Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9610216--1544-9610220- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 472. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 28. stein-Monüpol vor Gericht" —sich abspielte; ein Prozeß, worin ganz besonders ein Jude, der Geh. Kommerzienrat Moritz Becker, Ritter hoher Orden, eine traurige Rolle spielte. Dieser Prozeß ist von antisemitischen und antisemitisch angehauchten Blättern gegen Juden und Judentum ausgeschlachtet worden. Auch alle die anderen Zeitungen können den Mann nicht genug brandmarken. Ueberall, wohin man hört, wird ans Becker gescholten; besonders aber seine jüdischen Glaubensgenossen geraten außer sich über des Mannes Handlungsweise. Ob nun und wieweit alle diese gegnerische Stimmen recht behalten, werden wir ja sehen. Um diesen Becker beurteilen zu können genügt aber keine Gerichtsverhandlung, dazu muß man sein ganzes Leben und Wesen genauer kennen, wie der Schreiber dieser Zeilen, der Jahre hindurch mit ihm Haus an Haus gewohnt hat. Da nun dieser Prozeß durch die neuesten Reichstagsverhandlnngen erhöhtes Interesse erlangt hat, so möchte ich für diesen Artikel einen geeigneten Platz in dieser geschätzten Zeitung erbitten. Becker ist ein selfmade-man, wie in der Gerichtsverhandlung mehrfach geltend gemacht worden ist. Damit ist aber sein Werdegang noch lange nicht hinreichend gekennzeichnet. Man pflegt zu sagen: „Ex nihilo nihil fit“ „Aus nichts wird nichts", und als Becker zu Ende der vierziger oder anfangs der fünfziger Jahre aus Danzig nach Memel kam, da war er noch garnichts, der reine nihil negativum. Einen Pfennig Vermögen besaß er nicht, auch fehlten ihm die Schulkenntnisse; selbst eine hinlängliche Volksschulbildung scheint ihm abgegangen zu sein. Das hat ihn freilich alles nicht gehindert, einer der mächtigsten Großindustriellen nicht nur des Reichs, sondern der ganzen zivilisierten Welt zu werden sich aber auch noch in späteren Jahren ein vollständig ausreichendes Maß von Wissen und Bildung zu erwerben. Er begann sein Geschäft damit, die Abfälle der Wirtschaft und die verschlissenen Bekleidungsstoffe aufzukaufen, und nebenher besuchte er die nahegelegenen Strand- und Fischerdörfer, um daselbst den Bernstein auszukaufen, welchen die durch den Nord-, Nordost- und Nordweststurm aufgeregten Wellen der Ostsee ans Land gespült hatten. Den Gewinn teilte er mit noch einem Genossen, der als geborener Memeler noch besser Bescheid wußte, vielleicht auch das wenige Geld zu dem Geschäfte hergegeben hatte. Auch dieser ist heute ein vermögender und angesehener Mann, ein Königsberger Kommerzienrat. Dem Becker gings schlecht, umsomehr als er sich mittlerweile mit einem armen Mädchen verheiratet und sich in rascher Folge eine Anzahl Kinder eingefunden hatte. Allein Becker war ein Mann von unverwüstlicher Kraft und Laune. Wenn er am Tage den Strand bis zur russischen Grenze abgelausen der stets eine Stütze der-Konservativen war. Die Konservativen wollen ihn aber jetzt auch gern von den Rockschößen schütteln. Was bleibt übrig? Der Jude. Weil man nun von allen Seiten auf ihn losschlägt, weil er nirgends einen Verteidiger findet, eben weil er Jude ist — als Christ wäre ihm das Alles nicht passiert, würde er bis in den siebenten Himmel gehoben worden sein — darum fühle ich als Jude, da ich sonst mit Becker nie etwas gemein hatte — er war nie mein Mann — den Trieb, ein Wort der Rechtfertigung zu schreiben mit der ausgesprochenen Absicht nicht ihm, sondern damit nur dem Judentum zu dienen. hatte und abends nach Hause kam, dann bestand sein höchstes Vergnügen darin, mit seinen Kindern sich ans dem Fußboden seiner ärmlichen Wohnung herumzuwälzen, einen der älteren Knaben als Reiter aus dem Rücken, aus allen Vieren umherzukriechen. Mit den Kindern war er vollständig wieder zum Kinde geworden. Nie gabs einen sorgloseren Menschen, nie einen zärtlicheren Gatten und Vater — und dieser zärtliche Vater ist er auch allezeit geblieben. Als ich im Jahre 1865 nach Memel kam, da tollte er in freien Stunden noch immer in gleicher Weise mit den Kindern, obwohl er damals schon ein gemachter Mann war; allein von der ehemaligen harmlosen Laune und Sorglosigkeit war schon keine Spur mehr vorhanden. Wie war nun Becker zum Bernsteinbetriebe gekommen? Er sowohl, wie sein Genosse wußten sehr wohl, daß auch das Festland reiche Schätze an Bernstein barg, häufig wurde bald hier bald dort ein bedeutendes Stück gefunden. Auch das Geheimnis von der den Bernstein bergenden „blauen Erde" war ihnen bekannt. Ja, wenn sie Geld gehabt hätten, um ein Privilegium zu erwerben und nach Bernstein zu graben, dann wäre, nach ihrer Schätzung bedeutend'er Gewinn zu erzielen gewesen. Sie wandten sich an einen unternehmenden, damals aber noch nicht vermögenden Mann, der mit dem Wenigen, was er besaß, sich an dem Unternehmen beteiligte. Nun wurde nach Bernstein geschürft und gemutet; allein der Ertrag war so gering, daß er nicht einmal die Tageskosten deckte. Da kam nun noch ein vierter hinzu. Der Kahnschiffer Stantien — daher der Name der Firma — war mit Becker gut bekannt. „Beckerchen", sprach der zu ihm eines Tages bei Gelegenheit einer Begegnung, „was quälst Du Dich ab mit Deiner Bernsteingräberei, da drunten auf dem Boden des Haffs liegt der Bernstein haufendick, dort mußt Du ihn suchen." „Meinst Du denn," antwortete Becker, „ich wüßte das nicht auch? Allein um dort suchen zu können, sind Baggernotwendig, die kosten mehr Geld als wir beide besitzen." „Und noch eins," meinte Stantien, „man muß aber auch wissen, wo man ihn suchen muß; ich weiß es, wo er seine „Nester" hat. Schaffe Geld und ich mache Dich zum reichen Manne." Becker mußte mit Hilfe seiner Genossen sich das notwendigste Geld zu verschaffen und die Firma Stantien & Becker erhielt gegen eine geringe Pacht, aus eine Anzahl Jahre das Privilegium, an einer gewissen Stelle des Haffs nach Bernstein baggern zu dürfen. Selbst die ersten sehr unvollkommenen Handbagger lieferten schon einen guten Ertrag. Mit der Zeit wurde die Baggerei vervollständigt, die Handbagger wurden durch Dampsbagger ersetzt und alle Hilfsmittel der modernen Technik in Anwendung gebracht und wo auch diese nicht zureichen wollten, wurden neue Hilfsmittel erfunden und der Erfinder war stets — Moritz Becker. Seitdem das Werk gedieh und Becker sich an der Spitze eines überaus umfangreichen Unternehmens sah, da mar aus ihm nach und nach ein ganz anderer Mensch geworden. Fleißig war er ja immer gewesen, jetzt entfaltete er aber eine bis zur Ueberspannung aller Kräfte anstrengende Thätigkeit. Weder Tag noch Nacht gönnte er sich Ruhe, und die Augenblicke,