Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- Seite 535 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 32. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 635. Bnis seines Nachdenkenk und nicht der im «*^,«<1. ft.„ ist der Stamm? & ®'“«|ein,8,8aufe; Lew ba i„ (ei “ Laub ist ba" is Blüte, aber - oder damit - che rn Ewigkeit" ort Gotte», Israel ist — das ist der gewaltige unst Israels und der Kultm!rn trägt. rschiedenheit zwischen dm r. Tiefe standen unter dem t aufgehört ein Volk zu sein, Bühne der Geschichte. Ter ern Ende an und lehrte die : Israel chichte, obgleich das „Volk' i es nicht die Nationalität S, was das besondere Wort unseres Propheten für alle Zeilen rische Methode, die " ssrage: was ist zeitlich — gemeinsame Feinde u. dergl. Diese verschiedenen Elemente, welche die Einheit einer Volks-Seele ausmachen, sind von verschiedener Bedeutung für die Herstellung dieser Einheit. Bei verschiedenen Völkern prävaliert bald das eine, bald das andere Element. Aber auch bei deinselben Volke prävaliert zu verschiedenen Zeiten bald das eine, bald das andere. So kann es kommen, daß dasjenige volkspsychologische Element, welches eine Zeit lang die Funktion eines edlen Organs versah, diese Bedeutung verliert und dieselbe an ein anderes bis dahin nebensächliches Element abgiebt. Ja es kann der eine oder der andere Faden in dem Bande einer Volks-Psyche im Laufe der Zeit ganz verloren gehen, und es können wohl auch neue Fäden in dasselbe ausgenommen werden, die dann unter Umständen sogar das wichtigste Band bilden. Darum kann man wohl von einem Individuum mit Sicherheit behaupten: sobald das Herz zu schlagen aufhört oder das Gehirn von einer Lähmung betroffen wird, wird der Tod eintreten. Von einem Volke läßt sich eine solche Behauptung absolut nicht aufstellen. Eine Volksseele hat mehr als ein „Herz" und ein „Gehirn", das, was in einer Epoche Herz und Gehirn eines Volkes ausgemacht hat, kann absterben, ohne daß das Volk zugleich abstirbt, wenn nur andere volkspsychische Elemente sich zur Bedeutung dieser Zentral-Organe ausgewachsen haben und deren Funktion versehen. Versuchen wir, diese für alle Völker gültigen Sätze ans und an der Geschichte Israels zu veranschaulichen. (Ein zweites Kapitel folgt.) Hm ißptijrtioiiosp. Die Wiener Neue Freie Presse veröffentlicht einen Bericht über eine Unterredung, die einer ihrer Mitarbeiter jüngst mit Herrn Pobjedonoszew gehabt hat. Wir entnehmen diesem Bericht, der ans den politischen Tagesblättern unseren Lesern bekannt sein wird, nur die uns besonders interessierende Stelle, lassen aber unsere Erläuterung sich ans den ganzen Bericht erstrecken. „Ich habe", sagte Pobjedonoszew, „als die Jndensrage bei uns spielte, ans allen Weltgegenden Briese erhalten, ans Deutschland, Frankreich, England, Amerika, selbst ans Australien! Man bedrohte, man beschimpfte mich. Ein Mann schrieb mit Angabe seines Namens und seiner Adresse, man werde mich töten, wenn ich in meiner Verfolgungswut nicht innehalte. Ich erkläre Ihnen nun: Ich bin nicht schuld an dem Vorgehen gegen die Juden in Rußland. Ich habe Freunde unter den Juden, es giebt viele unter ihnen, die mich genau kennen und die das wissen. Mir kommt es nicht in den Sinn, die Anhänger einer Religion zu ächten! Welcher religiöse und wirklich gläubige Mensch könnte das?! Tie Jndensrage in Rußland ist nicht leicht zu beurteilen: sie ist eine den kompliziertesten der Welt. Sie hat keinen religiösen, sondern vielmehr einen sozialpolitischen Charakter. Wir haben die Judenfrage von den Bolen als schlechtes Erbstück, als ine Art Inventar übernommen. Die Polen, außerstande durch ihre aristokratische Mißwirtschaft ein Bürgertum zu bilden, ließen die Juden an seine Stelle treten, aber