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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-07-31 · 31 (31.7.1896) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
Seite 520 (sequence 4)
Language
German
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Seite 520. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. Wochen und Monate lang aus religiöse Erhebung verzichten zu müssen. Aber auch in mittleren und größeren Gemeinden würde eine Umgestaltung des Gottesdienstes zu Gunsten der Predigt sich wenig bewähren; denn diese Umgestaltung würde den Prediger nötigen, nicht allein häufiger, sondern auch länger als geivöhnlich zu predigen, was nicht zum Vorteil gereichen würde: der Redner würde weniger intensiv als extensiv sein, er würde weniger in die Tiefe als in die Breite gehen, und aus der allwöchentlichen Predigt würde leicht eine alltägliche werden. Zn diesen nieill praktischen Erwägungen tritt noch ein ideales Moment hinzu: das spezifisch-jüdische Empfinden. Während wir im gesellschaftlichen Verkehr bemüht sind, unseren andersgläubigen Mitbürgern gleich zu sein, wollen wir in der Synagoge Juden sein! Und darum behalten wir unsere Gebete, unsere hebräische Sprache und unfern Vorsänger nicht blos trotzdem, sondern weil sie den Bekennern anderer Religionen fremd, und weil sie, neben unserer Litteratur, die einzigen Ueberreste sind aus einer großen glorreichen Vergangenheit!!" Der niinirrirrtir ilic&frpitg des Judentums. Von Bernhard Traubenberg. Das Zahlenbild des deutschen Judentums ist ein sehr unerfreuliches und wird aller Wahrscheinlichkeit nach, wenn sonst die eherne Logik von Ursprung und Wirkung nicht aufgehoben wird, in Zukunft sich noch unerfreulicher gestalten. Mit Bangen und Sorge kann man nur den Blick auf die weitere Entwickelung des jüdischen Volkstums richten. Die Zahlen reden eine sehr deutliche Sprache. Sie rufen den Knlturbestrebungen, die die deutschen und auch sonst die westeuropäischen Inden beherrschen, ein warnendes üllenä teke! zu. Die Wege, die eine überreizte Zivilisationssucht uns führt, sind falsch, unheilvoll und verderbenbringend. Die bedenklichen Symptome der rückläufigen Volksbewegung, wie sie die statistischen Zahlen seit langem unzweifelhaft darstellen, verraten, daß die innern Kräfte des Judentums nicht mehr ganz intakt und ungeschwächt sind. Die unerfreulichen, äußeren Symptome entsprechen ganz gewiß auch einer schlimmen Jnnenverfassung. Die Geschichte rühmt dem jüdischen Volke ein urkräftiges Wachstum nach, das alle Ausrottnngsversuche unmenschlicher Bedrücker scheitern machte. Jetzt scheint dieser gute Genius ewiger Erneuerung und Verjüngung den jüdischen Stamm verlassen zu haben. Was pharaonischem Druck, was mittelalterlicher Vernichtungswnt, was dem Zusammenschluß allerfinsteren Geister früherer Jahrhunderte nicht gelungen, das erreicht jetzt spielend und mühelos der Kulturmoloch überfeinerter und aufgehätschelter Bildung. Das leuchtende Kleinod des jüdischen Hauses verliert immer mehr an Boden, giftiges Wurzel- und Schlingwerk unterwühlen immer sicherer sein unerschütterlich geglaubtes Fundament. Von Jahr zu Jahr wird der schwere „Schaden am Hause Israels" deutlicher erkennbar. Einem aufmerksanren Auge freilich konnte es längst nicht entgehen, wie die statistischen Ermittelungen immer empfindlicher zu ungunsten der Juden ausfielen. Zunächst fehlte es allerdings an objektiven Beobachtern, und nicht nur in antisemitischen, sondern auch in jüdischen Blättern wurde fortwährend die abgedroschene Fabel von dem ungeheuer starken Wachstum der Bevölkerung aufgetischt. Ja, diese Fabel spukte sogar in Köpfen, deren Beruf es ist, die statistischen Ermittelungen fachwissenschaftlich zu gruppieren und dem Laienauge in unverschleierter Klarheit vorzuführen. Als ich — meines Wissens zum erstenmal — auf diese sonderbare Erscheinung, die den landläufigen Anschauungen schnurstracks zuwiderlies, hinwies, da war es kein geringerer als H. Wichmann, der im „Globus" meine Behauptung als haltlos hinzustellen suchte, wobei ihm alle jüdischen Zeitschriften getreulich sekundierten. Meinen Auseinandersetzungen lag damals nur ein geringes Zahlenmaterial zugrunde und obwohl auch Wichmann mit keiner zahlenmäßigen Widerlegung kam, so war es nicht weiter verwunderlich, daß seine Autorität meine Darlegungen vollständig erdrückten. Doch nicht lange, und es bot sich Gelegenheit, ein weitschichtigeres Material herbeizuschaffen, das den behaupteten relativen Rückgang der jüdischen Bevölkerung unter Beweis stellte. Heute dürfte es keinen mehr geben, der den Mut hätte, etwas zu leugnen, was so klar zutage liegt. Die Zahlen enthalten den Beweis einer fortdauernden Schröpfung des deutschen Judentums. Sie stellen seiner Weiterentwickelung das allerungünstigste Prognostikon und lassen den Bestand der jüdischen Glaubensgemeinschaft als äußerst gefährdet erscheinen. Das gilt natürlich nicht für den Augenblick und für die nächste Zukunft. Aber wenn der Laus der numerischen Entwickelung sich auf derselben schiefen Ebene fortbewegen wird wie bisher, dann wird in 100 Jahren die jüdische Bevölkerung prozentuell wohl nur halb so groß sein wie jetzt. Sehen wir uns einmal die Zahlen, die das neueste Heft der preußischen Statistik veröffentlicht, näher an. 1892 1893 1894 Jüdische Sterbesälle -^-5373^ Augenscheinlich tritt bei diesen Zahlen das Steigen und wieder das Sinken der Todesfälle hervor. Das ist jedoch nur eine Teilerscheinung, die auch in den Gesamtziffern wahrgenommen werden kann. Die Sterbeziffern für die letzten drei Jahre betragen 714752, 746477, 679 793. Das Steigen und Fallen der jüdischen Sterbefälle entspricht zwar nicht genau der Bewegung der allgemeinen Ziffern, die Differenz ist aber unerheblich, wenn man bedenkt, daß der Prozentsatz bei Juden schon durch eine sehr geringe Verminderung oder Vermehrung eine starke Verschiebung erleidet. Die Geburten der letzten drei Jahre ergeben, wenn man die Hälfte der aus jüdischen Mischehen hervorgegangenen, den Juden zurechnet: 1892 1893 1894 Geburten . . . 8749 8736 8639 Sterbefälle. . . 5927 6274 5373 Ueberschuß . . . 2822 2462 3266 Der Bevölkerungsüberschuß auf jüdischer Seite stellt sich im allgemeinen sehr ungünstig, und obwohl 1894 eine nicht unbeträchtliche Steigerung zu konstatieren ist, so ist doch das

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