Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 509 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Pfarrkirchener Bundeszeitung schreibt unter der Ueberschrift: „Das Zentrum ist nicht mehr katholisch, sondern jüdisch" folgendes: „Sogar die Stocklutheraner des Reichstags, die Konservativen haben sich gegen die Zivilehe des Bürgerlichen Gesetzbuchs ausgesprochen und boten alles auf, um ihre Freunde vom Christentum, die Zentrumsangehörigen, zu bewegen, nicht für die Zivilehe zu stimmen. Aber unser Herrgott im Himmel mit seinem „veralteten" Sittengesetz denkt, und der Zentrumsführer Lieber mit seiner jüdischen Frau, die eine Zivilehe zu schätzen weiß, lenkt!" — Nun hat er es weg, der Dr. Lieber mit seiner getauften Frau! — Die antisemitische Partei entwickelt sich mächtig rückwärts, wie Hans v. Mosch wiederum in seiner „Deutsch. Reform" behauptet, seitdem Herr Liebermann v. Sonnenberg die Leitung der Partei hat und als unumschränkter Diktator walte. Ahlwardt und Böckel seien als Menschen durchaus nicht in Schutz zu nehmen, aber als Politiker hätten sie eine Richtung verfolgt, die der antisemitischen Bewegung tausendmal dienlicher war, als die des Herrn n. Liebermann. Die Agitation der Antisemiten wird nach H. v. Mosch, der sich jedenfalls auskennt, „raubbaumäßig" betrieben. Die auf Honorare angewiesenen Redner sprechen nicht dort, wo es nötig ist, sondern dort, wo man Honorare zahlen kann. Die kleinen Vereine, namentlich die in der Provinz, können infolgedessen nicht wachsen' und die großen Vereine werden durch zum Teil weit übertriebene Forderungen in Schulden gestürzt und langsam zugrunde gerichtet. — An dem nämlichen Tage, an welchem H. v. M. das geschrieben, hat L. v. S. in einem Vortrage in Königsberg i. Pr. gegen 50 Pfennig Entree versichert, daß der deutsch-sozialen Reformpartei die Zukunft gehöre. — Bismarcks Küchenchef. Ein Wiener Antisemitenblatt tischt seinen Lesern ein gräßliches Gerücht auf: Der Küchenchef des Fürsten Bismarck soll ein Jude gewesen sein! Haarsträubend! Grauenhaft! Zitternd denkt jeder Antisemit an die verhängnisvolle Möglichkeit, daß der jüdische Küchenchef seine grenzenlose Macht dazu ausnützen könnte, den größten deutschen Mann - nicht zu vergiften, nein, ihm noch Schlimmeres zuzufügen — ihn rituell zu nähren! Das Blatt spinnt einen ganzen historischen Roman aus, um den jüdischen Küchenchef zu einer Art Agenten der Alliance Israelite zu stempeln, und deutet an, daß auch Bleichröder dabei seine Hand im Spiele gehabt. Ja, es fehlt nicht viel, und die antisemitische Presse erklärt aus diesem Anlasse, wie so es gekommen sei, daß Bismarck allmählich sich den Antisemiten entfremdete, sie sogar verächtlich von sich schüttelte, daß erbet seinem Besuche in Wien die deutschnationalen Antisemiten wie die Christlich-Sozialen mit Abscheu mied und dafür den „jüdischen" Chefredakteur der „jüdischen" „Neuen Freien Presse" empfing. Wer kann denn noch zweifeln, daß das alles die ftirchterliche Folge der „rituellen" jüdischen Kost gewesen! — Abraham, der Christlich-Soziale. Stöcker veröffentlicht gemeinsam mit Prof. v. Nathusius und Lic. Weber eine „kirchlich-soziale Kundgebung", die von einer größeren Zahl christlich-sozialer Stöckeranhänger unterschrieben ist. Den Reigen eröffnet ein emer. Pastor Abraham. Die Kundgebung fordert die Gesinnungsgenossen auf, „ohne Rücksicht auf Menschengunst zu gemeinsamer Arbeit auf den Grundlagen des alten Väterglaubens sich zusammenzuscharen". An der Spitze der Unterzeichner steht ein emer. Pastor Abraham. Es handle sich um die Festhaltung der göttlichen Offenbarung gegenüber dem Abfall, um Bewahrung der Volkskirche gegenüber auflösenden Sekten und schwärmerischen Richtungen. Die Anschauung wird verworfen, daß das Christentum die sozialen Zustände und die wirtschaftliche Lage „nichts angehe". Der Aufruf kommt auf die Gründung eines neuen evangelischsozialen Kongresses hinaus — und an der Spitze der Unterzeichner steht ein emerit. Pastor Abraham. — Jüdischer Reichtum. In New-Iork giebt es 500 Millionäre. 33 haben über 40 Millionen Mark; 15 über 100 Millionen. 6 über dreihundert Millionen. Es sind dies die bekannten Rockefelder, Gould, Vanderbild u. s. w. Unter den 33 über 40 Millionen ist der „Allgem. Korresp." zufolge nur ein Jude. Dazu bemerkt die „Tgl. Rsch." vom 9. Juli: „Bei so riesenhafter Höhe des Kapitalismus braucht man aber überhaupt nicht mehr nach Name, Herkunft und Entstehung zu fragen. Es handelt sich in jedem Fall um eine ungesunde und unvernünftige Entwicklung." Warum fragt sie bei den Namen Rothschild und Bleichröder nach der Herkunft? Feuilleton. Die Frau im Judentum. Dem vielcitierten Buche von Frau Remy-Lazarus*) widmet Oberrabiner Dr. Güdemann in der Wiener Wochenschrift „Die Zeit" eine ausführliche Besprechung, in welcher er auf die großen Vorzüge des Werkes hinweist und bei dieser Gelegenheit mich aus die Stellung der Frau im Judentum zu sprechen kommt. Die schablonenhafte Meinung, schreibt Güdemann, welche selbst in gelehrten Büchern verbreitet wird, geht gewöhnlich dahin, daß die Frau im Oriente infolge ihrer Zurückgezogenheit von jeher eine untergeordnete Rolle im öffentlichen Leben und im gesellschaftlichen Verkehr gespielt habe. Es kann aber keine unrichtigere Ansicht geben als diese, wie man sich aus dem Alten Testamente belehren kann. In jedem Falle bezeugt das letztere unwiderleglich, daß wenigstens im Volke Israel die Frau in ihrem Einflüsse auf das öffentliche Leben und die Gesellschaft mit dem männlichen Geschlechts in erheblicher Weise wetteiferte. Nahida Remy führt die Frauen auf, welche als Königinnen, Prophetinnen und Heldinnen in nicht geringer Anzahl im Alten Testamente erwähnt werden und welche beweisen, welch. hervorragender Anteil an der geschichtlichen Entwickelung des Volkes Israel den Frauen zukommt. Man braucht aber nicht auf die Höhen des Lebens sich zu begeben, um diese Einwirkung zu erkennen, auch das alltägliche Leben giebt Beweise dafür im guten und schlechten Sinne, und wer z. B. die ersten Kapitel der Sprüche Salomos aufmerksam liest, gewinnt den untrüglichen Eindruck, daß auf den Boulevards, in den Salons und Boudoirs von Jerusalem die Frauen geradeso wie in Paris und anderen Großstädten ihre *) „Das jüdische Weib." Von Nahida Ruth Lazarus (Remy) Verlag von Siegfried Cronbach, Berlin. ft i *r tz