Aoel und Inden haben sich gegenseitig gleich schlecht beeinflußt, dadurch ist ein Typus von Juden entstanden, der nicht mit dem der Juden anderer vorgeschrittener Länder verglichen werden kann. Dies führte auf dem Lande zu bedauerlichen Mißständen und Mißbräuchen, dies förderte in den Städten die Teilnahme jüdischer Studenten an den garstigsten Umtrieben. Der Staat war genötigt, in irgend einer Weise einzuschreiten. Was er thun wollte — nämlich die Ausrechthaltung der gesetzlichen Bestimmungen sichern — war Aehnliches, wie das, was man im freien Amerika gegen die Chinesen ansgeführt hat — nicht mehr — ja noch weniger! Ein Rassenkamps lag uns fern. Den anständigen, den gebildeten Juden geht es gut bei uns und wird es immer gut gehen. Als man die entscheidenden Maßnahmen traf, schrieb mir der verstorbene Baron Hirsch: „Ich biete Rußland 50 Millionen zum Ausbaue seiner Eisenbahnen, wenn Sie in Ihrem Bedrückungsplane gegen die Juden innehalten!" — Ich wies ihn an die Regierung und stellte ihm meine Auffassung der Frage dar. Ich konnte ihn nicht abgestoßen haben, denn er setzte die Korrespondenz noch länger fort. Eines Tages erklärte er, er wolle eine Million für einen wohlthätigen Zweck widmen. Ich riet ihm, diese Summe dem Heiligen Synod zur Verfügung zu stellen, damit dieser für das Geld Schulen gründe. Das that er auch. Sehen Sie, Hirsch war ein Jude, der mich mit der Zeit näher kennen lernte, und er stimmte gewiß nicht in das allgemeine Geschrei gegen mich ein, in dem so viel Lüge und Verleumdung, so viel bewußter und unbewußter Irrtum enthalten ist." Wir sind natürlich außerstande, die Genauigkeit des Berichtes selbst zu kontrolieren. An der subjektiven Richtigkeit zu zweifeln, haben wir keinen Anlaß. In dieser Beziehung können wir nur sagen, daß der Interviewer Herrn Pobjedonoszew mit Augen angesehen hat, die recht wohlwollend und zur Anerkennung bereit waren. Vielleicht hat er auch besondere Ursache gehabt, erläuternde Bemerkungen zu unterdrücken, um bei dem Manne, der immer noch weit mächtiger ist, als er sich den Anschein geben mag, nicht Anstoß zu erregen und seinen Zorn nicht auf sich zu. laden. Das Aeußere des Herrn Pobjedonoszew hat der Interviewer im ganzen zutreffend, doch nicht vollständig gezeichnet. Ter„Generalprokurenr des heilig dirigierenden Synod" gehört zu der gefährlichsten Art der Fanatiker: er ist ein „kalter Fanatiker", dem der Fanatismus nicht aus dem Herzen kommt, sondern aus einem kalten und engen Verstände. Was Herr Pobjedonoszew seinem Interviewer über die Rolle gesagt hat, die er nach dem Tode Alexanders II. als oberster Ratgeber des Zaren Alexander III. gespielt hat, ist die Wahrheit und enthält unter der Form der Ableugnung das Zugeständnis, daß er den vorigen Zaren veranlaßt hat, die Absichten des Zaren "Alexander II. nicht auszuführen, die von Loris Melikow entworfene und bereits gutgeheißene Verfassung nicht zu publizieren. Seine Gründe mag Pobjedonoszew ganz aufrichtig angegeben, er mag sie auch selbst für stichhaltig angesehen haben. Sie waren jedenfalls sehr gut auf den Mann berechnet, auf den sie wirken sollten. Pobjedonoszew wußte ganz genau, daß er nicht die Antwort erhalten würde: Die Revolutionen im westlichen Europa seien eingetreten, nicht weil dort das selbstherrscherliche Regiment Zugeständnisse machte, sondern weil es sie zu lange verzögert hatte, sodaß die Befriedigung bescheidener Wünsche erst eintrat, als die Bescheidenheit verschwunden und Trotz an ihre Stelle gekommen war. Doch das interessiert uns an dieser Stelle wenig. Wie Herr Pobjedonoszew über politische Reformen und die Ratsamkeit der Gewährung politischer Freiheiten für das russische Volk denkt ist jetzt ziemlich gleichgiltig. Charakteristisch aber / i