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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-07-24 · 30 (24.7.1896) · p. Seite 506

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
30 (24.7.1896)
Date
1896-07-24
Page
Seite 506 (sequence 8)
Language
German
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Seite 506. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. geordnete. Keiner wollte sich dem andern unterordnen, jeder strebte für sich nach der Volksgunst, und wenn er glaubte, dies am besten durch Angriffe auf den andern erreichen zu können, so griff er ihn an. Wiederholt wurde Frieden geschloffen; auf Einigungs-Kongreffen schien alles wohlgeordnet zu sein, aber am folgenden Tage brach der Streit wieder aus. Um sich den Anschein zu geben, als sei sie nicht blos negativ, gab die „vereinigte" Partei sich schließlich den Namen „Deutsch-soziale Resormpartei". Als solche ging sie mit 16 Mitgliedern aus den Wahlen von 1893 hervor. Aber diese Wahlen bildeten den Höhepunkt ihres Glückes. Ihre Leistungen im Parlamente beschränkten sich jedoch auf Radaureden und auf einige meist undurchführbare oder aussichtslose Jnitiatio-Anträge, wie Verbot der Juden-Einwanderung, Aufhebung des Impfzwanges u. a. In ihrer ganzen Leistungsfähigkeit hat die Fraktion sich am Schluß der eben beendeten Reichstagssession gezeigt. Diese vorgebliche Mittelstandspartei hat nicht einen einzigen Gedanken, geschweige denn Antrag zu Gunsten des Mittelstandes bei Beratung des Bürgerlichen Gesetzbuches zu Tage gefördert. Die ganzen zwei Anträge, die sie in der Kommission „zusammen - stoppelten", vertreten die Interessen von Großindustriellen und Wucherern. Der Radau-Antisemitismus hat seine besten Tage längst hinter sich und die antisemitischen Leistungen der Fraktion in den letzten Jahren werden kaum zur Hebung seines Ansehens im Lande beigetragen haben. Wir glauben nicht, daß Ahlwardt heute uoch von zwei Wahlkreisen zugleich in den Reichstag gewählt würde. Bekanntlich haben die Antisemiten gegenüber dem Freisinn und dem sonstigen Liberalismus, als dessen erbittertsten Gegner sie sich ausspielten, so gut wie nichts auszurichten vermocht, sondern ihre Mandate meist den Konservativen, denen sie gesinnungsverwandt sein wollten, abgenommen; wenn sie selbst dazu nicht imstande waren, haben sie dazu mitgeholfen, daß Freisinnige sie ihnen nahmen . . . Der Radau-Antisemitismns hat sich selbst zu Grunde gerichtet und hat schwerlich Aussicht, je wieder emporzukommen." * * * Nicht minderinteressant ist eine journalistisch-photographische Zeichnung der antisemitischen Volksvertreter, welche die„Posener Zeitung" aus der Feder eines Parlamentariers bringt: In unseren reichstäglichen Rückerinnerungen, — schreibt der Abgeordnete, — spielen diesmal die Herren von der deutschsozialen Resormpartei die heiterste Rolle. Aus den Berichten über die Verhandlungen kennt der Leser die wunderlichen Reden und Anträge der Antisemiten, aber um den rechten Eindruck von ihnen zu bekommen, muß man diese Zierden des Parlaments gesehen haben. Zwar der Berühmteste unter ihnen, Ehren - Ahlwardt, war unsichtbar. Verwaist trauern die Berliner Antisemiten um ihren Führer, der jetzt der Neuen Welt das Heil bringen will. Die Nachricht, daß die Arnswalder Antisemiten Ahlwardt 5000 Mark Uir die Niederlegung des Mandats geboten hatten, ist jedenfalls eine Ente gewesen; von einer Antwort auf diesen Vorschlag hat man nichts gehört. Das Reichstagsbureau behandelt