Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Oesterreich-Ungarn Mk. 2,00, ' " alle andern Länder Mk. 3,50. Post-Zeitungsliste Rr. 108. Die „Mochenschrifl" erscheint an jedem Freitag mindestens 20 Seiten (2>/, Bogen,, der „Irschnrun" Mitte urzd Ende jeden Monats mindestens 4 Seiten (Va Bogen) stark. Zu beziehen durch die Post (Zeitungsliste pro 1896 Nr. 108) oder unsere Expedition. Anzeigen werden mit 35 pfg. für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet. Bei Wiederholungen oder größeren Aufträgen tritt eine Preisermäßigung ein. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen für dieses Blatt entgegen. Inhalt: Decadence im Judentume? I. — Herr Pobjedonoszew. Bon M. A. K. — Die Messiasidee tin de siede. II. Bon Dr. S. Bernfeld. — Der numerische Niedergang des Judentums. (Schluß.) Bon Bernhard Traubenberg. — Wochen Chronik: Statistisches. — Darum ... — Die Antisemiten unter sich. — Hinc illae lacriinae. — Das argentinische Hilfswerk. — Zum Ursprung der Legende von den drei Ringen. — Feuilleton: Die jüdische Mutter. Bon Nahida Ruth Lazarus. — Spiegelbilder aus dem jüdischen Leben. Bon F. Saphra. — Der Fortschritt. (Fortsetzung.) Bon S. Horowitz. - Hier und dort. — Kalender — Anzeigen. Drrniirnrr im Judentum? (Zu den Trostsabbaten.) I. Kaum giebt es eine Zeit, in der das Judentnm in dem Maße des Trostes bedurfte, als die nnsrige. Freilich liegt das Jerusalem, dessen Zerstörung uns wirklich mit Trauer erfüllt und in Wahrheit des Trostes bedürftig macht, nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Die Zukunft des Judentums scheint uns bedroht. Ein Stein nach dem andern lockert sich an dem Tempel des Judentums, der so vielen Jahrtausenden Trotz geboten hat; die Hoffnung ans eine Macht, die diesem Zerfall Einhalt gebieten werde, schrumpft immer mehr zusammen, und so erscheint uns der Zusammensturz dieses Tempels unausbleiblich, wenu nicht wunderbare Ereignisse den Strom der Geschichte in ein neues Bett lenken. Wie soll die Erhaltung des Judentums gelingen, wenn die wichtigsten Lehren und Vorschriften desselben von dem Wellenschläge der Zeit verschlungen werden? Man braucht nur au den Sabbat, die Speisegesetze, den Gottesdienst, die Festtage u. s. w. zu denken, um von tiefster Besorgnis für die Zukunft des Judentums erfüllt zu werden. Das Judentum, an dem in solcher Weise ein edles Organ nach dem andern erstirbt, scheint einem sichern Tode entgegen zu gehen. Das ist die tiefe Bekümmernis, die sich jedem denkenden Sohne des Judentums ausdrängt. Was soll daraus werden, wenn das so weiter fortgeht wie in den letzten 100 Jahren? Und giebt es auch' nur den geringsten Anhaltspunkt sür die Hoffnung, daß es nicht so weiter fortgeheu werde? Ja, sprechen nicht alle Anzeichen dafür, daß der Stein der Gleichgiltigkeit, der Untreue, der inneren und äußeren Entfremdung und Loslösung, nachdem er erst ins Rollen gekommen, nur mit beschleunigter Geschwindigkeit dem Abgrund des Nichts entgegeneilen wird? Wie sollte er zum Stillstände oder gar zur Umkehr gebracht werden? Welche in Sicht stehende Macht sollte das Wunder bewirken? Sollten etwa dem rapiden Absterben des religiösen Lebens die homöopathischen Dosen unserer Religionsschule Einhalt thun? Oder sollte der Strohhalm des Jugendgottesdienstes der Rettungsgürtel des in den Wogen des struggle of life versinkenden Judentums sein? Oder sollte die Spielerei der Litteratur-Vereine über den Ernst einer drohenden Katastrophe hinwegtäuschen können? Oder sollte man in den paar orthodoxen Separatgemeinden Frankfurt a. M., Mainz, Darmstadt, Berlin rc., die Quelle der Verjüngung für das in Altersschwäche erscheinende Judentum erblicken? Oder sollte man eine Erneuerung der Lebenskraft des Judentums davon erwarten, daß, infolge des Austrittsgesetzes sowie der Ergrauung des Reizes der Neuheit, die Vorstände der großen Gemeinden Deutschlands ihre Aktivität im Dienste der religiösen Reform aufgegeben und geneigt sind, den Ansprüchen der orthodoxen Mitglieder ihrer Gemeinden Rechnung zu tragen? Das alles ist mattes Aufflackern des erlöschenden Lichtes; das sind keine Kraft-Erscheinungen, das sind Decadence-Symptome. Das alles ist die spielerische Geschäftigkeit des ausrangierten Greises, der über „sein Nichts durchbohrendes Gefühl" sich hinwegtänschen möchte. Das alles ist wohl ein bequemes Mittel für die Apostel des apres moi le deluge, die nur den Strom der Gegenwart und nächsten Zukunft im Auge haben und zufrieden sind, wenn es ihnen gelingt, diesen Strom zu trüben, um darin fischen zu können. Den ernst denkenden, in die Tiefe der Dinge schauenden Sohn des Judentums kann dies alles nicht beruhigen und nicht trösten.