Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 27 (3.7.1896)
- Date
- 1896-07-03
- Page
- Seite 458 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 458. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 27. gewillt ist, in einer derartigen Angelegenheit der medizinischen Ueberlegenheit des Herrn Justizrat Meyer sich anzuvertrauen. Für Reparaturen am Krankenhanse, sowie für Entsendung von Zöglingen des Waisenhauses in Ferienkolonien werden die geforderten Summen bewilligt. Damit haben wohl für diesen Sommer die Sitzungen unserer Repräsentanten ihr Ende erreicht. Aus Wiedersehen im Herbst! Marquis Mores. ß Paris, 28. Juni. Der Träger dieses Namens, welcher im Zusammenhang mit der im Entstehen begriffenen Judenhatz in Frankreich oft genannt wurde — in der weitesten Oeffentlichkeit nach dem Duell mit dem jüdischen Oberst Mayer, bei welchem der letztere getötet rvurde — ist auf einer tunesischen Expedition von seinen eingebornen Begleitern erschlagen worden. Diese Thatsache steht/ nachdem sie wiederholt widerrufen war, jetzt fest, und uns liegt es ob, dem Marquis, ohne Rücksicht auf sein tragisches Ende, ein Wort des Nachrufes zu widmen, das seinem Leben und seinen Thaten entspricht. Marquis Mores war Antisemit und Anarchist, das ist bekannt. Er war Geschäfts-Antisemit und Geschäfts-Anarchist, das ist schon weniger bekannt. Weil er von dem Geschäfte leben, gut und reichlich leben wollte, verband er sich mit Drumont, dem Herausgeber der „Libre parole“, zu einem Kampfe wider den „jüdischen Einfluß". Und als das Geschäft schlecht zu gehen anfing, zog er gen Afrika, um allda den „englischen Einfluß" zu bekämpfen. Das war ein riskanteres Geschäft, als der Kriegszug gegen die Juden, und der Marquis, der Ehre und Ansehen und Reputation in seiner Heimat längst verloren hatte, vorlor in Afrika das Leben. Hat der Marquis auf die bürgerlichen Eigenschaften, die er früher verloren, jemals Gewicht gelegt? Man möchte dies bestreiten; sein ganzes Leben spricht dagegen. Der Marquis war der Abkömmling eines der vornehmsten Adelsgeschlechter, aber er that alles, was einem Manne von wahrer edelmännischer Gesinnung widerlich erscheinen müßte: Kartenspiel, Weiberabenteuer, unsaubere Spekulationen, das war der Lebensinhalt dieses antisemitischen Helden. Die antikapitalistische und antisemitische Gesinnung des Marquis war nicht der Ausgangspunkt seiner Karriere. Allein er schloß sich an Drumont an, der den Antisemitismus in Frankreich sruktifizierte. Nebenbei hatte der Marquis auch anarchistische Allüren, und man kann diesem verlotterten, aber begabten Manne nicht das Verdienst absprechen, die Identität zwischen den antisemitischen und anarchistischen Tendenzen rechtzeitig erkannt zu haben. Mores und Drumont, jener der Schwiegersohn eines Juden, dieser, wie behauptet wird, sogar der direkte Abkömmling von Juden, beuteten die jüngste französische Mode: den Antisemitismus, nach Kräften aus. Sie lebten davon, daß sie die Juden nicht leben ließen. Das ist heutzutage ein Geschäft, das seinen Mann allerorten ernährt. Marquis Mores hatte aber Pech mit den Juden. Nicht daß sie ihn verfolgten und sich an ihm rächten — im Gegenteil. Der antisemitische Marquis brauchte eines Tages zur Zahlung einer Spielschuld 20,000 Frcs. In den aristokratischen Kreisen, in denen man ihn kannte, pumpte man ihm nichts, und wo man ihn nicht kannte, fand man die Summe zu hoch. Erbat Drumont um die Summe, mit der Bemerkung, er müsse zur Pistole oder zum Strick greifen, wenn er sie ihm nicht gebe. Drumont hat ein gutes Herz. Er wollte den Freund und das Geld behalten und fand einen genialen, eines Antisemiten würdigen Ausweg. „Gehen wir zu Cornelius Herz," sagte er, „der hat ein gutes, jüdisches Herz, er wird Dir das Geld borgen, damit Du Dich nicht aufzuhängen brauchst." Und so gingen die Bekämpfer der „jüdischen Korruption", Drumont und Mores, zu dem Juden Cornelius Herz, der in der That das Geld hergab, damit Mores am Leben bleiben und weiter seiner hehren Mission sich widmen könne. Mores entging dem Strick und der Pistole, doch der Nagel zu seinem Sarge hat — und das ist das Pech, das er mit den Juden hatte — schon in seinem Besuch bei Herz gelegen. Die Enthüllung, daß er, der Antisemit, den Juden „angeschnorrt", machte seiner Karriere in Paris ein Ende. Die Enthüllung wurde nicht von Herz gemacht, sondern von Clemenceau, der den Marquis mit infernalischem Hasse verfolgte. Mores behauptete, Clemenceau habe englisches Geld genommen, aber er konnte die Verleumdung nicht beweisen. Clemenceau behauptete, Mores habe „jüdisches" Geld genommen, und er erbrachte solch belastende Beweise, daß Mores nicht einmal zu leugnen wagte. Der korrupte Korruptionskämpfer wurde durch diese Enthüllung schier lächerlich, und das war für ihn schlimmer als entehrt zu sein. Er wandte dem undankbaren Vaterlande den Rücken und zog gegen die „Semiten" im dunklen Afrika aus, wo er ein unrühmliches, wenn auch tragisches, Ende gefunden. Der antisemitischen Presse aller Länder liegt es nun ob, eine Verbindung zwischen den Mördern und der Alliance israelite festzustellen. _ Das Argentinische Hilssinerk. z. London, 25. Juni. Herr David Freiberg, Direktor des Zentral-Auswanderungs- Ansschusses in Petersburg, ist wieder ans Argentinien zurückgekehrt, wohin er vor einigen Monaten von dem verstorbenen Baron Hirsch geschickt worden war, zugleich mit Herrn Dr. Sonnenseld, dem Pariser Sekretär des jüdischen Kolonisations- Vereins, um über den Zustand der von dem Baron gegründeten Kolonie zu berichten. Die folgenden Mitteilungen bilden den Kern des Freibergschen Berichts: Ich erhielt von unseren Kolonisten einen sehr günstigen Eindruck. Mit Freuden überzeugte ich mich, wenn ich von einer Kolonie zur andern schritt, von der wunderbaren Thätigkeit unserer Glaubensgenossen für die harte Feldarbeit. Ich hatte die Kolonien in Rußland ausgewählt. Es waren zum größten Teile kleine Kauflente. untergeordnete Händler, Krämer überhaupt Leute, die von der Landwirtschaft niemals eine