den internationalen Prediger der Judenhetze als nicht mehr existierend; die Schildchen mit seinem Flamen sind entfernt worden; bei namentlichen Abstimmungen wird jedoch sein Name, der an der Spitze von allen steht, mitverlesen, und Ahlwardt zählt im Reichstage insofern noch mit, als die absolute Mehrheit mit ihm eine Stimme mehr beträgt als ohne ihn. Sein Spezialfreund Böckel ist im Reichstage ein seltener Gast geworden; alle vier Wochen sah man ihn einmal. Er hat anscheinend die Absicht, sich von der Politik zurückzuziehen, da er die Antisemiten in ihrem grundreaktionären Wesen erkannt hat. Dagegen spielt unverdrossen die alte Rolle weiter Herr Liebermann von Sonnenberg, bei dem sich mit der antisemitischen die junkerliche Dreistigkeit kumuliert, und der als Einziger seiner Fraktion ein regelmäßiger Teilnehmer an den Sitzungen ist. An seinem. Arme sieht man im Foyer häufig den Abgeordneten Jskraut, — den Pastor ohne Amt und mit dem Knüppel, — Liebermanns nächsten Gesinnungsverwandten. Der ganze Geist und die volle Grazie des Antisemitismus ist in seinenZügen charakteristisch ausgeprägt, die immer triumphieren, ehe bei seinen Genieblitzen das ganze Haus in die ihm unbegreifliche Heiterkeit ausbricht. Der dritte im engeren Bunde ist der Gymnasialprofeffor Förster, der von Ahlwardt zu Liebermann abgefallen ist. An seiner Sprechweise fällt das malende Hervorheben der Zischlaute aus, das nicht auf einem organischen Fehler oder ans unabsichtlicher Angewöhnung beruht, sondern das der Redner offenbar für schön hält. Seine körperliche Haltung ist die jener Leute, die sich selber im Wege stehen. Er ist ein gefürchteter „Hausleerer". Wenn die antisemitischen Macher immer noch nicht dahintergekommen sind, welche Wirkung die Agitation.des Kleeblatts Liebermann- Jskraut-Förster durch ihreu Inhalt und Ton erzielt, so brauchen ihre politischen Gegner sich nicht darüber zu grämen. Der jüngste der antisemitischen Abgeordneten, der Rechtsanwalt Dr. Vielhaben aus Hamburg, sticht in Erscheinen und Auftreten vorteilhaft von den vorhin genannten ab. In der Politik ist er aber im ganzen noch Neuling. Von den übrigen hat Herr Köhler als großer Zwischenrufer von derbem Kaliber und Herr Werner als trefflicher Darsteller im Fache des naiven, ehrenfesten Handwerkers Ruf. Die Sachsen aus der Fraktion sind während der verflossenen Tagung, von ein paar Reden des politisch viel gewandelten Zimmermann und des : als Erscheinung nicht unsympathischen Blumensabrikanten ■ Gräfe abgesehen, sehr wenig zu Worte gekommen. Herr Lieber aus Meißen, sonst im Hause unbekannt, ist nun gar mit der Fraktion uneins geworden, weil er zum Unterschiede von den anderen eine eigene Meinung über das Bügerliche Gesetzbuch besaß und dafür stimmte. Er will nun „wild" - werden wie sein Landsmann Sachße, ein dreißigjähriger Rittergutsbesitzer, der im unverfälschtesten sächsischen Dialekt über die Zunahme der Sozialdemokratie jammert, aber so wenig Argumente beizubringen vermag, daß man bei seinen Reden nur ein Unrecht der Sozialdemokraten empfindet: sie/ ärgern den guten Sachße so arg. Wäre man im Kampfe gegen die Sozialdemokratie auf die Antisemiten angewiesen, der Ausgang wäre nicht zweifelhaft. Aber es wäre nicht der Ausgang, den die Verteidiger der bestehenden Ordnung wünschen müssen." Wir glaubten, diese Zeitungsstimmen als Ergänzung zu unserem heutigen Sabbat-Nachamu-Leiter reproduzieren zu müssen. _

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