Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 514 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 514. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. standes zu diesem Schritte darzuthun. Nach lebhafter Debatte gelangte eine die Mißbilligung der Versammlung über das eigenmächtige Vorgehen des Vereinsvorstandes aussprechende Resolution mit überwiegender Stimmenmehrheit zur Annahme. X Straßburg, 19. Juli. Nach dem von der Regierung veröffentlichten statistischen Ueberblick über die höheren Schulen des Reichslandes hat am 1. November 1895 die Gesamtzahl der Schüler an den höheren Schulen 8407 betragen, von denen 3931 (46,6 Prozent) Katholiken, 3705 (44,1) Protestanten und 771 (9,3 Prozent) Israeliten waren. Die letzteren besuchen vorzugsweise die 14 aus Landesmitteln unterhaltenen Schulen; nur 91 israelitische Schüler sind in den 6 von kirchlichen Behörden unterhaltenen höheren Schulen. Unter den 26 Direktoren sind gleich viel Katholiken und Protestanten, unter den 278 Oberlehrern 109 Katholiken, 161 Protestanten und 8 Israeliten, unter den 41 wissenschaftlichen Hilfslehrern und Probekandidaten 16 Katholiken, 22 Protestanten und 3 Israeliten, unter den seminaristisch vorgebildeten Lehrern befindet sich kein Israelit. O Wien, 15. Juli. Dieser Tage hat der 20jährige Schuhmacher Aegidius Leiß auf sonderbare Art seinem Leben ein Ende gemacht; er bestieg den Stefansturm und stürzte sich von dort in die Tiefe. Als man den Selbstmörder mit zerschmetterten Gliedern fand, durchsuchte man seine Taschen. Unter den vielen Papieren fand sich auch ein Zettel und aus diesem stand folgender, in der Orginal-Orthographie wortgetreu wiedergegebener „Lueger-Vaterunser": Vater unser der Du bist in Wien, gelobt sei dein Name in Wien auch am Lande, beschütze unser christliches Volk. Dein Wille geschehe bei allen Völkern der Erde, verschaff uns kein Jüdisches Brod sondern nur christliches, und gebe billiges Fleisch dazu, vergieb allen Schulder», welche durch Jüdische Wucherhände betrogen wurden, auch wollen wir Ihnen vergeben, führe uns nicht in Versuchung eines anderen Sinnes zu werden, sondern erlöse uns von dem Jndengesindel Amen." — In unserem Nachbarorte Baden hat sich Frl. Helene v. Gutmann, Tochter des Herrn David Ritter v. Gutmann und der Frau Sophie v.- Gntmann, mit einem unserer Glaubensgenossen, Herrn Dr. jur. Grafen Victor Sacerdoki di Carobio, Attache bei der italienischen Botschaft in Paris, verlobt. Der Vater des Bräutigams zählt zu den frömmsten und strenggläubigsten Israeliten. S* Lemberg, Mitte Juli. Der hier abgehaltene Katholikentag hat einige Beschlüsse mit antisemitischem Gepräge gefaßt. So wurde der „Verkauf und die Verpachtung von Gütern in nichtchristliche Hände" als „religiöse, nationale und gesellschaftliche Niederlage" erklärt. Es wurde ferner beschlossen, darauf einzuwirken, daß Verfügungen erlassen werden sollen, die es verhindern würden, in „nichtchristlichen Dorfschänken" Geschäftsläden und Trafiken zu eröffnen. Endlich wurde beschlossen, für ein Gesetz einzutreten, welches den Juden die Anfertigung von liturgischen Gegenständen, Heiligenbildern und dergleichen, sowie den Handel mit denselben untersagt, zugleich aber die Geistlichkeit dringend zu ersuchen, darüber zu wachen, daß die Gläubigen die Vorschriften der geistlichen Behörde befolgen und die erwähnten