Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-07-10 · 28 (10.7.1896) · p. Seite 474

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
28 (10.7.1896)
Date
1896-07-10
Page
Seite 474 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610216--1546-9610222
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 474. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 28. zeuge. Daneben befand sich eine große Maschinenbauanstalt mir Schiffswerft, woselbst alle Reparaturen vorgenommen, auch neue Betriebswerke angefertigt wurden. Davor lagerten sich in laugen Reihen die Wohnhäuser mit hübschen Gärten, Lagerhäuser, Arbeiter-Wohnungen, Kantinen, Wirtschaftsgebäude, Gasanstalt — nichts war vergessen, was zur Sache gehörte und alles in bester Ordnung und Ausstattung. Daselbst lebten und verkehrten nun an 2000 Menschen. Am regsten und eigenartigsten gestaltete sich der Verkehr beim Schichtwechsel, besonders abends 6 Uhr, wenn die eine Arbeiterschicht abzog, um die andere abzulösen. Das geschah, wenn ich nicht irre, alle acht Stunden ununterbrochen Tag und Nacht; freilich nur während der sommerlichen Arbeitszeit. Becker hielt nun mit großer Strenge darauf, daß alle Lebensmittel, wofür aus das beste und billigste gesorgt wurde, aus der Kantine entnommen werden sollten. Er wollte, seine Arbeiter sollten nüchtern sein, ein betrunkener Mensch war ihm ein Greuel; er selbst lebte mäßig im höchsten Grade, und so wollte er auch seine Arbeiter sehen; er wollte, daß sie sparsam seien, für Frau und Kinder sorgen und etwas vor sich bringen sollten; er wollte, daß etwaige Ueberschüffe der Kantine wieder zum Wohle der Arbeiter verwandt werden sollten. Das gab nun wieder Veranlassung zu tausendfältigem Aerger. Unter den meist littauischen Arbeitern gab es viel verkommenes, dem Trünke ergebenes Gesindel, zudem wurden sie von den Gastwirten und Händlern des Ortes, welche ihnen Nahrungsmittel zu billigeren Preisen anboten, aufgestachelt; das führte zu schweren Konflikten und das Wort Nachgiebigkeit stand nicht im Wörterbuche Beckers. Daß Becker stets in bester Absicht gehandelt hat, ist ganz gewiß und kann nur Haß und Neid bezweifeln wollen. Wenn man nun von Memel nach Schwarzort kam und die 20 Bagger arbeiten, die Dampfschiffe hin- und herfliegen und dazu das Leben und Treiben auf der Kolonie selbst sah — das war ein großartiges Schauspiel, welches des Beschauers höchste Bewunderung erregte. Was ist nun aus dieser Beckerschen Flotte, was ist aus der ganzen Bernsteinkolonie geworden? Als vor einigen Jahren die Zeit um war, hat Becker den Pachtvertrag nichr wieder erneuert. Die Bagger wurden verkauft oder anderwärts hingebracht und alles dem Boden gleichgemacht. Kein Stein und kein Balken blieb auf deni andern. Von der ganzen Herrlichkeit ist keine Spur mehr vorhanden. Auch feine Villa in Schwarzort hat Becker verkauft — das hat der Neid, die Mißgunst, die ewige Hetzerei und Treiberei bewirkt. Ich will es nur gestehen, dieser Becker war mir zu allen Zeiten eine sympathische Persönlichkeit, ein Studien- und Charakterkopf, seinem innern und äußern Wesen nach. Wie Becker heute, da er schon nahe dem siebzigsten Lebensjahre sein mag, aussieht, weiß ich nicht, denn ich habe ihn schon länger als ein Jahrzehnt nicht mehr gesehen; allein in früheren Jahren da konnte man sich nicht satt sehen an diesem Kopfe mit seinen edel männlichen Gesichtszügen. Und was nun die jüngste Gerichtsverhandlung betrifft, darin Becker eine so klägliche Rolle spielte, so muß gesagt werde», daß Becker immer noch mehr Teilnahme verdient, als alle seine klagenden und zeugenden Feinde und Gegner. Einer derselben hat ausgesagt, daß das Bernsteinmonopol, gemeint ist Moritz Becker, das Drechslergewerbe ruiniert habe. Diesem Zeugnisse gegenüber nimmt sich eine Berechnung Stantiens, mit welchem ich mich viel hierüber unterhalten habe, doch ganz anders aus. Der hat mir einmal vorgerechnet, daß durch den Bernsteinbetrieb der Firma Stantien & Becker zeitweilig an 30 bis 40 000 Menschen ihren vollen Lebensunterhalt gewinnen. ZweiThatsachen stehen in meinen Augen so fest, daß selbst Haß und Neid dieselben schließlich werden zugestehen müssen: Becker hatte für seine Arbeiter ein warmes Herz, und hat stets so gut für sie gesorgt, wie kaum je ein Großindustrieller vor ihm, das ist eins. — Becker hat die Bernsteinindustrie nicht zu Grunde gerichtet, sondern hat sie erst geschaffen. Ehemals mußte man sich mit dem am Strande gefundenen Bernstein begnügen, der von einigen wenigen Geschäften der Ostseestädte aufgekauft, teilweise auch verarbeitet wurde. Becker und Genossen haben erst regelrecht nach Bernstein zu baggern und zu graben angefangen, haben auch, um ihr Fabrikat einzusühren, überall im Binnenlande Filialen eingerichtet; solches war ihr Recht und ein wirkliches sachliches Verdienst — das ist das Zweite. Ich fühle durchaus keinen Berns, mich als Verteidiger Beckers aufzuwerfen, und noch weniger werden diese Blätter sich dazu hergeben wollen — habeat sibi. — Hier gilt es zu zeigen, daß wir Juden uns dieses Mannes durchaus nicht zu schämen brauchen; hier gilt es das Bild einer eigenartigen und auch verdienstvollen Persönlichkeit zu zeichnen; hier gilt es zu erfüllen, was geschrieben steht: „Zedek, zedek thirdof.“ „Gerechtigkeit, nur Gerechtigkeit sollst Du walten lassen." ll) o ch e n - h r o n i k. Berlin, 8. Juli. — Wider die Tauserei wendet sich die Voss. Ztg. in einer Besprechung des Prozesses, der jüngst dem Börsenspekulanten Arton in Paris gemacht worden ist. Arton hieß ursprünglich Aaron und soll ein Sohn des früheren Oberrabbiners von Straßburg sein. Im Alter von 21 Jahren trat er in Brasilien zum Katholizismus über, kam später nach Paris, wo er dem Börsenspiel zum Opfer fiel und jetzt zu einer mehrjährigen entehrenden Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Den Verurteilten schildert das genannte Blatt wie folgt: „Arton ist ein erschreckendes Beispiel der Erniedrigung, zu der ein ursprünglich charakterschwacher, eitler, spielwütiger und genußsüchtiger Mensch versinken kann, wenn er aus dem, immer noch einigen Halt gewährenden Zusammenhang mit seinem Stamm, seinem Glauben, seinen lleberlieferungen und Erbanschauungen gerissen ist und, wie alle sittlichen Grundsätze, so alle Scham und alle Rücksicht aus die Meinung seines ersten Menschenkreises verliert. Jeder verständige selbst-, bewußte Jude wird von ganzem Herzen mit den Antisemiten in diesem einen Punkte übereinstimmen: abstoßendere, verkommenere Gestalten giebt es wirklich nicht, als den Auswurf des Judentums, den dieses wie einen toten und verwesten Knochensplitter aus seinem Leibe ansgeschwärt und ausgeeitert hat." — Stimmt!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.