Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-08-07 · 32 (7.8.1896) · p. Seite 534

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
Seite 534 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610286--1612-9610288
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 534. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. Nur auf der hohen Warte des Jesaianischen Prophetengeistes dringt ein Strahl des Lichts durch dieses Dunkel zu uns, ein Strahl, der alle Zeitalter und alle Epochen der jüdischen Geschichte mit ewigem Lichte verklärt. „Eine Stimme spricht: Rufe! Und sie spricht auch, was ich rufen soll: „Alles Fleisch ist Laub und alle seine Ueppigkeit wie die Blüte der Flur. Es dorrt das Laub, es welkt die Blüte, der Sturm des Ewigen hat sie angeweht — wahrlich, Laub ist das Volk. Es dorrt das Laub, es welkt die Blüte, aber - oder damit — das Wort unseres Gottes bestehe in Ewigkeit." (Fesaia 40,6-8.) Die tiefste Besorgnis wegen der Zukunft des Israel seiner Zeit zittert uns entgegen aus diesen gewaltigen Worten des großen Propheten. Versetzen wir uns in die Zeitumstände, und wir begreifen diese Besorgnis. Es war einige Jahrzehnte nach der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar. Israels Volks-Leben hatte abgeblüht. Israel war weggeführt aus dem Heimatlande und hatte aufgehört ein Volk zu sein. Die Fremde hatte die gezwungen Eingewanderten freundlich ausgenommen, und so war ihnen die Fremde zur neuen Heimat geworden. Die große Menge fühlte sich wohl dabei, und Israel war in Gefahr, sich auf zu geben. Aus der Reihe der Völker war Israel gestrichen, als Volk hatte Israel zu sein aufgehört. Was ist aber Israel, wenn es nicht ein Volk ist? — so dachte die Menge und so dachten die gewöhnlichen Politiker und Führer des damaligen Israel. Da Israel nicht mehr imstande ist, ein Volk zu sein, so muß es überhaupt aufhören zu sein. Der Prophet, dessen Blick den Schleier der Zukunft durchdringt, hat auch ein schärferes Auge gegen die Nebel der Gegenwart. Der Prophet der damaligen Zeit, der zweite Jesaia, er trat dieser selbstmörderischen Gesinnung entgegen. Er stellte sich auf den Boden der Wirklichkeit und legte das Gegebene als Maßstab an in der Beurteilung dessen, was kommen kann und kommen soll. Die Wirklichkeit, an die er sich hielt, war die Thatsache: Israel existiert! Er sah vor sich ein Israel, das in seiner fremden Umgebung als ein besonderer Kreis ein geschichtliches Leben nach eigenen Gesetzen führte. Israel war als Volk im babylonischen Volke aufgegangen, und diese nationale Verschmelzung hatte sich sogar im Sinne des Propheten Jeremias vollzogen, der Israel ermahnt hatte: „Fördert das Wohl der Stadt, dahin ich euch habe führen lassen, und betet für sie zu dem Ewigen, denn in ihrem Wohl wird auch euch Wohl zuteil." (Jerem. 29,7). Aber ganz war dennoch Israel nicht von den Babyloniern aufgesaugt worden. Ein Rest war geblieben, der um Israel ein besonderes Band schlang. Das waren Thatsachen der Wirklichkeit, und von dieser nicht hinwegzuleugnenden und wegzuklügelnden Wirklichkeit ays zog der Prophet seine Schlüsse. Und zwar war sein Schluß folgender: Obersatz: Israel besteht. Untersatz: Israel als Volk besteht nicht. Schluß: Also ist „Israel" und „Volk" nicht identisch. Der Prophet kleidet freilich diesen Gedankengang, der zu den folgenreichsten in der ganzen Geschichte der Menschheit gehört, nicht in die engen Schnürstiefel logischer Formeln, sondern in das faltenreiche, malerische Gewand dichterischer Darstellung. Vor den Augen seines prophetisch-poetischen Geistes steht ein Baum, den ein glühender Sturm seines „Laubes" und seiner „Blüten" beraubt hat. Der Baum steht da in seinervollen Lebenskraft, nur das „Laub" und die „Blüten" sind abgewelkt: also sind Laub und Blüten nicht der Baum, und der Baum nicht das Laub und die Blüten.- „Alles Fleisch ist Laub und alle seine Ueppigkeit ist wie die Blüte der Flur. Es dorrt das Laub, es welkt die Blüte, der Sturm des Ewigen hat sie angeweht: wahrlich Laub ist das V o l k." Das ist das negative Ergebnis seines Nachdenkens: Das „Volk" ist nur das Laubwerk und nicht der im Abfallen der Blätter stehende Stamm — nicht Israel. Nun dringt er zum positiven Resultat vor: Was ist der Stamm? Was ist Israel? „Es dorrt das Laub, es welkt die Blüte, aber — oder damit — das Wort unseres Gottes bestehe in Ewigkeit." Der Stamm ist das Wort Gottes, Israel ist der Träger dds Gotteswortes — das ist der gewaltige Atlas-Gedanke, der die ganze Zukunft Israels und der Kultur der Menschheit aus seinen Schultern trägt. Das war die Meinungsverschiedenheit zwischen dem Propheten und seinen Zeitgenossen. Diese standen unter dem Druck der Anschauung: Israel hat aufgehört ein Volk zu sein, also muß es abtreten von der Bühne der Geschichte. Der Prophet faßte die Sache am andern Ende an und lehrte die Ohnmacht der Geschichte gegen die Ewigkeit Israels: Israel steht da aus der Bühne der Geschichte, obgleich das „Volk" Laub ist, das verdorrt — also ist es nicht die Nationalität, sondern das Wort unseres Gottes, was das besondere Wesen Israels ausmacht, und — „das Wort unseres Gottes besteht in alle Ewigkeit." Was an dieser Theorie des Propheten für alle Zeiten bedeutsam ist, das ist die empirische Methode, die ihn leitet in der Beantwortung der Frage: was ist zeitlich und was ist ewig in Israel? Die Antwort auf diese Frage müssen wir, nach dieser Theorie des Propheten, immer aus der geschichtlichen Empirie, aus deu Erfahrungs-Thatsachen der Geschichte schöpfeu. Der größte Fehler, der zur Verzweiflung Israels an sich selbst führt, ist es, diese Antwort theoretisch und a priori zu konstruieren. Israel ist keine Theorie, sondern eine geschichtliche Erscheinung, ein geschichtlicher Organismus, und so lange dieser Organismus lebt, so lange müssen wir die Bedingungen dieses Lebens einzig und allein aus der Thatsache dieses Lebens zu erkennen suchen, und nicht durch theoretisch konstruierte Bedingungen die Prognose aus baldigen Tod stellen, oder gar den Totenschein ausstellen. — Die Lebenskraft der Völker ist verschieden von der der Individuen. Bei den Individuen kann ein abgestorbenes edles Organ durch kein anderes ersetzt werden. In der Völkerseele herrscht das Vicariats-Gesetz nicht nur zwischen verschiedenen Teilen eines Organs, sondern auch zwischen ganz verschiedenen Organen. Das Band der Zusammengehörigkeit, welches die Einheit der Volks-Psyche ausmacht, ist uicht immer dasselbe im ganzen Verlause der Geschichte eines Volkes. Gewöhnlich sind es ja immer mehrere Elemente, welche dieses Band vereint bilden: Sprache, Vaterland, gleiche Bestrebungen, gemeinsame religiöse Vorstellungen — letzteres besonders in der Kindheit der Völker

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.