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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-07-17 · 29 (17.7.1896) · p. Seite 488

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
Seite 488 (sequence 4)
Language
German
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Seite 488. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 29. 600 Köpfe starke Menschenmenge am Perron. Seiner ansichtig, schwenkten die Anwesenden die Hüte und begrüßten ihn mit Baruch habba!" Ob die 600 Männer in Steifleinen beim Baruch habba ihre Käppchen aufbehalten haben, wird nicht gemeldet; jedenfalls geschieht es zum ersten Male, daß ein Messias mit Hüteschwenken empfangen wird, und es ist sehr zu bedauern, daß er mit der Eisenbahn angekommen ist und nicht aus einem Esel reitend, wie es sich für einen richtigen Messias gehört. Mindestens aber hätte er in Sofia ein Grautier besteigen müssen — der Andrang wird ihm wohl zu stark und die Auswahl zu schwer geworden sein. Aber Schofar wurde geblasen, daß es die ganze Welt höre, und damit ist der Zweck erreicht! Doch es kommt noch besser, denn der Bericht fährt fort zu erzählen, daß Herzl mit einer d eutsch en und einer zionistischsranzöfischen Ansprache begrüßt wurde, daß er ein bleiches und interessantes Gesicht habe, und als er die überraschende Kunde erhielt, daß alle Erschienenen zionistische Juden seien, schämte er sich für sie — eine andere Erklärung für das Aufsteigen der Röte in sein „interessantes blasses Gesicht" bei dieser Wahrnehmung vermögen wir beim besten Willen nicht herauszufinden, viel besser können wir es verstehen, daß er — Thränen vergoß. Da er, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, über das Ziel seiner Reise nach Konstantinopel alle Fragenden im Dunkel gelassen hat, so ist ein weiteres Unglück bislang nicht zu verzeichnen, denn daß manche nicht „alle" werden, diese Erfahrung haben wir schon längst gemacht. Daß mitten in den Bericht eines jüdischen Fachblattes, das doch mit der Diplomatie nichts zu thun hat — ohne auch nur die Zeile abzusetzen — der Satz hineingestreut wurde: „Zur gleichen Zeit" — d. i. bei Ankunft Herzls — „war der neue französische Konsul angelangt und der Minister des Aeußern Herr Natschewitsch zur Begrüßung erschienen", ist nur so zu verstehen, daß man den Glauben erwecken wollte, als seien diese beiden Herren zur Begrüßung Herzls erschienen, und das ist nichts anderes als eine auf Dupierung des Lesers abzielende Wendung. Diese Wendung aber zeigt uns die Taktik, deren sie sich bedienen, zeigt uns in ungeminderter Lebensgröße, sie — die Staatsjuden des Judenstaats. Dr. Singer-Coblenz. Colbergermünde, 5. Juli. Da sitze ich nun schon an die zwei Wochen am kühlen Ostseestrande, mit den besten Absichten von der Welt, den Aerger des ganzen Jahres in der Meeresflut zu ertränken, sitze nichts Böses ahnend und allen Mitmenschen das Beste wünschend, da fällt mein Blick in die nachgesandte „Wochenschrift" und siehe: weg ist Behagen, weg Frieden. Und das hat mit ihrem Bericht über die jüngste Sitzung des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes die „Wochenschrift" gethan. Nun der Aerger da ist, will ich ihn auch nicht hinunterschlucken, sondern einmal gründlich von der Leber weg sprechen, was nicht nur mich, sondern einen sehr großen Teil der deutschen Judenschast schon lange drückt, worüber man sich in engeren Kreisen schon längst echauffiert, was man öffentlich zu sagen sich jedoch immer scheut, was aber endlich einmal gesagt werden muß. Wenn man das Wirken des Gemeindebundes von dem Tage ab, wo sein Sitz nach Berlin verlegt worden ist, bis zu seiner letzten Tagung verfolgt, so wird man jenen Pessimisten beipflichten müssen, welche von diesem cnc ein xblC aber nur in pejus erwartet und das Ende der vielversprechenden Institution kommen gesehen haben. Was ist nun aus dem Gemeindebund geworden, welcher die deutsche Judenheit nach außen vertreten, das Selbstbewußtsein der Juden heben, ihre Interessen nach jeder Richtung hätte kraftvoll wahren sollen? Was hätte der Gemeindebund leisten müssen und leisten können, wenn warmes jüdisches Interesse, wie es seine Gründer beseelt hat, in den Herzen der jetzt leitenden Kräfte gelebt hätte! Aber leider haben diejenigen recht behalten, welche das Ende des Bundes vorausgesagt, als er „verberlinert" wurde. Denn gerade heraus gesagt: Noch viel weniger Sympathien, wie Berlin bei unseren süddeutschen Reichsgenossen genießt, genießt das „offizielle" Berliner Judentum in der Provinz. Wie dasselbe auslösend in Berlin gewirkt hat, das sieht heute das blödeste Auge; wie unselig die Einwirkungen auf die anderen Gemeinden im deutschen Reiche gewesen, das weiß jeder, der die Verhältnisse kennt. Die traurigen Zustände, welche jeden warmen Freund des Judentums an seiner Zukunft in Deutschland fast verzweifeln lassen, sind durch das sogenannte Berlinertum gezeitigt worden; die von diesem proklamierten Grundsätze sind nichts weiter als die Vorfrucht der Massentaufen! Dabei hält die Verblendung an, trotz des gar nicht abzuleugnenden Bankerottes, den die Richtung gemacht. Oder ist es nicht ein Bankerott, wenn kein Mann von wissenschaftlicher Bedeutung, kein Mann, der etwas an Ansehen und Selbstachtung zu verlieren hat, dazu zu bewegen ist, das doch so sehr einträgliche Amt eines Berliner Rabbiners zu übernehmen — ein Amt, welches unter normalen Verhältnissen das begehrteste der ganzen Welt hätte sein müssen? Sagen es sich die cj?n ^vuc*) **) denn nicht, daß ein Systenr, welches solche Resultate gezeitigt, in dessen Konsequenzen es liegt, daß dem Rabbiner ungefähr die Stelle eingeräumt wird, die in alten Kohilot der Schames eingenommen, daß die Geringschätzung, welche allen religiösen Fragen entgegengebracht worden, daß diese auf die Religion und deren Diener übertragen werden mußte, daß dabei der Bankrott unausbleiblich sei? O d e r w a r der Bankrott gar etwas Gewolltes, war er das Ziel, nach welchem in bewußter Weise gesteuert wurde? Fast möchte es so scheinen, wenn man die Rede des bis vor kurzem in der Berliner Gemeinde so mächtig gewesenen Herrn Justizrat Makower liest. Das also ist der Weisheit Kern: „man brauche eigentlich gar keinen offiziellen Religionsunterricht; dieser sei Sache der Eltern". Wer da weiß, wie sehr die Eltern, oder doch ein sehr großer Teil der Eltern *) Mit dem Wechsel des Wohnortes ist, nach einem talmud. Ausspruch, ein Wechsel des „Glücksterns" verbunden. **) Die Leiter des Volkes.

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