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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-07 · 32 (7.8.1896) · p. Seite 536

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
Seite 536 (sequence 4)
Language
German
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Seite 536. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 32 für den Mann, der den Juden in Rußland so verhängnisvoll gewesen, ist die ganze Art seiner Ausführungen, die überall mit lückenhaften Wahrheiten, so zu sagen mit Wahrheitsbruchstücken operiert, die von der wahrhaftigen Wahrheit nichts mehr erkennen lassen. Er bringt es zu Wege, sich gegen die Meinung zu verwahren, als ob er Feind der Juden wäre, und thatsächlich ist er ihr grimmiger Verfolger gewesen, der unendliches Weh über die russische Judenheit gebracht hat. Um der Abneigung der nichtrussischen Juden zu entgehen, spricht er von der tiefen Kluft, die den russischen von den mittel- und westeuropäischen Juden trennt. Bei Jedem könnte man diese Unterscheidung als subjektiv aufrichtig gelten lassen, denn Herr Pobjedonoszew braucht über die Juden Rußlands nicht besser unterrichtet zu sein, als es der königlich preußische Hofhistoriograph Professor v. Treitschke über die Juden Deutschlands gewesen. Doch gerade Herr Pobjedonoszew hat keinen Anspruch darauf, in dieser Beziehung für aufrichtig zu gelten, denn sonst hätte er seinen Einfluß nicht dahin geltend machen dürfen, daß den nichtrussischen Juden das Ueberschreiten der russischen Grenze erschwert, daß ihnen der dauernde und sogar der längere Aufenthalt dort versagt wurde. Hatte er wirklich von den nichtrussischen Juden die bessere Meinung, wie er seinem Interviewer erzählt, so war sein Eintreten für Ausnahmegesetze gegen die nichtrussischen Juden Willkür oder das Ergebnis des Glaubenshasses, trotz der Versicherung des Herrn Pobjedonoszew, daß es ihm nicht in den Sinn komme, „die Anhänger einer Religion zu ächten." Auch darin ist Herr Pobjedonoszew nicht original, daß er die Maßnahmen des russischen Staates gegen die Juden aus „der Teilnahme jüdischer Studenten an den garstigsten Umtrieben" zu erklären sucht. Diese Teilnahme, die wir auf das tiefste beklagen, war im Gegenteil die Folge jener Maßnahmen und, wie wir zu glauben Anlaß haben, die beabsichtigte, zum mindesten die nicht ungern gesehene Folge. Man zwang die russischen Juden, die nach absolviertem Studium sich plötzlich in ihren berechtigten Hoffnungen betrogen sahen, förmlich ins nihilistische Lager. Und wenn selbst diese traurige Thatsache solche Erklärung nicht hätte, wie durfte Herr Pobjedonoszew die Gemeinschaft der russischen Juden für die Verfehlungen einzelner Inden bestrafen? Hat er dieselbe generalisierende Strenge auch sich selbst gegenüber geübte als sich herausstellte, daß sein eigener Neffe unter die Nihilisten gegangen war? „Den anständigen, den gebildeten Juden geht es gut bei uns und wird es immer gut gehen," sagt Herr Pobjedonoszew, aber er verschweigt, daß er es gewesen ist, der den Juden in Rußland den Weg zur Bildung versperrt hat, er verschweigt abermals, daß er den von ihm gerühmten „anständigen und gebildeten" Juden Westeuropas die Thore Rußlands verschlossen hält. Ebenso lückenhaft und deshalb im Grunde wahrheitswidrig sind die Auslassungen Pobjedonoszews über seine Verhandlungen mit dem Baron Hirsch, von denen wir aus dem Munde des Baron Hirsch selbst Kenntnis haben. Es ist richtig, daß Baron Hirsch Herrn Pobjedonoszew eine Million Francs zur Verfügung gestellt hat — Herr Baron von Mohrenheim hat darüber quittiert — doch diese Million war die Vorausbezahlung für eine Leistung, die Herr Pobjedonoszew schuldig geblieben ist, und davon hat dieser seinem Interviewer nichts erzählt; and) davon nichts, daß er zu einem Gesandten des Baron Hirsch über die Juden in einer Weise sich äußerte, die den Mittelsmann — Engländer und Christ — mit Empörung erfüllte. Gewiß hat Baron Hirsch Herrn Pobjedonoszew „mit der Zeit näher kennen gelernt", nahe genug, um das schlimmste Urteil über ihn zu gewinnen. Auf diesen Toten darf sich Herr Pobjedonoszew nicht berufen, denn es leben Zeugen, die für den Baron Hirsch Kunde geben können. Diese Erläuterungen, die uns notwendig schienen, werden uns nicht abhalten, aus den eingangs erwähnten Auslassungen des Herrn Pobjedonoszew zu erkennen, daß er es für ratsam hält, augenblicklich etwas weniger Fanatiker zu scheinen. Er ist eben ein „kalter Fanatiker", der seinen Fanatismus zu kommaudieren, unter Umständen auch abzukommandieren versteht. " M. A. K. Die Messlllsidtt fin de siede. Nichts schrecklicher kann den Menschen geschehen, Als das Absurde verkörpert zu sehen. lGoethe, Zahme Furien II.) II. Einen Staat gründen! Diese utopistische That ist in der letzten Zeit schon einigemal unternommen worden. Mit welchem Erfolge — ist bekannt. Der Antisemitenhäuptling Beruharo Förster versuchte seiner Zeit in Amerika einen „judenreinen" Staat zu grüuden — viele naive Menschen, die sich durch den antisemitischen Lockruf haben verleiten lassen, büßten in der Folge ihre Leichtgläubigkeit mit ihrer wirtschaftlichen Existenz und in vielen Fällen auch mit ihrer Gesundheit. Nicht besser ging es der „Freiland"-Gründung des Dr. Hertzka, welche gewisse sozialpolitische Theorien verkörpern sollte. Natürlich kamen in der Regel hinterher die Ausreden und Rekrimination, uni das Fehlschlagen jener Unternehmungen zu erklären. Denn nie und nimmer wird ein Utopist so viel Objektivität und klaren Verstand besitzen, um ehrlich zuzugeben, daß sich Staaten nicht willkürlich auf der Grundlage theoretischer Erörterungen ins Leben rufen lassen, wie es auch in der Wirklichkeit keinen „Gesellschaftsvertrag" im Rouffeauschen Sinne giebt; vielmehr sind staatliche und gesellschaftliche Bildungen stets ein Produkt der geschichtlichen Entwickelung der man nicht vorgreifen kann. Ebensogut wie wir Staaten „gründen" wollen, könnten wir uns aus die Erfindung einer Methode verlegen, mittels welcher Kinder ohne langsames und allmähliches Wachsen gleich körperlich und geistig entwickelt sich zeigen sollten. Gilt dies unter gewöhnlichen Umständen für jeden klar denkenden Menschen, um wievielmehr muß diese Erwägung inbetracht gezogen werden, wenn es sich um die Gründung eines „Judenstaates" handelt, bei dem unzählige andere Rücksichten zu beobachten sind. Hätte Herr Dr. Herzl, der Begründer des „Judenstaates," irgend welche Kenntnis der jüdischen Geschichte, so würden ihm nicht die Geburtswehen unbekannt geblieben sein, die dem Entstehen des jüdischen Volkes vorangegangen sind und die sich künstlich nicht herbeiführen lassen. Auch hätte er sich in der Geschichte nach einer - itÜiffP5

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