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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-07-31 · 31 (31.7.1896) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
Seite 519 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 31. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 619. 6 man nur, lmi| s n™,k«6 «, ""Hm 9tb%(; *, to°?: «Mi, »“WM§ mit Km, uj ,nnf.?"tl««mtin<inB, (Pttgfett uub dein Tiinkel ’ie vorgefaßte Meinung und ,n wirkliches Gebrechen des diesem Punkte zur Scheinst diejenigen, die seit zwei r Litteratur sind, kennen, ihr ten, ihre Leiden fühlen. Von neu? Doch wohl nicht, die, Füßen tretend, unanfhörlich Heil komme und die Wahr- >isse kourante Maaren nicht r, anfeinden; auch von jenen r verbrennen, die Kenntnis Iten möchten, weil dieselbe m Partikularismus und das Kinderschuhe, die uns das rusgetrcten.... Wenn die te und Religion, der Idee le Art beharrlich gelockert sere fashionablen Juden die f den Boden bringen oder eser Geschichte kein betitelter ino 1845. Wären damals i Boden gefallen, so halten rr Pfaffen, keine Litteratur- 'eine .zionistischen" Vereine, erzienräte als „Parnaßim, .jstige Leben bei uns erstickt, m, die sich zu unsern Führern d keinen Reverend, der du gleichstellt. Aber .was soll eiern i Dr. S. Bernfeld. f I le». heißt in der heiligen Thora (Deuter. 8,4): ,Dein Kleid zerfiel nicht von Dir, und Dein Fuß schwoll nicht an, schon vierzig Jahre'; dieser Satz wird im Midrasch dahin erklärt, daß in der Wüste ein Wunder geschehen: die Fuß- und Leibbekleidung der Israeliten sei mit ihren Trägern gewachsen; es gab demnach in der Wüste weder Schneider noch Schuster — wer sollte da einen Chasen verlangen?" Dieses Witzwort beleuchtet treffend die Klage über den Niedergang des Kantorats in Deutschland, die ein würdiger Vertreter dieses Standes vor acht Tagen hier angestimmt hat. In den slavischen Ländern Europas, in denen unsere Glaubensbrüder unter einem schweren politischen und ökonomischen Drucke seufzen, stand die Wiege dessen, an dessen Bahre wir in den westlichen Kulturstaaten stehen: des Chasen. Dem jüdischen Bolksgemüte entsprossen, wußte er den Weg zu dem Herzen seiner Hörer zu finden. Ans seinem Vortrage tönte das ganze Weh und der ganze Schmerz des kleinen Judenvolkes, das unerschütterte Gottvertranen und die unvergleichliche Gottergebenheit des großen Israel. Er war der Liebling vornehmlich aller Belasteten und Bedrückten, der „Schneider und Schuster" — dieser geborenen Proletarier der Judenheit — weil seine wehmütigen Weisen sie ergriffen und verwandte Saiten in ihrem Innern ertönen machten. Ohne den Chasen gab es keine rechte Sabbat- und Festesfreude, ohne den Chasen war eine öffentliche oder Familienfeier undenkbar. So ist es noch heute in den slavischen Ländern, wo der politische und wirtschaftliche Druck von unseren Glaubensgenossen noch nicht gewichen ist; so war es auch in den westlichen Knlturstaaten, ehe bezahlte Lobredner ihren Hörern erzählen durften, daß der große Judenschmerz ausgeweint sei für alle Zeiten, daß er keine Stätte mehr habe in unserem Herzen und unserem Hause. So war es auch in deutschen Landen, ehe man begonnen hatte, unseren Gottesdienst „zeitgemäß" zu entjudaisieren, ihn „modern" zu verstümmeln, damit anch in den Gotteshäusern Israels nichts zu schauen sei als der deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. Mit der Absetzung des Chasen und der Einsetzung des „Kantors" hat die glorreiche Reformbewegung begonnen; mit der Absetzung des Chasen und der Einsetzung des „Kantors" hat die glorreiche Reformbewegung den ersten Schritt gethan nach dem Sumpfe, in den sie geraten, aus dem sie nicht mehr heraus kann. Denn mit dem Chasen ist das Herz unserem Gottesdienste genommen worden, der, kahl und kühl, uns nicht mehr erwärmt und darnni nicht mehr anzieht. Schreiber dieses hat vor mehreren Jahren in einer Flngnnd Streitschrift unsere Reformhelden ans die Bedeutung des Chasen für die Hebung unseres Gottesdienstes aufmerksam zu machen gesucht. Die Ausführungen wurden von den Beteiligten gelesen, aber von der damals maßgebend gewesenen Fachpresse mutig totgeschwiegen, so daß eine Anssprache über den wichtigen Gegenstand nicht erfolgt ist. Um nachzuholen, was andere verabsäumt, gestatten wir uns, die aus unseren