Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 26 (26.6.1896)
- Date
- 1896-06-26
- Page
- Seite 446 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9610182--1516-9610192- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 446. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Wr. 26. arbeitet an der Universität. In ihnen fand er eine praktische Rechtfertigung seiner philosemitischen Grundsätze. — „Gräßliche Kunde". Die New-Iorker Staatszeitung schreibt: Das Schrecklichste ist geschehen! Ahlwardt, der Rektor aller Deutschen, versetzt, was Versetzbares er hat — bei jüdischen Pfandleihern! So erklärte gestern Abend der Antisemit Jakob Hessel in einer Versammlung in der Union- Sängerhalle in Pickleville. Tie Versammlung war einberufen, um den politisch schon toten Judenfresser noch „toter" zu mache». Es hatten sich etwa 400 Personen, darunter manche Anhänger des Ex-Rektors, eingefunden. Es gab natürlich Radau und manche arische Faust ballte sich und auch manche in deren Adern das Blut der Kinder Israels floß. Da aber sieben Polizisten mit unheimlich aussehenden Knüppeln anwesend waren, wurde kein Blut vergossen. F. Schwertfeger eröffuete die Versammlung und erteilte sofort dem „Redner des Abends", Jakob Heffel, das Wort. Dieser nannte Ahlwardt einen Parasiten, „schlimmer als die gesamte jüdische Schmarotzerbande". Nur einmal habe der Ex-Rektor ehrliche Arbeit geleistet: als er unter staatlicher Aufsicht in Plötzensee Zündhölzer gemacht habe. Den schwersten Schlag aber führte der Redner erst gegen Schluß seiner Rede. „Meine Herren!" rief er, und als er sah, daß diese Anrede den Anwesenden wohlthat, rief er nochmals: „Meine Herren!" Hier ließ er einige Sekunden Pause eintreten. Dann brach's los: „Was denken Sie? Dieser Ahlwardt, dieser angebliche Antisemit, dieses parasitische Geschwür am Körper des Antisemitismus, dieser Bazillus in den Eingeweiden der guten Sache — ergeht hin nnd versetzt seine Sachen bei jüdischen Psandonkels!" Die Anwesenden standen starr vor Entsetzen. Selbst die Ahlwardtianer hatten ob dieser ungeheuerlichen Beschnldigung temporär die Sprache verloren, und das wollte gewiß viel heißen. Dann redete die fanatische Sozialistin Emma Goldmann. Sie meinte, Ahlwardt sei lange nicht so schlimm, wie man ihn male. Er pumpe Juden wie Christen gleichmäßig an und halte dadurch das national-ökonomische Gleichgewicht aufrecht. Im übrigen wolle sie ihm den Rat geben, sich in einem Dime-Museum ausstellen zu lassen. — Als später Radau entstand, erklärte der überwachende Polizist die Versammlung für aufgelöst und ließ das Versammlungslokal säubern. Der Säuberungsprozeß war nach den Vorgängen des Abends sehr nötig. — Eine jüdische Portia ist Miß Rosalia Loeiv in Newyork, die jüngst in einem amerikanischen Gerichte plaidierte und ihren Prozeß gewann. Miß Loew kommt von einem guten Stamme. Ihr Großvater war der berühmte ungarische Rabbiner Leopold Loew, dessen Gelehrsamkeit einst auf dem europäischen Festlande Anfsehen erregte. Loew war ein Pionierin dem Feldzuge zugunsten der besseren Erziehung jüdischer Frauen, und nun hat seine Enkelin als Rechtsgelehrte Ruhm und Ansehen erlangt. Miß Loew ist erst 22 Jahre alt und hat ohne Zweifel noch eine glänzende Laufbahn vor sich. Sie ist Dozentin an Rutgers Kollege für Frauen, und gewann 1892 einen Preis für ihre Studie: „Bringt die Mac Kinley Bill dem Lande Nutzen?" Miß Loew ist mit ihrem Bruder zusammen etabliert, die Firma lautet Loew und Loew. Sie ist übrigens nicht die einzige jüdische Rechtsgelehrte in den Vereinigten Staaten. Die Schwester des Herrn Meier S. Jsaacs, des bekannten Juristen in Newyork, ist eine hervorragende und geschätzte Gehilfln ihres Bruders, aber Miß Jsaacs ist noch niemals vor Gericht erschienen. — Beachtung des Sabbats in Amerika. Wir erhalten folgende Zuschrift: Jnbezug aus die Mitteilung in Nummer 25 der „A. I. W.", daß die Juden im Staate Massachusetts dahin zu wirken suchen, daß es denen, welche am Sonnabend die Geschäfte geschlossen haben, gestattet sei, dieselben am Sonntag zu öffnen, — möchte ich darauf Hinweisen, daß eine derartige Berechtigung bereits gegen Ende der sechsziger und Anfang der siebziger Jahre bestand, während welcher Zeit ich in Boston lebte. Aus erwähnter Notiz muß ich schließen, daß dieses Privilegium in späteren Jahren wieder beseitigt wurde, vermutlich, weil nicht viele hiervon Gebrauch machten. Uebrigens wohnten, außer in Boston, nur relativ wenige Juden im Staate Massachusetts. Nur solche Geschäfte durften jedoch am Sonntag geöffnet werden, die weder Geräusch noch Störung verursachten; meines Wissens war es aus Kolonialwaren und Zigarrengeschäfte beschränkt. In meiner Nachbarschaft machte sogar ein Deutscher christlichen Glaubens von dieser Ausnahme-Bestimmung Gebrauch. Denn das Geschäft ging am Sonntag besser, als am Sonnabend, wo es am Tage überhaupt nicht sehr lebhaft zugeht; das Hauptgeschäft konzentrierte sich auf die Abendstunden bis 12 Uhr, und um diese Zeit stand auch denen, welche von der Sonntags-Berechtigung Gebrauch machten, frei, ihre Geschäfte zu öffnen. Daß in solch einem Lande der Boden für den Antisemitismus nicht geeignet, bedarf keiner weiteren Beweisführung. Und der Iankee ist dnrch und durch christlich gesinnt. Marcus P. Fuchs. — Die Juden in New?)ork. Nach Mitteilungen, die freilich aus einer trüben Quelle, nämlich antisemitischen Zeitungen stammen, aber doch auf guter Grundlage beruhen dürsten, zählt New Pork nicht weniger als 350,000 Juden. Diese spielen begreiflicherweise im ganzen Handel eine bedeutende Rolle, so sollen sie das Schnittwarengeschäft mit 514 Firmen und einem Kapital von 58 Millionen Dollars fast monopolisiert haben, ebenso das Kleidergeschäft, von dem 264 Firmen mit 24 Millionen Kapital unseren Glaubensgenossen gehören. Im Hutgeschäft sind 169 jüdische Geschäfte, in dem Viertel von Broadway und Canal-Street gehören ihnen die meisten Gebäude und man schätzt den gesamten Grundbesitz in New-Jork, der sich in den Händen von Israeliten befindet, aus mindestens 150, vielleicht sogar 200 Millionen Dollars. Leider ist diese große Zahl von Juden und ihr Einfluß sehr gespalten und fehlt jede einigende Organisation, es gicbt nicht weniger als 146 Gemeinden, die häufig genug sich untereinander Konkurrenz machen. 30 dieser Gemeinden besitzen eigene Synagogengebäude, von denen manche überaus elegant errichtet und ausgestattet sind, denn in vielen der Kongregationen, wie sie dort heißen, sind die Mitglieder nicht nur reich, sondern auch opferwillig in einem Maße, wie man es in Europa für derartige Zwecke auch bei Juden nicht findet.?