Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- Seite 494 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 494. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 29. Des Propheten Stimme wecket, Schmerz um ihre Söhne schrecket In dem Grab der Väter Ohr. Aus den Gräbern tönt ein Klagen, Und die Patriarchen tragen Laut ihr Fleh'n zu Gott empor. Gabst Du einst nicht uns die Kunde: „Ewig treu halt' ich am Bunde!" Herr, drum geh' nicht ins Gericht. „Sie sind's selbst, die sich verstießen. Weil sie mein Gebot verließen! Euer Fleh'n bewegt mich nicht." Also strafe nicht die Deinen, Was verheißest Du den Meinen, Was versprachst Du Abraham? Herr, o Herr! um dies Versprechen Blick' erbarmend auf die Schwächen Deines Volk's und unfern Gram. „Freveldienst mit falschen Göttern Trieb dies Volk, drum will zerschmettern Ich den abgefallnen Stamm." Jsak, jetzt mit lautem Weinen Ruft: o zürne nicht den Deinen, Denk', o denk', das Opferlamm. — Wie es willig Dir sich beugte. Willig vor dem Stahl sich neigte, In Ergebung dem Gebot. Damals hast Du mir verheißen, Nie von Deinem Volk zu reißen Zürnend Dich in seiner Not. „Doch sie schändeten die Höhen Jsak, die Dich fromm gesehen; Darum trifft sie mein Gericht!" Auch der treueste aller Hirten, Moses fleht um die Verirrten; Aber Gott erbarmt sich nicht. Sieh', da öffnen sich die Grüfte, Herzzerreißend durch die Lüfte, Zitternd ruft ein Jammerton. Und der Mütter Angstgestöhne Rahels, Leahs Klagetöne Dringen auf zu Gottes Thron. „Nein, der Mutterliebe Flehen Kann mein Grimm nicht widerstehen, Wohl, um Euch will ich verzeih'n. Hin nach Babel werd' ich senden. Meines Volkes Schmach soll enden. Geht zur Ruhe wieder ein." Die Kudotmki. Von A. N. Slein, Dwinsk (Rußland). (Schluß.) Da ich viel auf dem Lande zu thun hatte, bestellte ‘ ich einen Mietswagen, der täglich einige Stunden zu meiner Verfügung war. Der Kutscher, ein stämmiger russischer Bauer mit rundgeschnittenen Haaren und stumpfer Nase hatte durch seine Nüchternheit und Gutmütigkeit bald meine Sympathie gewonnen, und auch er war mir zugethan. „Iwan," sagte ich eines Tages zu ihm, „morgen mußt Du ganz früh kommen, wir müssen nach der Kaserne des .^.-Regiments fahren." „Herr, morgen ist's ganz unmöglich," erwiderte mein Kutscher, „morgen haben wir einen großen Feiertag." „Bist Du von Sinnen, Freundchen? Morgen ist kein Feiertag; sämtliche Behörden arbeiten ja." „Ja, Herr, aber wir haben Feiertag, man nennt ihn Purim." Beschämt schlug ich die Augen nieder. Dieser stockrussische Bauer gedenkt des Purimfestes und feiert es, und ich, dessen Ahnen vielleicht mit und neben Mordechai in den Straßen von Susa in Asche sich gewälzt, ich habe im Strudel des fremdartigen Lebens diesen lustigsten unserer Festtage ganz vergessen. „Ja, Freundchen," sagte ich zu ihm, „wir bleiben morgen beide zu Hause. Hier hast Du einen Rubel, kaufe einige Pfund Konfekt als Purimgeschenk für Deine Kleinen." Verblüfft sah der Bauer mich an; erst jetzt merkte er, daß ich Jude war, und geheimnisvoll flüsterte er mir zu: „Herr, vielleicht kommst Du morgen zu uns zu Mittag; Du kannst bei uns essen, es ist alles „jüdisch" zubereitet. Komm doch!" Es that mir wirklich leid, daß ich aus gewissen Gründen ablehnen mußte, denn mein Freund schien ob dieser Ablehnung verletzt. Aber nicht nur unsere fröhlichen Feiertage, wie Purim, haben sich die Sabbatianer angeeignet, sie haben auch unsere religiösen Fast- und nationalen Trauertage angenommen und beachten willig die asketische Seite des Judentums. „.Wir warnten ihn," erzählte mir einst aus der Messe in Nischny Nowgorod ein alter Subotnik, „an einem so heiligen Tage (es war der 9. Aw) in den Wald zu fahren und Holz zu fällen. Er gehorchte nicht. Die Folge dieser gottlosen That war, daß er samt seinem Pferde im Walde von Wölfen zerrissen wurde. Da sah man den Finger Gottes, und auch die ungläubigen Einwohner des Dorfes, von der Heiligkeit unserer Religion überzeugt, traten zu derselben über." Die jüdische Religion billigt, wie bekannt, keine Proselytenmacherei. Das Wort unserer Weisen, daß Proselyten dem jüdischen Volke lästig seien wie ein Aussatz, ffuden wir aus Schritt und Tritt bestätigt. Und obwohl wir Juden dem Treiben der Subotniki nie Sympathien entgegengebracht, noch ihren Religionseifer geschürt, hat die Regierung dennoch durch gesetzliche Bestimmungen Maßregeln getroffen, um jeglicher Berührung der Juden mit den Subotniki vorzubeugen. Um das Mißtrauen der Regierung nicht zu erregen, vermeiden wir jeden Verkehr mit den Sabbatianern, und doch war