Gegenstände nicht bei Juden kaufen sollen. Der Katholikentag empfahl auch, bei den politischen Behörden dafür Sorge zu tragen, daß bis zum Zustandekommen des betreffenden Gesetzes das Hofdekret, welches Juden den Verkauf kirchlicher Gegenstände verbietet, vollinhaltlich zur Anwendung gelangt. fr Görz, 26. Juli. Hier im österreichischen Küstenlande wohnen bekanntlich zwei Nationen: Italiener und Slaven (Slovenen). Erstere verabscheuen den Antisemitismus, wogegen letztere ihm zugethan sind. Um nun diesen eine angenehme Lektüre zu verschaffen, hat das hier erscheinende klerikale Blättchen „Eco del Literale'' eine ganze Blumenlese aus den Schriften jüdischer Renegaten und sogenannter christlicher Gelehrten über den Ritualmord veröffentlicht. Daraufhin ver- ‘ öffentlichte ein Mitglied unserer Gemeinde, Herr Benedetto | Morpurgo, eine Gegenschrift, in der er nachmies, daß alle ü diese Renegaten und Gelehrten nur gelogen haben. Das „Eco" j hat nun seinen Feldzug gegen die Juden wieder eingestellt. I X Pest, 15. Juli. Wie ich aus verläßlicher Quelle erj fahren, wird Herr Heinrich von Levay, der am Sonntag auf j seiner Besitzung im Raaber Komitate durch den Abt Pfarrer \ Ruschek die Taufe empfangen hat, seine Stelle als Mitglied i des Magnalenhauses niederlegen. Herr von Levay wird bei f diesem Schritte von der Erwägung geleitet, daß er anläßlich | der Reform unserer ersten Kammer als Vertreter des un-; garischen Judentums zu deren Mitglied ernannt wurde. Da er nun aufgehört hat, dieser Religionsgenossenschaft anzugehören, glaubt er es seiner Vergangenheit schuldig zu sein, die Mögf lichkeit zu schaffen, daß nun ein anderer Repräsentant der 1! Judenschast im Magnatenhause Platz nehme. 1 a. Rom, 17. Juli. In dem dieser Tage neugebildeten 1 Ministerium hat unser berühmter Glaubensgenosse L u i g i i Luzzatti wiederum das Portefeuille des Schatzministers erhalten. i £ Paris, 19. Juli. Das Leichenbegängnis des Marquis j Mores fand heute unter großer Teilnahme der Bevölkerung | statt. Zahlreiche Kränze waren gespendet worden. Präsident j' Fanre und die Minister Billot und Hanotaux hatten sich bei der Feierlichkeit in der Notre Dame-Kirche vertreten lassen. Beim Begräbnis hielt Eduard Drumont die Grabrede. Er! beschuldigte einen Juden Arbib der Ermordung Mores', hieri durch entstand ein Tumult unter den Rufen „Nieder mit den Juden!" — Daß diese Beschuldigung den hinterlassenen Briefen des Erschlagenen entspricht, haben wir bereits in der vor. Nr. mitgeteilt. p. Paris, 14. Juli. Im diesjährigen Salon auf den Champs Elysees findet sich eine ganze Anzahl von Bildern, die jüdische Gegenstände behandeln. Besonderes Aufsehen erregt „ein Jsmael in der Wüste" von Mme. Demont-Breton (Christin), der sich besonders durch die vorzügliche Zeichnung der Frauengestalt von Hagar auszeichnet. Als bemerkenswerte j Werke mit jüdischem Thema nennen wir „Daniel in der Löwen-! i grübe" von Tanner, ferner die „Auffindung Moses" von \' Lalire, „einen weißbärtigen Rabbiner und einen betenden Juden 1 mit Tallith und Tefillin" von M. Moyse, „Moses aus dem * Berge Nebo" von Demont, „Elieser und Rebekka" von Shomne, ein weiterer „Jsmael" von Mlle. Shmith, „Elias" von Despagnat und ein Portrait des alten Rabbiners Haguenau von Seeberger. Endlich noch ein sehr interessantes Bild von M. Lix: „Die Juden von Straßburg aus dem Scheiterhaufen