Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 510 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 510. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. Künste entfalteten und dadurch auf alle Verhältnisse Einfluß zu gewinnen wußten. Man kann nicht kürzer und treffender die verheerenden Wirkungen dieser „Damen" schildern, als es der Verfasser des alttestamentlichen Buches thut. Er hat es aber auch wie kein Zweiter verstanden, die edle Frau und Familienmutter zu verherrlichen, und wenn K. Bücher, „Die Frauenfrage im Mittelalter" (1882), sagt: „Gewiß waren es nur Gedanken, welche in der Tiefe des deutschen Volksgeistes schlummerten, denen Luther in seinem „Lob eines frommen Weibes" so warmen Ausdruck verliehen hat", so ist hierzu zu bemerken, daß der deutsche Volksgeist im vorliegenden Falle nur nachempfunden hat, was der jüdische bereits einige Jahrtausende vorempfunden hatte, denn das Luthersche „Lob eines frommen Weibes" ist nichts anderes als die wörtliche Uebersetzung des 3. Kapitels der Sprüche Salomos. Immerhin ist die Konstatierung der Uebereinstimmung des alttestamentarischen Spruchdichters und des deutschen Volksgeistes des Reformationszeitalters in ihrem Urteile darüber, wie eine brave Hausfrau beschaffen sein soll, interessant genug. Man wird sich daher auch nicht über die Thatsache wundern, daß das so viel gebrauchte Dumassche Wort: „Cherchez la femme“ bereits in der ältesten rabbinischen Bibelauslegung, dem Midrasch, einen Vorgänger besitzt. Nur lautet es hier: „Alles rührt von der Frau her", und wird nicht blos, wie der französische Ausspruch, im kriminalistischen, sondern im ethischen Sinn überhaupt angewendet. Zur Illustration diene folgende Erzählung. Ein frommer Mann besitzt eine ebensolche Frau. Da aber ihre Ehe lange Jahre kinderlos bleibt, so begegnen sich endlich beide in der Erkenntnis, daß ihr Zusammenbleiben dem lieben Gott und der Welt zu nichts nütze sei, und so kommen sie überein, ihre Ehe auszulösen und sich anderweitig zu verheiraten. Der brave Mann trifft aber auf ein böses Weib, und die Folge dieser Verbindung ist, daß er selbst schlecht wird. Die Frau hinwiederum, welche in zweiter Ehe einen Taugenichts geheiratet hat, macht aus demselben einen braven Mann. Tie Erzählung schließt mit dem P'abula docet: „Alles rührt von der Frau her." Eine andere, weitverbreitete, aber bei näherer Prüfung gleichfalls nicht aufrecht zu erhaltende Meinung ist diejenige, daß erst das Christentum der Frau eine würdige Stellung errungen habe. Nahida Remy weist unschwer nach, daß das Neue Testament geradezu für die Ehelosigkeit eintritt. Es duldet eigentlich nur die Ehe, wie die Verfasserin sich ausdrückt, „als Abzugskanal für unreine Säfte". Bekannt sind die Paulinischen Sätze: „Ich wollte lieber, alle Menschen wären wie ich", nämlich ledig, und: „Heiraten ist gut, nicht heiraten noch besser." Wären diese Anschauungen der ersten Christen Gemeingut des Christentums geblieben, so hätten sie schwerlich dazu beigetragen, das Ansehen des Weibes in der Gesellschaft zu heben. Allerdings fordert für den Fall, daß schon geheiratet wird, das Neue Testament strenge die Einehe. Sie wird aber schon im Alten Testamente durchwegs als Voraussetzung und Grundbedingung einer sittlichen Lebens- und Hausführung angenommen, wenn auch die Polygamie nicht ausdrücklich verboten wird. Schon im Satze der Schöpfungsgeschichte: „Deshalb soll der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen", ist die Einehe unzweideutig. als die Ehe, wie sie sein soll, hingestellt, wofür auch die stehende hebräische Bezeichnung der Nebenfrau als der „Feindin" spricht. Endlich zeigt die an den Herrscher gerichtete Warnung, „er soll sich nicht zu viele Frauen nehmen", was der Gesetzgeber von Polygamie gehalten hat. Gar stolz darf man überhaupt mit einer am Ende nur durch den Staatsanwalt aufrecht erhaltenen Monogamie nicht thun, und wenn Lagarde behauptet hat, die Polygamie der Juden sei nur „an dem Abscheu gefallen, welchen die Deutschen vor ihr empfanden", so kann man diesem Satze den Ausspruch Carneries entgegenhalten, welcher aufrichtiger besagt, wie es heute im allgemeinen mit der Ehe aussieht: „Die alte Polygamie hat nur die Form gewechselt, heimlich wird sie betrieben." Zahlreich sind die Sätze, welche die Verfasserin aus dem Alten Testamente beibringt, in denen die Mutter dem Vater hinsichtlich des Anspruches aus kindlichen Gehorsam und Respekt ausdrücklich gleichgestellt wird. Ueberhaupt erscheint das Ideal des Weibes erst in der Mutter. Von dieser ihrer Eigenschaft als Mutter empfängt Eva („Mutter alles Lebendigen") ihren Namen, womit vielleicht angedeutet ist, daß die Frau, welche den Menschen um das Paradies gebracht hat, ihm dasselbe als Mutter, als Begründerin der Familie, wieder verschaffen kann. Wo aber die Mutter so hochgestellt ist, da ist dem Weibe ein Ehrenplatz in der Gesellschaft eingeräumt, und dadurch wird diese selbst vor sittlicher Verderbnis bewahrt. Deshalb wurde im jüdischen Volke die Verheiratung gefordert und begünstigt. Ledige Männer und Frauenzimmer kamen über ein gewisses Alter hinaus nicht vor. Für den Pontifex maximus, den Hohenpriester, war die Vorschrift, verheiratet zu sein, so verbindlich, daß ihm, wenn er sich sieben Tage vor dem Versöhnungsfeste in das Heiligtum begab, um sich für das Sühneamt vorzubereiten, eine andere Frau für den Fall, daß seine Gattin in dieser Zeit sterben sollte, angetraut wurde. Man konnte sich nicht vorstellen, daß ein Mann, der keine Frau habe, der rechte Anwalt sei, um die Versöhnung des Volkes bei Gott zu erwirken, und wenn es in der betreffenden biblischen Vorschrift von dem Hohenpriester heißt, er soll zunächst Versöhnung „für sein Haus" erflehen, so wird in der ältesten rabbinischen Auslegung an dieser Stelle bemerkt: „Sein Haus, das will sagen: seine Frau." Mit Rücksicht aus diese Auslegung erzählt der Schüler und Biograph des im Jahre 1427 verstorbenen Mainzer Rabbiners Jakob Mölln, derselbe habe seine Gattin nie anders als „meine Hausfrau" genannt. Natürlich mußte die Frau und Mutter ihrerseits durch die gewissenhasteste Pflichterfüllung dafür sorgen, die ihr durch die Religion und Sitte zugestandene Stellung zu behaupten." Güdemann schließt seine Besprechung: „Hier ist nun der Punkt, an welchem die Verfasserin an die „Jüdin der Gegenwart" manche beherzigenswerte Mahnung richtet, welche diejenigen, die es angeht, im Buche selbst Nachlesen mögen, welche aber auch Nichtjüdinnen mit Nutzen lesen werden. Am Ende richtet sich die Minorität immer nach der Majorität, und wenn nicht mit Unrecht die eine oder andere jüdische Frau der Gegenwart wegen ihres Toilettenaufwandes, wegen ihres allzuhäusigen Erscheinens in der Oeffentlichkeit und der damit zusammenhängenden Vernachlässigung ihrer Hausfrauen- und