Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- Seite 495 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 29. Nr. 29. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 495. '£?<*** flt b°ld meine Syrnpch^ mr rugethan, 9 ^Q0.f lhm, „morgen mußt >3 unmöglich/ erwiderte mein finen großen Feiertag/ Endchen? Morgen ist kein arbeiten ja/ aben Feiertag, man nennt ihn gen nieder, Dieser stockrnssische , und feiert es, und ich, deffen < >en Mordechai in den Straßen jt, ich habe im Strudel bei « 'tigsien unserer Festtage ganz ß h zu ihm, „wir bleiben morgen * u einen Rubel, kaufe einige 's schenk für Deine Kleinen/ | n; erst jetzt merkte er, daß ich flüsterte er mir zu: „Herr,; ms zu Mittag: Du kannst bei h« zubereitet. Komm doch!' b schien ob dieser Ablehnung )ieser Schreiber dieses einst genötigt, den Versöhnungstag in einer urwüchsigen Sabbatianergemeinde zuzubringen. Es war vor ungefähr 15 Jahren. Ich war bei einergroßen Petroleum-Erport-Firma angestellt und erhielt von meinen Chefs die Ordre, im Interesse der Firma nach Baku zu reisen. Es war einen Tag nach Rosch haschanah und ich schiffte mich aus einem Wolgadampfer in Samara ein, um uach Astrachan und von dort mit einem überseeischen Dampfer nach Baku zu fahren. Ich hoffte bestimmt zu Jom-Kippur in Astrachan zu sein und dort, wo eine kleine jüdische Gemeinde vorhanden ist, den Tag zu begehen. Da erlitt aber unser Dampfer Havarie und mußte an einem unwirtlichen Ufer im Astrachaner Gouvernement für einige Tage anhalten, um die nötigen Reparaturen an dem Fahrzeug vorzunehmen. Auf den Wolgadampfern, die schwimmenden Palästen gleichen, geht es immer sehr lustig zu. Die Russen sind mitteilsam und unterhaltend, ihre Damen lebenslustig und ungezwungen- Rach einem oder zwei Tagen sind sämtliche Passagiere miteinander bekannt und befreundet. Es wird gescherzt und gelacht, gespielt und getanzt, gebraust und geschmaust nach Herzenslust. Unter solchen Umständen ist eine Reisestörung wie die unsrige für die Passagiere, die es nicht sehr eilig haben, nicht sehr betrübend. Sie betrachten es einfach als eine Verlängerung ihrer Vergnügungsreise. Ta es aber Erew Jom-Kippur war, fand ich keine Ruhe; es trieb mich landeinwärts, in der Hoffnung, ich möchte in irgend einem benachbarten Dorse Juden finden und den heiligen Tag unter Glaubensgenossen zubringen können. Ich wußte, daß manchmal jüdische Fischhändler die einsamen Wolga-Dörfer aufsuchen, um Geschäfte zu machen. Mit einem Knüttelstock bewaffnet begab ich mich zu Fuß in das nächste Dorf. Nach mehrstündiger Wanderung auf sandiger Landstraße und unter der Glut der sengenden Herbstsonne langte ich spät Nachmittag in einem Dorfe an. Ein Bauer, den ich nach Juden fragte, antwortete mir: „O ja! Juden sind hier viel, etwa 20 Werst von hier sind mehrere Dörfer von Inden bewohnt." Ich ahnte sofort, daß er unter „Juden" die Subotniki verstand. Ist doch Astrachan, das alte Balangiar, die ehemalige Residenz, und das Astrachansche Gouvernement der ursprüngliche Sitz des Chazarenvolkes. Ich überlegte mehrmals, ob ich hinfahren oder umkehren solle. Aber einerseits war mir die Atmosphäre auf dem Dampfer für einen Versöhnungstag zu schwül, andererseits gewann meine Neugierde die Oberhand. Ich wollte einmal sehen, wie es bei den Sabbatianern am Jom-Kippur zugeht. Ich mietete einen Wagen und fuhr in das nächste Judendors. Es war schon ziemlich spät als ich anlangte. Die Häuser des Dorfes waren armselig und klein, nur das Haus des Dorfältesten, vor welchem ich vorgefahren war, nahm sich stattlich unter den übrigen aus. Das Haus war aber von allen Seiten verrammelt und