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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-07-31 · 31 (31.7.1896) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
Seite 518 (sequence 2)
Language
German
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*%■ Seite 518. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. i i können. Seht ihr, hieß es vor einigen Wochen in einer jüdischen Zeitschrift: ein Mann vom Range eines Herzl, Verfasser mehrerer Possen, die aus einem Wiener Theater ausgesührt worden sind und sogar einige Zeit ans dem Repertoire sich erhalten haben, der Feuilletonist, der in einem großen Wiener Blatte so hübsch und nett zu plaudern weiß, der vollendete Salonmensch, dessen Frack so tadellos sitzt, dieser große Mann hat nun dem Judentum die Ehre angethan, sich mit ihm zu beschäftigen. Wer möchte nun noch daran zweifeln, daß das Judentum ein interessanter, salonfähiger Gegenstand sei? Werden nun viele Anhänger für diese Bewegung gewonnen, so darf man nicht im mindesten hoffen, daß manche jüdische Familien wieder zu der alten Lebensweise unseres Stammes zurückkehren, daß sich die jungen Leute mit der Erlernung der hebräischen Sprache abquälen werden, daß in den Häusern Israels wiederum ein Leben voller Entsagung und Opfer beginnen wird. — O nein! Heutzutage macht man es sich viel bequemer; es genügt, wenn man einem „zionistischen" Verein beitritt und pünktlich seine Beiträge, die andere Leute gut gebrauchen können, zahlt und der „nationalgesinnte" oder „zionistische" Jude ist fertig. Mit einem Worte: der „Zionismus" sängt an, ein Sport zu werden, nicht besser und ernster als das Radfahren, Pferderennen und dergleichen, nur mit dem Unterschiede, daß hier eine heilige Sache prosaniert wird. Wer das nicht glauben will, soll die Rede lesen, in der Herr Theodor Herzl von dem Sprecher der Londoner „Zionisten" gefeiert worden ist. Rev. Singer, der Prediger der Resormgemeinde in London, verglich die heutigen Journalisten mit den alttestamentarischen Propheten. Er berief sich für diese ungeheuerliche Phrase auf Renan. Nun dieser war ein geistvoller und genialer Forscher; er hat aber so viele Hypothesen in die Welt gesetzt, daß kein Ernstdenkender seine Aeußerungen ohne genaue Prüfung nachsprechen wird. Zu Ehren Renans wollen wir auch aunehmen, daß er weder Jaques St. Cöre noch Camille Dreysuß gekannt, diese Vertreter des modernen Prophetentums; er hätte sonst gewiß jene ungeheuerliche, ja gotteslästerliche Phrase nicht ausgesprochen. Schämen muß man sich aber über unser kraftloses und blutarmes Geschlecht, daß einige halbwüchsige Burschen und unreife Schwätzer es wagen dürfen, irgend welche Bewegung zu schaffen; daß ein begabter, federgewandter Journalist die Zukunft des Judentums zu lenken unternimmt und ein Quasi-Prediger diesen Journalisten den glorreichen Propheten an die Seite zu stellen wagt, ohne dem Fluch der Lächerlichkeit zu verfallen. Es rächt sich jetzt schwer und bitter an unserem Stamme, daß verblendete Männer ihm jede Eigenartigkeit, jeden Partikularismus auszutreiben sich vermessen haben. Zunz, der doch gewiß auf der Höhe der europäischen Kultur gestanden, klagte vor fünfzig Jahren über dieses blinde Wüten gegen alle jüdischen Ideale: „Dich befremdet — schrieb dieser große Forscher an einen wirklichen oder nur fingierten Freund —, daß selbst in unserer großen Stadt unter den Juden so große Unwissenheit über die Männer herrscht, welche die Zierde und die Träger ihrer Geschichte sind; gerade unter den gebildeten Klassen ist von dem Leben und Wirken bedeutender jüdischer Persönlichkeiten so gut als nichts bekannt, und von Maimonides und Mendelssohn weiß man nur, weil es europäische Namen sind. Ich könnte Dir entgegnen, daß einergroßen Stadt auch eiue große Unwissenheit gebühre; allein ich habe auch eine ernsthafte Antwort. Volkszahl, Bildung stehen nicht in gleichem Größenverhältnis mit Wärme und Interesse, und der Mangel an Kenntnis hat zunächst in einem sittlichen Mangel, in der Gleichgiltigkeit und dem Dünkel, seinen Grund; seine Wirkung, die vorgefaßte Meinung und das falsche Urteil, wird also ein wirkliches Gebrechen des Verstandes und die Kultur in diesem Punkte zur Scheinkultur . . . ." „Das jüdische Publikum .... soll diejenigen, die seit zwei Jahrtausenden die Träger unserer Litteratur sind, kennen, ihr Wollen begreifen, ihr Wirken achten, ihre Leiden fühlen. Von welchen Führern soll »s dies lernen? Doch wohl nicht, die, alles Alte, das jüdisch ist, mit Füßen tretend, unaufhörlich ausrufen, daß erst mit ihnen das Heil komme und die Wahrheit, die alle Bücher, worin gewisse kourante Waaren nicht feilgeboten oder angepriesen werden, anfeinden; auch von jenen nicht, die die hebräischen Bücher verbrennen, die Kenntnis dieser- Sprache unter uns ausrotten möchten, weil dieselbe Palästina und das Mittelalter, den Partikularismus und das Veraltete vertrete, wir aber die Kinderschuhe, die uns das göttliche Land angelegt, längst ausgetreten.... Wenn die Bande der Sprache, der Geschichte und Religion, der Idee und aller Nationalität auf diese Art beharrlich gelockert werden, so erstaune nicht, daß unsere sashionablen Juden die hebräischen Bücher ichleunigst auf den Boden bringen oder verkaufen, und um die Männer dieser Geschichte kein betitelter Narr sich kümmert . . . ." So schrieb Leopold Zunz anno 1845. Wären damals seine Worte aus einen fruchtbaren Boden gefallen, so hätten wir in der Gegenwart keine unwissenden komödiantenhaften Rabbiner, keine Dressieranstalten für Pfaffen, keine Litteraturvereine, keine seichten Predigten, keine „zionistischen" Vereine, kein Knownothingtum, keine Kommerzienräte als „Parnaßim", keine große Heerde, welche alles geistige Leben bei uns erstickt, keine dummenJungen und Ignoranten, die sich zu unfern Führern anfwerfen, keinen Salonmessias und keinen Reverend, der die Propheten den Zeitungsreportern gleichstellt. Aber „was soll es nützen, stets das alte Lied zu leiern?" Dr. S. Bernfeld. Der Ömftn. Ein russischer Glaubensgenosse teilt uns ein Witzwort mit, das er irgendwo irgendwann von einem „Maggid" (Wanderprediger) gehört haben will. Es ist bekannt, so führte der Prediger aus, daß die Israeliten in der Wüste oft unzufrieden gewesen, daß sie fast täglich mit neuem Begehren zu ihrem Führer Mose hinangetreten waren. Bald forderten sie Fleisch, bald Wasser; bald sehnten sie sich nach den Fleischtöpfen, bald nach den Zwiebelbündeln Egyptens. Wie kommt es, daß sie niemals einen — Chasen gefordert, diesen eigenartigen Meister des Sangös, der in früherer Zeit so hoch stand in der Gunst Israels? „Die Antwort ist unschwer gegeben, Rabboßai. Es

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