Gegenstand bezughabende Stelle aus der Flugschrift im wesentlichen hierherzusetzen und unsere positiven Vorschläge für eine der nächsten Nummern dieses Blattes zu reservieren: „ . . . . Besonders ist es die religiös-fortschrittliche Richtung, welche höchstens ben Religionslehrer anerkennt, deni Vorsänger aber die Existenz-Berechtigung völlig abspricht. Unter Hinweis auf den Gottesdienst in der Kirche, der ja ohne singenden Vorbeter eilt würdiger und erbaulicher sei, fordern ihre Wortführer eine Nullisizierung der kultuellen Thätigkeit des Vorbeters. Run vergessen diese Wortführer, daß der Jude mit einer andern Absicht und zu einem andern Zwecke in die Synagoge geht, als der Christ in die Kirche. Dieser begiebt sich in das Gotteshaus, um sich zu erbauen, jener aber, um zu beten. . . . Und „was ist das Gebet?" fragt unser gemütreicher Michael Sachs. „Meint Ihr das Wort der Lippen, das äußerlich wird abgelesen, während im Innern andere Gedanken und andere Sorgen und andere Fragen sich tummeln und im wirrem Gewühl des Gemütes Erhebung und des Geistes Sammlung hemmen? Rein! Es ist das Gebet, — da der ganze Mensch ein Saitenspiel, ein Tonzeug ist, auf den in heiligen Akkorden seines Gottes Preis und Ruhm erklingt, da sein Herz eine Harfe wird und tönet und klinget; da jede Fiber und jede Faser an ihm schwingt und zuckt in heiligen Schauern!" Ein Tonzeug, eine Harfe aber, fügen mir hinzu, müsse» gestimm t werde», will man lautere Akkorde ihnen entlocken; und soll das Menschenherz sich im Gebete in eine Harfe wandeln, so muß auch dieses gestimmt werden. Und wie Saiteninstrumente erst herabgestimmt werden, ehe man sie emporschraubt, so muß auch das Menschenherz de- und wehmürig gestimmt werden, ehe es beten kann. Wer oder was soll diese Wirkung Hervorrufen? Etwa der Orgel metallener Klang? Der an eine andere Welt gemahnende Grabeston der Orgel kann uns auf kurze Zeit in eine weihevolle Stiinmung versetzen, nachhaltig ist der Eindruck nicht, der Orgelton kann den Hörer eine Weile erheben, aber erschüttern wird er ihn nicht. „Die Menschenstimme ist das Erschütterndste!" sagt einer unser größten Tondichter; sie allein ist berufen, zu dem Menschen zu reden; nur ihr Klang wird niemals den Eindruck verfehlen. Und darum sagen wir: solange die Juden ihre Synagogen nicht allein der Erbauung, sondern auch des Gebetes wegen besuchen, ist der singende Vorbeter unentbehrlich. . . . Ferner: Solange das Hebräische als Gebetsprache in der Synagoge vorherrscht, würde die Abschaffung des Vorsängers einer Vernichtung des Gottesdienstes gleichkommen. Denn das deklamierte hebräische Gebet würde bei der wachsenden Unkenntnis der Sprache unserer Väter den letzten Rest der Getreuen ans dem Gotteshanse vertreiben. Und darum können selbst unsere Reformgemeinden, in deren Gebetbüchern das Hebräische nicht völlig ausgeschieden ist, den Vorsänger nicht entbehren. . . . Nach alledem ist es unerklärlich, ivie Männer, die trotz ihrer radikalen Anschauungen es mit dem Jndentum gut meinen, gegen die Vorsänger eifern können. Oder soll dieser Eifer weniger in einer Animosität gegen den Vorsänger, als in einer Abneigung gegen die hebräische Gebetsprache seinen Ursprung haben? In diesem Falle sei man gerecht, es einzugestehen; bei dieser Gelegenheit sage man uns aber auch, wer die Thätigkeit des Chasen ersetzen soll? Man sagt: der Prediger und die Predigt. Gesetzt, — aber nicht zugegeben — dem gesprochenen Worte wohnte eine gleiche Kraft inne wie dem gesungenen — was aber sollten die Gemeinden anfangen, welche einen Prediger entbehren müssen? Sollten sie ihre BeUokale schließen und warten, bis irgend ein benachbarter Prediger in ihrer Mitte erscheine, um ihnen die Abhaltung eines Gottesdienstes zu ermöglichen? Und vollends die hohen Feiertage, an welchen jeder Prediger au seine eigene Gemeinde gebunden ist — sollten diese an den Mitgliedern kleiner Gemeinden spur- »ub weihelos vorübergehen? Nicht wahr, das wünscht niemand? Wenn man das aber nicht wünscht, so rüttele man nicht an einer Institution, welche selbst einer ans wenigen Mitgliedern bestehenden Genreinde möglich macht, sich an bestimmten Tagen zu einem gemeinsamen Gottesdienste zu versammeln, und die sie nicht in die leidige Lage versetzt.

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