Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 508 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 508. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. dieser nicht der rechte Mann zur Fortführung des Hirschschen Lebenswerkes ist. Was dem Faß endlich den Boden ausgeschlagen, was diese Erkenntnis endlich durchdringen ließ — darüber im nächsten Berichte. Kantarschnle». Wir erhalten folgende Zuschrift, die wir unverändert wiedergeben, um sie in der nächsten Nr. zu beleuchten und ju, ergänzen: Jeder zielbewußte Jude freut sich über die Erscheinung, daß der unselige Jndifferentismus unter der deutschen Judenheit in den letzten Jahren etwas gewichen ist, daß man allgemach einzusehen beginnt, daß das Judentum erhalten soviel heißt wie: es als lebendigen Organismus betrachten und seine Bestrebungen auf jedem Gebiete fördert!. Während aber in der letzten Zeit über die Ausbildung unserer Rabbiner und Lehrer soviel geschrieben und gesprochen worden ist, während neue Lehranstalten und Institutionen für diese Stände geschaffen worden sind, blieb das Kantorentum nach wie vor das Stiefkind des Judentums, das in die Ecke gedrückt wird, um das sich niemand kümmert. Und doch ist dem Kantor ein gar hoher und schwerer Berus zugewiesen! Er trägt wesentlich zur Hebung des Gottesdienstes bei und bildet dadurch einen Faktor innerhalb des jüdischen Gemeindelebens. Bedeutende Kantoren, Männer mit tüchtiger musikalischer Bildung, hebräischem Wissen und sittlichem Ernst sind dem Judentum ebenso nützlich und ebenso notwendig wie tüchtige Rabbiner und Lehrer. Daß aber solche Männer nicht aus der Erde wachsen, daß sie vielmehr rationell vorgebildet und für ihren späteren Berus vorbereitet werden müssen, wird allgemein zugegeben, und doch ist gerade hier das Feld, auf dem noch nichts gethan und darum noch alles zu thun ist. Heute werden die Kantoren in Deutschland an Lehranstalten ausgebildet, die dazu nicht geeignet sind, die weder das nötige Lehrmaterial noch berufene Lehrer für dieses Fach besitzen. Selbst in den größten Städten liegt die Leitung der Kantorenausbildung in den Händen von Chordirigenten oder anderer Musiker, die von den späteren Aufgaben des Kantors keine Ahnung haben. Es ist aber eine gewaltige Unterschätzung des Kantorats, wenn man glaubt, ein wenig Stimmbildung und bescheidene musikalische Kenntnisse machten den Kantor. Man kann ein sehr bedeutender Gesanglehrer, ein hervorragender Opernsänger sein, und sich doch für die Ausbildung von Kantoren nicht im geringsten eignen. Der richtige Kantor, der seinen Posten würdig ausfüllen soll, darf nicht das Produkt des Zufalls sein. Wer sich diesem Fache widmen will, muß frühzeitig dazu erzogen und herangebildet werden. Die Lehrfächer für den jüdisch-synagogalen Gesang müssen tüchtigen Kantoren anvertraut werden und die Kantoratskandidaten unter Aufsicht der Lehrer schon frühzeitig zum Vorbeten angehalten werden. Der Kantor soll kein Opernsänger, sondern ein Chasan sein, und das Chasanoth kann er eben nur von einem erfahrenen Fachmann lernen. Er muß nicht nur mit dem modernen Gottesdienste der Berliner Neuen Synagoge, sondern auch mit dem alten jüd. Ritus, mit allen Einlagen wie etwa mrp^D, nnjJV> und nij’p und auch mit allen Minhagim der Liturgie Süd- und Norddeutschlands vertraut gemacht werden. Von wem soll nun > der Zögling dies alles lernen, wenn nicht von einem Fach- » mann? Freilich, die Kantoren, welche ihre kantorale Aus- > bildung auf einem Lehrer-Seminar erhalten haben, vermögen > sich für die alt-jüdische Vortragweise nicht zu begeistern; sie » betrachten diesen wesentlichen Teil der jüdischen Musik als völlig I veraltet und glauben die Sache mit der ebenso bequemen wie > nichtssagenden Phrase: „Das ist ja polnisch!" abgethan zu > haben. Wie wenig aber diese Ansicht gerechtfertigt ist, be- I weisen die ultramodernen Herren mit ihrem sogenannten I „deutschen" Vortrag ohne Herz und Seele. Denn kommen > sie einmal in die Lage ein Gebetstück vorzutragen, das von I unseren Komponisten noch nicht in Noten gesetzt ist, dann > stehen sie ratlos da. Die Schuld liegt an der verfehlten und I durchaus mangelhaften Ausbildung im Kantorfache. > Zur Ausbildung in den allgemeinen musikalischen Fächern > giebt es im musikliebenden Deutschland Gelegenheit genug, I weniger aber für das spezifisch-kantorale Studium. Und doch > soll und muß das Reinsachliche die Grundlage des Kantors i bilden. 4 Was soll nun geschehen? Das System der Erziehung J und des Unterrichts auf diesem Gebiete muß geändert werden. I Mein Ideal wäre die Gründung von speziellen Kantorsemi- ] naren, an denen die jungen Leute in der Wissenschaft des I Judentums, der Musik und in allen zum Kantorfache ge- ] höriger! Gesängen und Rezitativen gründlich unterrichtet z werden. Denn nur aus einer solchen Anstalt, wo das Kantorat die Hauptsache und nicht blos Anhängsel ist, könnte 1 das erwünschte Ziel erreicht werden, gebildete jüdische Chai sanim und nicht moderne Sänger für die Leitung unseres j Gottesdienstes zu gewinnen *). j Indessen, ich verhehle mir nicht, daß dieses Ziel vor- 1 läufig schwer zu erreichen ist. Was aber schon heute ohne schwere Opfer leicht zu erreichen wäre, das ist die An- 1 stellung von Kantoren als Lehrer für die Fächer des j synagogalen Gesanges an solchen Anstalten, die sich schon 1 heute — sei es als Haupt- oder Nebenberuf — mit der Aus- ] bildung von Kantoren befassen. Ich will nur diese Frage j angeregt haben, mögen nun Berufene ihr ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Ist erst der Wille vorhanden — der Weg, welcher zum Ziele führt, wird leicht gefunden sein. Potsdam. Kantor Z. Schönberger. Nlochen-Lhronik. Berlin, 22. Juli. — Das „jüdische Zentrum". Unsere Antisemiten können sich aus die Zehen stellen, sie reichen doch nicht an die Höhe der Ausdrucksweise bayerischer Urwüchsigkeit heran. Die *' Der Antrag des Herrn Amtsgerichtsrat Levi-Beuthen bei j dem D.-J. G.-B. eine Schule für Vorbeter und Schächter zu j gründen, war wohl einer ernsten Beratung wert. Die Art und \ Weise wie der Herr Referent seinen Antrag verteidigt hat, war nicht geeignet, diesen durchzubringen. Noch weniger sachgemäß j waren die Ausführungen der dort anwesenden Lehrer, die die Schechita, welche wir eine umpn nennen, in unerhörter , Weise herabwürdigten.