Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- Seite 489 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 29. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 489. ©emctnbebuubeg Don bem worden ist, bis zu Pessimisten -nde der vielversprechenden ist nun aus dem die deutsche Jndenheit 'stbewußtsein der Juden Richtung hätte kraftvoll meindebund leisten müssen Irdisches Interesse, wie es ierzen der seht leitenden ^aben diejenigen recht b es vorausgesagt, als er heraus gesagt: Noch viel bei unseren süddeutschen rs „offizielle' Berliner iselbe auslösend in Berlin beste Auge; wie unselig Gemeinden im deutschen ' die Verhältnisse kennt, u warmen Freund des tschland fast verzweifeln rertum gezeitigt worden; ätze sind nichts weiter t, nach e'nem rbundeN' lalniiib. jübischer Kinber, seit Jahrzehnten bemüht waren, für einen Religionsunterricht zu sorgen, ber weiß auch, baß bas Jbeal ves Herrn Justizrats eigentlich bie Verneinung allen religiösen Unterrichts ist, unb genau besehen, lag bas ja auch in seinen Worten. Die Eltern bieser Kinber sinb ja boch aber auch schon in bem Meyer-Makower'schen System erzogen; sinb biese, ober ist beren Erziehung vielleicht geeignet, ben religiösen Unterricht überflüssig zu machen? Oder genügt, da ja im Hause sonst bas ganze Jahr über Religion und religiöse Dinge, wenn nicht in spöttelndem Tone, gar nicht gesprochen wird, vielleicht die jüdisch-religiöse Unterweisung, die das Kind unterm Christbaum empfängt? Da Herr Makower doch so lange Vorsitzender der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde gewesen, so nehmen wir an, daß ihm an deren Erhaltung etwas gelegen; aber wozu eine Religionsgemeinde erhalten, wenn die Religion vernichtet wird? Da braucht man doch keine Gemeinde und keinen Repräsentanten-Vorsteher rnehr. Daß unter dem Prävalieren des Berlinertums ein Antrag wie der des Herrn Amts-Gerichtsrats Levi-Beuthen, der Gemeindebund möge für geeignete Ausbildung von Schächtern Sorge tragen, keine Gnade fand, ist ja zu natürlich. Die Elemente, welche einen Schächter brauchen, sind ja dem „System" stets sehr unbequem gewesen, sie, die auch sonst lebendige Glieder des Judentums sind und bleiben wollen, die in den meisten Geineinden die Träger der Institutionen sind, verlängern ja nur die Todesqualen des zur Auflösung verurteilten Judentums. Anscheinend dämmert es jetzt auch in Berlin, und die Zeiten des laisser aller, welches aus religiösem Gebiete geradezu verhängnisvoll geworden ist, sind auch dort vorüber. Möge man sich ju kraftvollem Thun aufraffen und zu erhalten suchen, was zu erhalten ist. Die welken Blätter mögen fallen, sie erhalten kein neues Leben, wenn man auch die noch lebenden absterben läßt. Leopold Guttmann aus Beuthen O.-S. Eine Stimmr ans Amerika. In der vorwöchentlichen Nr. der Amerikanerin „Deborah" beschäftigt sich der litterarische Mitarbeiter des Blattes, X. Aard, in einem seiner frisch und flott geschriebenen Litteraturbricfe mit den Litteratrrrvereinen und der jüdischen Fachpresse in Deutschland. Wir reproduzieren den Brief wörtlich, damit die Stimme aus Amerika auch hier gehört werde: „Es ist jetzt bald drei Jahre her, da schrieb Dr. Emil G. Hirsch zum fünfzigjährigen Jubiläum des Ordens „U. O. B. B." inl „American Israelite“ einen bemerkenswerten Aufsatz, der darin gipfelte, das Judentum sei eine Religion, und jede Verquickung dieses Judentums mit sozialen oder ähnlichen Bestrebungen müsse über kurz oder lang von selbst fallen. Der „Jeschurun", der damals noch im grauen Osten, in Tilsit, ein beschauliches Dasein führte, machte die Ausführungen des „Chicagoer Reformrabbiners" zum Gegenstand eines Leitartikels und zog daraus die Nutzanwendung für europäische Verhältnisse tm allgemeinen und für die Litteraturvereine, die gerade an allen Ecken und Enden austauchten, im besonderen. 