich stark herabgegangen, nicht viel über 1 pCt., obwohl die Taufen in jenem Zeitraum ungemein gering waren. Die jetzigen Ermittelungen ergeben nur 2 bis 3 pCt. Zunahme, in manchen der letzten Jahre auch nicht einmal so viel. Während bis 1867 und etwas darüber hinaus die Juden bedeutend stärker anwuchsen als die Christen, ist die Zunahme nach und nach so heruntergegangen, daß sie jetzt kaum noch die Hälfte des christlichen Prozentsatzes beträgt. Das heißt: Das Wachstum ist aus jüdischer Seite aus V3 zusammengeschrumpft. Kann also die Zunahme der Taufen keinen Erklärungsversuch für die rapide relative Abnahme der Inden abgeben, so ist die Auswanderung ebensowenig die letzte Ursache dieser Erscheinung. Amerika hat allerdings eine gewaltige Zunahme durch die Auswanderung aus Europa zu verzeichnen. Deutsche und mehr noch russische Juden haben in starken Scharen während der achtziger Jahre Europa den Rücken gekehrt, die jüdische Bevölkerung, die durch die russischen Verfolgungen Anfang der neunziger Jahre wiederum eine Verstärkung erhielt, ist durch diese Zuzüge außerordentlich in die Höhe gegangen. Trotzdem bietet Amerika in einer Beziehung dasselbe Bild wie Deutschland. Das Wachstum der Juden von innen heraus ist dort ebenso in der Abnahme begriffen wie hier. Zwar giebt es in Amerika keine konfessionelle Volkszählung, aber eine seitens der jüdischen Gemeinden vorgenommene ergab eine ungünstige Perspektive für das Wachstum der Juden wie in Westeuropa. Vor einigen Jahren ließen sämtliche jüdische Gemeinden Amerikas Listen für ihre Mitglieder zirkulieren, in denen der Familienstand derselben möglichst genau ausgenommen wurde, das Resultat wies 60 000 Hausstände auf und eine Vergleichung mit den allgemeinen Ausnahmen ergab, daß die jüdischen Familien um anderthalb Köpfe durchschnittlich kleiner waren, als die anderen, also gleichfalls ein sehr ungünstiges Ergebnis, das seine Ursache in der grassierenden Ehelosigkeit und dem geringeren Kinder-