verriegelt, die Fensterläden geschlossen und nur nach langem Klopfen und Rütteln kam ein alter Mann mit verdrießlichem Gesicht zum Vorschein. Als er mich erblickte, prallte er fast zurück; er glaubte einen Regierungsbeamten vor sich zu haben* *) und fast schlug er mir *) Es ist den Sabbatianern streng verboten, Versammlungen zu religiösen Zwecken abzuhalten. schon die Thür vor der Nase zu. Als ich ihm aber mein Anliegen vorbrachte, änderte sich sogleich das ganze Wesen des Alten. Er begrüßte mich auf das Herzlichste: „Ach Väterchen! Ach Lichtchen! Ach Täubchen! Welch eine Ehre! Welch ein Glück!" So murmelnd und dabei tänzelnd führte er mich an der Hand durch den Hof nach einer im Hintergründe befindlichen Hütte. „Welche Ueberraschung für unsere Brüder," sagte er, als er die Thür öffnete. Er führte mich in ein geräumiges Zimmer, wo die ganze Gemeinde, oder besser gesagt, das ganze Dorf, Jung und Alt, versamnrelt war. Der Alte, der auch der Dorfälteste war, stellte mich feierlich als „wirklichen Juden" vor. Die Gemeinde begrüßte mich ehrerbietig durch Erheben von den Sitzen und tiefe Verbeugung und nahm mich in ihre Mitte. Es wurde mir gleich ein Ehrenplatz zwischen zwei Dorfschönen — Enkelinnen des Dorfältesten — angewiesen, und der unterbrochene Gottesdienst nahm seinen Fortgang. Ich betrachtete meine Umgebung. Da saßen sie bunt durcheinander auf langgestreckten Bänken, die Bauern in ihren langen gefalteten Röcken und ihre Damen in roten und grünen Gewändern, mit Tüchlein aus den Köpfen. In der Mitte des Zimmers stand ein rohgezimmertes Pult und auf demselben lagen mehrere Bücher — russische Uebersetzungen des Pentateuchs und der Psalmen, einige Siddurim und sogar Peßach-Hagadas. Ein Vorbeter war nicht vorhanden und auch nicht erforderlich. Jedes lesekundige Gemeindemitglied rechnete es sich zur Ehre, ein Gebet in langgedehnter, oft sogar in sillabisierender Weise vorzutragen. Die Mitglieder wetteiferten oft, ein Gebet vorzutragen, sodaß mehrere Stimmen zu gleicher Zeit anfingen. ( Es entstand ein wildes Durcheinander, und wer die stärkste Stimme hatte, sodaß er seinen Mitbewerber übertönen konnte, der blieb Sieger. Dieser Wettkampf führte oft zu sehr unsauberen Schimpfwörtern,. wie man sie nur unter russischen Bauern hören kann. Nach dem Abendgebet geleitete mich die ganze Gemeinde nach der Wohnung des Dorfältesten. Es wurde sehr bedauert, daß der Fasttag uicht erlaubte, mich zu bewirte». Ich suchte zu erfahren, ob die Dorfbewohner irgend welche Traditionen haben und woher die jüdische Lehre zu ihnen gekommen sei, allein ich konnte nichts erfahren. Auf alle meine Fragen wurde mir immer geantwortet: „Bei uns ist alles wie bei euch — alles wie bei euch!" Der Versöhnungstag ist mir unter diesen „Glaubensgenossen" recht langweilig, ja sogar lästig geworden. Das ungeschlachte Wesen der Andächtigen, ihre lächerliche Nachäfferei und ihr geschmackloser Gottesdienst haben mich angewidert, und nur die Heiligkeit des Tages hat mich daran gehindert, davon zu gehen. Das Merkwürdige bei der Sache ist, daß ihnen, ohne unsere Piutim zu haben (damals waren die Machsorim noch nicht ins Russische übertragen; jetzt werden die Subotniki wohl auch schon die übersetzten Piutim haben), die einfachen Gebete genügen, wie sie im Siddur enthalten sind, um den ganzen Tag auszufüllen. Sie dehnen die einzelnen Wörter, sogar die Silben, so lange, daß es dem europäischen Zuhörer übel werden kann. Die schwerste geistige oder körperliche Arbeit hätte mich nicht so angestrengt, wie dieser große Ruhetag unter den halbwilden Bekennern des Mosaismus. Ich habe Gott gepriesen, daß der Tag endlich