Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 502 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 502. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. wacklig, ein Turm nach dem andern stürzt. Jetzt ist es Zeit, jetzt muß die Straße der Freiheit sich uns eröffnen, wenn wir den häuslichen Zwist fahren lassen und gemeinsam die Steine herbeitragen, nur diesen Pfad fest zu fügen und zu ebnen. Das Judentum hat eine Gährung durchgemacht, es hat eine trübe Färbung angenommen, aber es ist das Kolorit, das auch der edle Wein während der Zeit seiner Klärung annimmt. Das Judentum besitzt ein Fundament aus unverwüstlichem Granit, einen reichen Fond von sittlichem Kitt, daß es ohne Schaden an seinem innern Körper einen solchen Prozeß siegreich überwinden kann. Seien wir gerecht gegen einander und wir werden innig und verträglich mit einander sein. Jeder Stern hat für sich seiner: milden Schimmer und gönnt denselben neidlos auch seinen Genossen — vereinigt aber bilden sie erst den Sternenhimmel. Und hat das aufgeregte Meer auch verderbliche Wellen herangepeitscht, der warme heilkräftige Dünensand hat das Brausen nur wohlthätig empfunden, denn die einzelnen Körnlein haben sich desto inniger aneinander geschlossen. Und wird der Staub der Erde noch so sehr mit Füßen getreten, bei der ersten Gelegenheit erhebt er sich wieder und wirbelt gen Himmel empor. Das sind die drei Sinnbilder, hinter denen die Verheißung für unsere Zukunft sich verbirgt, das dürfen wir nicht vergessen. Schließen wir wenigstens einen ehrlichen Waffenstillstand im Interesse unserer Jugend, wollen wir in ihre Herzen den Keim des Friedens legen; denn was soll wohl aus dem teuer:: Glauben werden, wenn die späteren Träger desselben durch den Zwiespalt, der vor ihren Augen sich abspielt, und der in ihre Herzen gesenkt wird, verwirrt werden? Lasset uns nicht betonen, was uns trennt! Die Brücke wird sich von selbst finden, wenn wir eifriger das hervorheben, was uns verbindet, was uns gemeinsam und heilig ist und unseren Kindern wird es zum Segen gereichen, unsere Zukunft wird gerettet sein. Ueber unsere Kinder hinweg wollen wir uns die Hände reichen, denn so wie wir einen Gott haben, beseligt uns trotz der Verschiedenheit der Auffassung nur e i n Glaube. Vereinen wir unsere Kräfte, um die leider nicht wegzuleugnende Dekadenz im Judentum zu beseitigen, den Niedergang mit allen Kräften aufzuhalten, seinen Untergang für alle Zeiten unmöglich zu machen. Wir können es, wenn wir wollen, und wir wollen es ja, nur muß es von beiden Seiten eingestanden werden; belehren wir uns, aber bekämpfen wir uns nicht; nicht ein Kriegsruf, sondern die Friedensschalmei soll den Messias Herbeirusen. Auf, ihr Baumeister des Judentums, die Wüste ist da, aber auch das Baumaterial — in euren Händen, in eurem Geiste liegt es; wie bei der Schöpfung muß auf den dunklen Abend der helle Tag folgen. Auf, bauet die Straße, auf der wir und unsere Kinder in die Zukunft hineinschreiten können, vergesset aber nicht, daß die Füße unserer Jugend etwas zart und verwöhnt sind, nicht widerstandskrästig genug, auf allzu dorniger Straße zu wandeln, ohne sich zu verbluten. Drum ebnet den Pfad, damit er nicht zu schwer sei — der Weg, der hinausführt zu unserm Gotte! Dr. Singer, Coblenz. König Was. Vor vier Monaten etwa ging durch die Kreise, die der Verwaltung der Berliner jüdischen Gemeinde nahestehen, ein Wispern und Raunen, daß eine große That geplant werde und schon der Vollendung nahe sei. Pflichtmäßige Verschwiegenheit verhinderte, daß mehr als allgemeine Andeutungen in die Oeffentlichkeit drangen; nur soviel wurde verlautbart, daß die Angelegenheit der jüdischen Lehrerinnen und Lehramtsanwärterinnen an den städtischen Schulen Berlins durch eine kräftige Eingabe wirksame Unterstützung finden solle. In der Erwartung eines baldigen Bescheides, der, wie man annahm, nicht anders als zusagend lauten konnte, wahrte man die — übrigens ganz unverständliche — Diskretion, um mit der Eingabe zugleich deren Erfolg kundzuthun. Doch Woche um Woche verging in vergeblichem Harren; das Wispern und Rannen hatte Erwartungen erregt, die nicht so lange unbefriedigt bleiben durften, besonders weil hier und da schon die aufschießenden Halme das gleichgiltige Geheimnis verrieten. Die Eingeweihten verloren die Geduld und verabredeten, daß kund werden solle, was sie in der Verschwiegenheit beschlossen und gethan. Und nun ist es am Tage, das große Werk der Berliner Gemeindevertretung, König Midas braucht die hohe Mütze nicht mehr, die „gehorsamste Vorstellung" an den Kultusminister in Sachen der jüdischen Lehrerinnen ist im Wortlaut veröffentlicht worden. Vorstand und Repräsentanten haben — wahrscheinlich in Rücksicht darauf, daß unsere Leser in dieser Beziehung etwas verwöhnt sind — ihren Subalternkanzlistenstil nur den Organen der äußersten Rechten und der äußersten Linken zur Verfügung gestellt. Das ist aber eine übertriebene Bescheidenheit. Man erwartet nichts Besseres von ihnen, und deshalb können wir die „gehorsamste Vorstellung" auch an dieser Stelle wiedergeben, ohne daß wir besorgen müßten, dadurch einen Ruf zu schädigen. „Euer Exzellenz haben durch den an den mitunterzeichneten Vorstand gerichteten hohen Erlaß vom 27. Dezember 1895 — U. III D. No. 4458 — einen erheblichen Teil derjenigen Besorgnisse gehoben, welchen die Mitglieder der von uns vertretenen Gemeinde wegen der in der Verfügung des Königlichen Provinzial-Schul-Kollegiums Hierselbst vom 15. Mai 1895 angeordneten Einschränkung der Anstellung jüdischer Lehrkräfte sich hingegeben haben. Wir würden nicht gezögert haben, Euer Exzellenz hierfür unser:: ehrerbietigsten Dank auszusprechen, wenn nicht durch den gleichzeitig an das Königliche Provinzial-Schul-Kollegium gerichteten, von dieser Behörde dem Magistrat zu Berlin mitgeteilten und demnächst veröffentlichten Erlaß jene Besorgnisse neue Nahrung erhalten und zu der Befürchtung sich gesteigert hätten, es könnten die Weisungen Euer Exzellenz von den Nachgeordneten Behörden dergestalt gehandhabt werden, daß daraus eine mit den Bestimmungen der Art. 4, 12, 24 der Verfaffungsurkunde und des Reichsgesetzes vom 3. Juli 1869 (betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung) nicht im Einklang stehende Praxis sich entwickeln möchte. Diese Befürchtungen finden wir bereits bestätigt in der den Erlaß Euer Exzellenz in Bezug nehmenden Verfügung des Königlichen Provinzial-Schul-Kollegiums vom 28. Januar 1896. Wir, als die gesetzlich berufenen Vertreter der größten jüdischen Gemeinde Preußens, halten uns deshalb für verpflichtet, Euer Exzellenz nochmals und