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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-07-31 · 31 (31.7.1896) · p. Seite 522

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
Seite 522 (sequence 6)
Language
German
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Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 31.;eite 522. eng verknüpft. Er soll für den immer in der Klemme befindlichen Rektor bedentende Opfer gebracht haben. Man erinnert sich wohl der Thatsache, daß Volkmann als „Diener" Ahlwardts seiner Zeit die Fahrt zur Einweihung des Kaiser Wilhelm-Kanals mitmachte; auch die Koste» der Reise wurden aus seinen Mitteln bestritten. — Wieder kein Jude! Kürzlich wurde der Bankier Hermann Silberschmidt ans Hameln wegen Verleitung zur Kuppelei verhaftet. Der Name Silberschmidt genügte nun der antisemitischen „Hannov. Post", um ihn sofort zum Juden zn stempeln und die ganze Rasse der Juden wieder zu Mitschuldigen des einen angeblichen Verbrechers zu machen. (Die liebe „Staatsb.-Ztg." hat sich sogar zu einem Leiter emporgeschwnngen, den sie der „Hann. Post" nachgeschrieben hat. Red.) Silberschmidt aber ist kein Jude und ist nie Jude gewesen, sondern als unehelicher Sohn einer echt germanischen, arischen Mutter in Hameln geboren und als vollgiltiger Christ getauft worden. Wie viele, die wegen ihres jüdisch klingenden Namens für Inden gehalten werden, kokettierte S. doppelt eifrig mit den antisemitischen Ideen und pflegte den Gesinnungsgenossen der Leser der „Hann. Post" herauszubeißen. Sollten null die antisemitischen Blätter sich genötigt sehen, auf die christlich-deutsche Abstammung des Silberschmidt hinznweisen, so raten wir ihnen, ihr altes Rezept anzuwenden, nach welchem zugegeben wird, daß Silberschmidt seinem Fleische nach „Deutscher", seiner Gesinnung nach aber Jude sei. Das zieht immer — bei den antisemitischen Lesern. — Der Jud' Nietzsche. Die Gelehrten eines Berliner antisemitischen Blattes haben dieser Tage der staunenden Mitwelt eine verblüffende Neuigkeit verkündet. Sie wollen nämlich die Entdeckullg gemacht haben,, daß der große deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche ein Jude sei. Welch' profunde Forschuilgen sie zn diesem Zweck angestellt haben, das verschweigen sie wohlweislich. Sie haben auch keine Antwort ans die Frage, wie es komme, daß Nietzsches Vater protestantischer Pfarrer in Naumburg war. Sie dekretieren einfach: Nietzsche ist ein Jude, und damit ist die Sache erledigt. Wir glauben übrigens die Beweggründe zu kennen, welche die Herren veranlassen, Nietzsche zu einem Juden zu stempeln. Der geistsprühende Denker hat mehrmals in seinen Werken über die Verfechter der arischen Raffentheorie die Geißel seiner Satyre klatschen lassen und die antisemitische Bewegung als eine banausische Zeitströmung und als einen Ansbruch vulgärer Triebe gebrandmarkt. Nietzsche hat sogar für das stetige Ansehwellen des Antisemitismus eine Erklärung gefunden, die er mit einem Goetheseben Spruche formulierte, der folgenden Wortlaut hat: „Ueber das Niederträchtige Niemand sich beklage. Denn es ist das Mächtige, Was man Dir auch sage." Nietzsche hat aber noch durch eine andere schiveriviegende Thatsache seine semitische Abstammung in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise dokumentiert. Er hat es nämlich gewagt, Heinrich Heine als einen der größten deutschen Dichter zu feiern: ja, er hat erklärt, daß Heine „ein europäisches Ereignis" sei. Also lauter augenfällige Beweise für das Judentum des Philosophen. — Das Argentinische Hilfswerk beschäftigte in den letzten Tagen die politische Tagespresse. Ans Konstantinopel erhielten die Blätter einen Bericht, der das Unternehmen des Baron Hirsch als völlig gescheitert bezeichnet. Bei der Anfeindung, denen das Argentinische Hilfswerk von verschiedenen Seiten ansgesetzt ist, ist die Annahme nicht ausgeschlossen, daß man es hier mit einer tendenziösen Uebertreibung zu thun hat. Als gewissenhafte Chronisten dürfen wir aber den Bericht nicht unterdrücken. Er lautet: „Seit einigen Wochen langen in Konstantinopel ganze Familien der von Baron Hirsch nach Argentinien geschickten russischen Juden an, die das russische Konsulat bestürmen, ihnen die Reise nach Rußland zn ermöglichen und nach dort Pässe auszustellen. Die Sache hat aber einen Haken. Die Auswanderer haben nämlich seinerzeit aus ihre russische Nationalität verzichten müssen. Jetzt treiben sie sich hier in einem erbarmungswürdigen Zustande umher. Die Schilderungen, die sie von den, Kolonialleben und den Zuständen in Argentinien gaben, sind kaum glaublich, aber alle Zurückgekehrten bestätigen die Angaben. Schon gleich bei ihrer Ankunft in der Kolonie wurden ihnen Blankette vorgelegt, die sie einfach unterschreiben mußten. Diese wurden dann später von den Beamten ausgefüllt, und die Ansiedler ersahen dann, daß sie für ein Stück Land, für das sie eigentlich 5000 Franken abzuzahlen hatten, die Summe von 18—20000 Franken schuldig geworden waren. Die Unterverwalterwirtschafteten, wie es ihnen beliebte. Für Naturalien und Wirtschaftsgegenstände verlangten sie das Siebenfache des wahren Wertes. Den galizischen und russischeil Juden nahmen sie die von diesen erbauten Baracken, um sie den Spaniern einzuränmen. Die Kolonisten, die wohl geträumt haben mochten, dort ein beschauliches Leben führen zu können, sahen sich hierin bitter getäuscht. Man versuchte es, sie zu Bahnbauten heranzuziehen, bei denen sie Frohndienste leisten sollten. Der Boden ist mäßig, und es herrschte unter ihnen eine Krankheit, die von dem Stich einer Fliege herrührte, aus dem sich später Würmer entwickelten. Auch unter sich waren sie nicht einig. Es herrschten fortwährend Streitigkeiten wegen Ausübung der religiösen Gebräuche. Tie Spanier sind sehr orthodox, während die Russen, die Galizier und die Deutschen eine freiere Anschauung haben. Vor allem richtet sich die Erbitterung der Juden gegen den Hauptverwalter Feinberg. Dieser lebte in Paris und überließ die ganze Verwaltung Unterbeamte,t. Als die Not der Ansiedler immer höher stieg und die Bedrückungen kein Ende nehmen wollten, rief man ihn nach Argentinien, und nur mit genauer Not entging er der Gefahr, erschlagen zn werden. Es waren zwar schon lange Gerüchte und Hiobsposten nach Europa gedrungen, man unterdriickte sie jedoch immer. Man wollte, man konnte es nicht glauben. Jetzt ist es endlich zur vollen Gewißheit geworden: Das Unternehmen des Baron Hirsch ist als völlig gescheitert anzusehen. Noch bestehen zwar die Trümmer desselben, die die „Alliance Jsraelite" zu neuem Blühen bringen möchte, aber dies ist verlorene Mühe. Man ist überall der Ansicht, daß diese es noch ärger in der Kolonie treiben wird als die Beamten des Baron Hirsch, und deshalb will niemand

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