Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 512 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 512. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. bezüglichen Vorstellungen mit leichtfertigen, ja geradezu cynischen Glossen, daß sie im geheimen bittere Thränen vergoß. Ihre „Perlenbinde", das Erbstück ihrer frommen Mutter, hatte sie schon längst ablegen müssen, und sie ruhte wie eine Reliquie in der Truhe. Jetzt verlangt er gar, daß sie die Perrücke, dieses letzte Ueberbleibsel aus der guten, alten Zeit ablege und sich modern kleide. Wohin soll das führen? Die jüdischen Namen sind schon längst verbannt, „christlich" ist die Parole. Und nun gar ihr Sohn! Er, ihr Rüben, ihr Teuerstes aus Erden, das einzige Kind von sechsen, sucht nur christliche Gesellschaft aus, sein Vater unterstützt ihn dabei nach Kräften, und auf sein Geheiß soll er gar die Familie Pascheles meiden. Pascheles! An diesen Namen, dem Namen ihrer Verwandten, ist sie seit ihrer ersten Kindheit gewöhnt, in ihrer Nähe ist sie herangewachsen, und ihre Jugendgespielin, die Altersgenossin, die Vertraute ihrer Mädchenträume, die leider vor zehn Jahren schon Heimgegangene Sara war eine Pascheles von Hause und hatte einen Kousin gleichen Namens geheiratet, der ihr gleich ins Grab gefolgt war, ein einziges Kind, die schwarzäugige Mirjam, hinterlassend. Und ihr Rüben ist mit Mirjam zusammen erzogen worden, ist er doch nur um drei Jahre älter, und der sehnlichste Wunsch der seligen Frau Sara ist es immer gewesen, aus den Beiden ein Paar zu machen, und sie, Frau Lea, war auch damit einverstanden. War doch der Abstand, früher natürlich, kein bedeutender, weder in sozialer noch in pekuniärer Beziehung. Als Frau Sara aus dem Sterbebette lag, Lea an ihrem Bette weinte, und die Kleinen drin im anstoßenden Zimmer ihre Thränen fließen ließen, wurden sie ans Sterbelager gerufen, die Verscheidende legte die kleinen Händchen in einander, breitete ihre schwachen zitternden Hände segnend über ihre Köpfe, und Frau Lea gab ihr in dieser traurig-feierlichen Stunde das Versprechen, die Kinder, sobald sie herangewachsen, mit einander zu verheiraten. — Und nun will ihr Mann auch diese heiligen Bande lösen. Lea stand auf, um das Zimmer zu verlassen. Sie will jetzt ihre alten Bekannten in der „Gasse" aufsuchen und umarmen. So fühlt sie sich zu mutlos, zu gebeugt, um ihrem Gemahl auf seine Programmrede etwas zu erwidern. Das Sprechen ist auch ihre starke Seite nicht, sie ist eine mehr passive, aber lieffühlende Natur und findet nicht den Mut sich gegen den Willen ihres Mannes öffentlich auszulehnen, wenn ihre Anschauungen auch diametral auseinandergehen. Sie war von jeher daran gewöhnt, sich seiner Leitung anzuvertrauen, umsomehr als früher gar kein Grund zu ernsten Meinungsverschiedenheiten vorhanden gewesen war. Erst seit diese unselige Fortschrittsmanie ihn erfaßt, kommt er ihr wie ausgewechselt vor; sie aber blieb dieselbe. Sie will ihn auch jetzt nicht durch einen Widerspruch reizen, und ihrem Herzen entsteigt ein Gebet, daß der Weltenherrscher alles zum Guten wenden möge. Herr Nagelfein greift nach einem Zeitungsblatte, setzt sich den Zwicker auf, schüttelt aber mehrmals das Haupt, als befriedige ihn die Lektüre nicht, und dies, wie wir vermuten, deshalb, weil er sie nicht recht versteht. (Fortsetzung folgt.) * Wieder ein jüdisches „Wunderkind." Wir lesen in der „Neuen Musikzeitung:" In Galizien, an der Grenze von Europa und Halbasien, wo die Kultur sich noch scheu an den Menschen vorbeidrückt, wurde Paula Szalit geboren. Dort ist sie zum Wunderkinde — wenn man sie so nennen darf — schnell gereist. Die Leute schüttelten sich die Köpfe müde über dieses kleine Mädchen, das sich in Träumereien auf dem Klavier ergeht, während es seine Zärtlichkeit für die. Puppenstube noch nicht abgestreist hat. Die Kleine ist erst neun Jahre alt. Sie überlegt nicht, sie wägt nicht, wenn sie spielt, der Instinkt spricht ihr das große Wort. Mit diesem verbindet sich bei Paula Szalit noch ein starker Drang, ihre inneren Erlebnisse musikalisch zu gestalten. Nämlich das, was ihr ein Erlebnis dünkt, die fremden Stimmen der Komponisten, die sie in sich ausgenommen hat und zu verwerten sucht. So komponiert sie ohne jegliche Anleitung kleine Klavierstücke voll Wohlklang. Ueberraschend ist in ihnen der feine Sinn für den Bau der Perioden, für rhythmische Abwechselung und harmonische Pointe. In einem glänzend besuchten Konzert zeigte sich Paula Szalit auch als Pianistin und Jmprovisatorin. Da saß sie auf einem hohen Stuhl, ließ die zierlichen Händchen, die noch keine Oktave zu spannen vermögen, hurtig über die Tasten geleiten. Kein Takt, keine Note klang da nach Dressur, mit dem lebendigsten rhythmischen Gefühl, mit Geist und Anmut wurde alles vorgetragen. Es erschien namentlich im Adagio aus der O-6ui--Sonate von Beethoven vieles verkleinert, abgeschwächt, aber selbst in diesem kleineren Format standen die einzelnen Teile in den richtigsten Verhältnissen zu einander und verschlangen sich harmonisch zu einem zartgetönten Ganzen. Feine, zierliche Stücke, wie das Rondo capriccioso von Mendelssohn, Le Couco von Daquin, eine Barkarole und Mazurka eigener Komposition, stellte sie mit überlegener Grazie; kein Virtuose wird sie besser spielen. Bis vor kurzem hat Paula Szalit nur von ihrem Bruder Unterricht genossen. Jetzt unterweist sie Robert Fischhof vom Konservatorium in Wien, der sie vielleicht bald einem Größeren abtreten wird. Eugen d'Albert hat, überrascht von der außerordentlichen Begabung der Kleinen, sich nämlich erboten, sie zu unterrichten. Hier und dort. * Berlin, 21. Juli. Auf die Wiener Antisemiten übt die Gewerbe-Ausstellung der freisinnigen Stadt Berlin eine große Anziehungskraft. Schon wieder ist eine Anzahl dieser Herren, und zwar von der deutsch-nationalen Sorte, die aus den ehemaligen Ritter von Schönerer schwört, eingetroffen. * Berlin, 21. Juli. Frhr. v. Hammerstein wird in der Einzelhaft mit Flickarbeiten für die Schneiderwerkstatt der Strafanstalt beschäftigt. Hierzu bemerkt die Fr. Ztg.: Seine Befähigung, andern Leuten etwas am Zeuge zu flicken, hat er schon als Kreuzzeitungs-Redakteur nachgewiesen. * Berlin, 24. Juli. Der Versuch eines Anonymus in der Voss. Ztg., das Seebad Juist als nichtantisemitisch hinzustellen, ist kläglich gescheitert. Die nämliche Voss. Ztg. teilt folgendes mit: Zwei Damen, Israelitinnen, beabsichtigten ihre Ferien im Nordseebad Juist zu verleben. Da sie aber