1893 war für sie die goldene Zeit: kein Mensch blieb von der allgemeinen Begeisterung verschont, der Verein für jüdische Geschichte und Litteratur war das Universalmittel gegen den Druck von Außen und die Spaltung im Innern, gegen Jndifferentismus und Abfall, gegen mangelndes Selbstgefühl — kurz, es gab gar kein Unglück, gegen das der wunderthätige Verein nicht gut gewesen wäre. In den Großstädten hatte die Sache einen vornehmen Anstrich: die Damen und Herren vom Publikum — mit und ohne Kommerzienratstitel — kamen in Gala und in stolzen Karossen vorgefahren, man betrachtete die Toiletten mit kritischem Blick, man flirtete ein wenig, und es herrschte eine angenehme Premierenstimmung, wenn der Redner im Frack auf das Podium trat und sein Sprüchlein sagte — geschickt und mit liebevoller Vertiefung in das Thema, denn das Komitee zahlte gute Honorare. Da hatte es der Rabbiner in der Kleingemeinde nicht so gut, wenn er im gemieteten Gasthaussaale vor seiner andächtig lauschenden Herde sprach; er mußte es sich an der Ehre genug sein lassen. Dafür flogen dann — noch am selben Abend womöglich — seine Berichte über den Vortrag nach allen Himmelsgegenden, und er konnte sicher sein, daß die zahlreichen „Zentralorgane für die Gesamtinteressen des Judentums" das wichtige Ereignis mit gebührender Ausführlichkeit registrierten. Und über was wurde nicht alles gesprochen! „Jüdische Aerzte im Mittelalter", „Die Stellung der Frau im Talmud", „Die Ethik im Judentum" kehrten mit einer gewissen Regelmäßigkeit wieder, die beinahe verdächtig war. Hat doch ein boshafter Spötter behauptet, viele von den Herren im Frack hätten überhaupt nur einen einzigen Vortrag, mit dem sie jedes Vierteljahr (nein, jede Woche! Red.) eine andere Stadt beglückten; sie seien Geschäftsreisende mit Ethik, cc>rnml8 voyageurs in Geschichte und Litteratur. Aber damit thut man den Leuten entschieden Unrecht; das beweist die bunte Musterkarte ihrer Themata: „Die Samaritaner", „Herder und die Juden", „Judentum und Vaterlandsliebe", „Die Messiasidee", „Der hohe Rabbi Löb", „Reuchlin", „Jochanan ben Sakkai", „Die Zeitrechnung der alten Juden", „Apion", „Manasse ben Israel"-alles, alles wurde verwertet. Schade nur, daß sie bei dem nicht stehen blieben, was mit einiger allgemeinen Bildung und Suade zu bewältigen war; sie gaben sich hier und da eine Blöße, und als ein Redner in der Stadt der reinen Vernunft über Manasse ben Israel sprach — das Thema gestattet eine unangenehme Kontrole — und den seligen Oberrabbiner (?) von Amsterdam, der als wissenschaftlicher Schriftsteller wenig mehr als ein geistreicher und glücklicher Dilettant war, zur talmudischen Größe ersten Ranges, zum Mittelpunkt der Judenheit seiner Zeit erhob, da kam der Umschlag, und zwar von derselben Seite, die gleich im Anfang besonnen genug gewesen war, um die Rettung des Judentums nicht im Leseverein allein zu sehen. Der „Jeschurun" hatte nämlich inzwischen mit demselben richtigen Blick, den er für die Zukunft der Litteraturvereine gehabt, die Verhältnisse in Berlin erkannt, wo die große Mehrheit der Gemeinde mit dem lahmen Regiment des Vorstandes unzufrieden war; er verlegte seinen Sitz nach der Hauptstadt, stellte sich in den Dienst der Opposition und hatte binnen kurzem die Genugthuung, bei der Wahl ins Gemeindeparlament seine Kandidaten sämtlich durchzubringen, rvährend seine eigenen Verhältnisse von Tag zu Tag besser wurden; er präsentierte