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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-06-26 · 26 (26.6.1896) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
26 (26.6.1896)
Date
1896-06-26
Page
Seite 442 (sequence 6)
Language
German
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Seite 442. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. 'Nr. 26. und die waren reichlich vorhanden; sie prüfte aber nicht die Legitimation der Herren, die sich Vorstand der jüdischen Gemeinde nannten. Daß hier eine, vielleicht unbeabsichtigte Täuschung vorlag, konnte auch die Regierung nicht wissen, aber der erfahrene Berliner Vorstand hatte die Pflicht, das Mandat der Charlottenburger Herren zu prüfen. Es wäre ein Kinderspiel gewesen, zu beweisen, daß alle Anträge und Beschlüsse nur von einer Korona nicht vollwichtiger Personen ausgingen — aber die Herren vom grünen Tisch in Berlin ließen sich einschüchtern. Wir aber, die in Charlottenburg ivohnenden Mitglieder der großen Gemeinde, waren in Gefahr von allen in Berlin geschaffenen Institutionen — ich nenne nur den Begräbnisplatz — ausgeschlossen zu werden. Mit voller Ueberlegung that ich nun einen Schritt, unter dessen Nachwirkungen ich viele Jahre alle Qualen einer verleumderischen Nachrede exduldet, die mir das Leben verbittert und mir für Jahre die Existenz geraubt — einen Schritt, den ich heute in gleicher Lage aber ebenso ruhig wieder thun würde. Ich sandte dem Vorstande in Berlin ein ausführliches Memorandum, worin ich die Zustände in der Charlottenburger Synagoge und Schule getreu schilderte; Zustände, wie sie noch heute, nach sieben Jahren, unter gänzlich veränderten Verhältnissen, bei einer Subvention von 7000 Mark, mit einer Synagoge und Orgel und einer Mitgliederzahl von 600 Familien (gegen 25 vor 7 Jahren) dort herrschen. Ter Berliner Vorstand hielt meine Mitteilung für wichtig genug, um sofort nach Eingang derselben eine Sitzung ad hoc zu halten, und infolge einer Vorstellung bei der Regierung wurde nunmehr von dein Polizeipräsidium in Berlin eine Generalversammlung der in Charlottenburg wohnenden Israeliten anberaumt, zu der auch ich als steuerzahlendes Mitglied der großen Gemeinde eine Einladung erhielt. Die Generalversammlung wurde noch in letzter Stunde abbestellt. Man fürchtete neue Enthüllungen und schloß einen Kompromiß. Der Charlottenburger Vorstand zog seine Anträge aus Bildung einer eigenen Gemeinde zurück und der Berliner Vorstand bewilligte eine Subvention von 7000 M. pro Jahr unter der Bedingung, daß in der neu zu erbauenden Synagoge in Charlottenburg das Berliner Gebetbuch eingeführt werde. Und so geschah es. Es wurde eine Synagoge erbaut, ein Harmonium hineingesetzt; und der Berliner Vorstand verherrlichte die Einweihung durch seine Gegenwart und durch eine Weihrede ihres Rabbiners Dr. Maybaum. Doch der rasende See mußte ein Opfer haben und dieses Opfer wurde — ich! Wegen meiner Mitteilung an den Berliner Vorstand, wodurch ich viele Hunderte ahnungslose Gemeindemitglieder vor der zwangsweisen Inkorporation in die Charlottenburger Gemeinde gerettet habe, wurde ich von einem Vorstandsmitgliedc als „Denunziant" gebrandmarkt und sofort meines Amtes enthoben. Der Berliner Vorstand rührte keine Hand zu meiner Ehrenrettung, trotz aller Bitten und Beschwerden. Was liegt auch an der Existenz eines simplen Knltusbeamten, auch rvenn er mit Frau und fünf Kindern existenzlos wird! Nun der beabsichtigte Ruin meines Namens und Berufes ist nicht erzielt; aber hätte der Berliner Vorstand vor sieben Jahren meinen Angaben Glauben geschenkt oder sie — wie es seine Pflicht war — auch nur untersucht — die Berliner Gemeinde hätte die Kleinigkeit von 32,000 M. gespart und die Charlottenburger Gemeinde hätte keine Schuldenlast von 80,000 M., für die die Berliner Gemeinde in letzter Reihe doch eintreten muß. Möge die Repräsentantenversammlung in Berlin bei Beratung der Petition auf Uebernahme des Religionsvereins in Charlottenburg auf den Etat der Berliner Hauptgemeinde, und zur Würdigung der zwischen den Zeilen hervorgnckenden Drohung mit den Austritt aus der letzteren aus vorstehenden Mitteilungen die nötigen Konsequenzen ziehen! Lion Wolfs. Zum siebenten Male seit seiner Entstehung hatte der Deutsch-Israelitische Gemeindebund die Vertreter deutscher Gemeinden zusammenberufen, und eine stattliche Anzahl von Erschienenen, die wohl an 100 Gemeinden repräsentierten, hatten am 20. und 21. d. Nt. dem Rufe Folge geleistet. Mancher der anwesenden Herren hatte freilich für mehrere Gemeinden Mandate übernommen, einzelne derselben waren Mandatare sogar für fünf Gemeinden. Im Verlause eines einzigen Tages eine Tagesordnung von 19 Punkten zu erledigen, darunter einige von ganz eminenter Wichtigkeit, ist zumal bei dieser Jahreszeit gewiß auch keine Kleinigkeit und noch weniger eine Annehmlichkeit, umsomehr, als die Temperatur aus die Redelust absolut keinen Einfluß auszuüben schien. Eröffnet wurde die Versammlung von Herrn Prof. Philippson, der an die Versammlung herzliche Worte der Begrüßung richtete. Alsdann wurde das Bureau gebildet, bestehend aus den Herren Justizrat Josephthal - Nürnberg (Vorsitzender), Rechtsanwälte Benfcy-Hannover und Emil Lehmann-Dresden (Stellvertreter), Rechtsanwalt Friedländer-Potsdam, Assessor Dr. Apt und Lehrer Emanuel Goldschmidt (Schriftführer). In ehrender Weise gedachte der Vorsitzende des bisherigen langjährigen Vorsitzenden, Herrn Geheimrat Dr. Kristeller, dem Alter und Kränklichkeit die Weitersührnng seines Amtes nicht ermöglichten. In einem Telegramm an Herrn Dr. Kristeller gab die Versammlung ihren Gefühlen warmen Ausdruck. Geschäftsbericht, Kassenbericht und sonstige geschäftliche Dinge gelangten sehr schnell zur Erledigung. Von großer Wichtigkeit war der Antrag, der darauf zur Diskussion gelangte. Er betrifft die Gründung von Provinzialbezw. Bezirksverbänden jüdischer Gemeinden. Eine zur Vorberatung eingesetzte Kommission hat eine Anzahl von Leitsätzen aufgestellt, die uatürlich keine verbindliche Kraft haben sollen, vielmehr nur eiue Art von Musterstatut darbieten. Herr Prof. Philippson begründet die Vorschläge. Referent erblickt in derartiger Organisation eine Stärkung des Gemeindebnndes und eine Kräftigung des jüdischen Gemeindelebens überhaupt. Nach kurzer Diskussiou wurden die Leitsätze der Kommission gutgeheißen. Die Frage des obligatorischen Religionsunterrichts an allen öffentlichen Lehranstalten, die jetzt alle Welt bewegt, hat auch den D.-J. G.-B. auf den Plan gerufen. Seit vier Jahren sind bereits die Erwägungen im Gange gewesen, und

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