Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-06-26 · 26 (26.6.1896) · p. Seite 440

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
26 (26.6.1896)
Date
1896-06-26
Page
Seite 440 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610182--1510-9610186
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 440. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. dir. 26. Gesinnungstüchtigkeit ist eher geeignet, Respekt einzuflößen, als Hohn und Spott hervorzurufen. Nun erst erkennt eine Handvoll Leute, die sich orthodox nennt, — unter biefem Firmenetiquett ist man ja jetzt des Erfolges sicher — ihren Beruf. Es wird mit großem Tamtam eine grandiose Hetze in Szene gesetzt, in Gegenwart mehrerer Häuptlinge aus anderen Provinzen eine „Massenversammlung" mit ca. 150 Teilnehmern abgehalten, bei der nach einem Berichte von beteiligter Seite alle „Ehrenmitglieder" m e i st e r h a f t gesprochen — orthodoxe Rabbiner sprechen alle meisterhaft — und es wird mit großem Jubel beschlossen, für die 100 in Westfalen zerstreut lebenden Glaubensgenossen einen orthodoxen Rabbiner zu engagieren. Divide et impera war die Devise, als vor 20 Jahren das jämmerliche Austrittsgesetz geschaffen wurde; nach demselben Rezepte handeln unsere Neuorthodoxen mit wenig Geist und viel Behagen seitdem überall, sei es in Hessen, sei es in Westfalen. „So lieblich klang des Voglers Pfeife, bis die Gimpel in dem Netze hingen." Schreiber dieser Zeilen, der für seine Person weder ein abgekürztes Gebetbuch gebraucht — denn er hat ein anderes Judentum mit der Muttermilch eingesogen, ein Judentum, das in Deutschland unwiederbringlich dahin ist — noch auch ohne Not ein solches freiwillig einführen und Leuten aufdrängen würde, kann aber nicht verhehlen, daß jede Zeit ihr Recht hat und der in der Zeit Lebende auch, und er vermag durchaus nicht einzusehen, daß Vogelstein mit seiner Edition des Gebetbuches gegen irgend einen Fundamentalsatz des Judentums verstoßen; er hat einfach gethan, was Klugheit und warmer Eifer für Erhaltung religiösen Lebens in Westfalen ihm geboten, mid es liegt kein Grund vor, sich gegen dieses Vorgehen zu ereifern. Alle die westfälischen Gemeinden, welche das neue Gebetbuch eingesührt haben, hatten früher so gut eine Orgel in der Synagoge wie jetzt auch; um die Schechita hat sich kein Mensch gekümmert; die Zeremonialgesetze wurden von den Einzelnen samt und sonders über den Haufen geworfen; der Sabbat wurde durch die Ladenthüre hinauskomplimentiert, zum Unterschiede von vielen orthodoxen Gemeinden, in denen „gegen Revers" dasselbe durch die Hinterthüre geschieht — in Westfalen gab es auch bis jetzt reformierte Gebetbücher, an denen ja kein Mangel ist, und nur weil die Willkür jetzt aufgehoben, alles einheitlich geregelt wurde —, das erst hat dem Faß den Boden ausgeschlagen? Das erinnert an einen bekannten Scherz, der hier kurz wiedergegeben werden soll, so wenig scherzhaft auch es dem Schreiber zu Mute ist: Einem frommen Vater wird am Jom Kippur gemeldet, sein Sohn befinde sich in einem nichtjüdischen Restaurant soeben beim Mittagmahle. Um sich selber davon zu überzeugen, entledigt er sich seines „Kittels" und verfügt sich in jenes Restaurant, wo er durchs Fenster sieht, wie sein Söhnlein es sich wohlschmecken läßt. Er stört fein Söhnlein nicht, man weiß nicht aus welchem Grunde, sondern sieht sich die Geschichte mit an, bis das Mahl zu Ende ist. Als jedoch der Herr Sohn zum Dessert auch Aepfel und Nüsse genehmigt, da springt der Vater entrüstet mit den Worten hinzu: „Du ungeratener Sohn, darf man vor Hoschano Rabbo Nüsse essen?"-Den Vergleich weiter auszusühreu, das würde nur die Sache abschwächen. Es sei darum schwankenden Gemütern die Augen geöffnet, sich nicht bethören zu loffcit und zu thun was sie später bereuen könnten. Wie jedes gesunde Staatswesen, muß auch das religiöse Leben tu freiheitlichem Sinne sich entwickeln oder erstarren. Andere können auch anderer Ansicht sein. Ich ehre die Ueberzeugung eines jeden Menschen, wenn sie mit Anstand und Würde vorgetragen wird — wenn aber Westfalen einen Rabbiner endlich bekommen soll — was sicherlich wünschenswert wäre — darf es kein extremer sein, und es liegt keine besondere Veranlassung vor, gerade jetzt einen solchen als begehrenswert erscheinen zu lassen. Ein gemäßigt liberaler, oder ein gemäßigt orthodoxer — was ja ans ein und dasselbe herauskommt — Rabbiner, welcher durch milde Versöhnlichkeit, Rührigkeit und Friedensliebe allein befähigt ist die reichlich vorhandenen, seit dreißig Jahren — seit dem Tode des letzten Rabbiners — aufgehäuften Gegensätze auszugleichen, ist in Westfalen an seinem richtigen Platze. Die Herren sind gewarnt; ob sie darauf hören, ist nach bisher gemachten Erfahrungen in solchen Dingen sehr zweifelhaft, denn wie sagt doch Lessing: „Begreifst du aber, wie viel aud ächtig schwärmen leichter als gut handeln ist!" Dr. Singer-Coblenz. * * * Nachbemerkung der Redaktion. Es ist hier nicht Brauch, einem Redner — will sagen Mitarbeiter — ins Wort zu fallen. Heute müssen wir aber gegen diesen „Minhag" verstoßen und einige Zeilen reproduzieren, die wir vor acht Monaten geschrieben haben. Diese Reproduktion soll eine ermüdende Polemik unnötig machen. Daß wir in der westfälischen Rabbinerfrage auf dem Standpunkte des Herrn Dr. Singer stehen, das wissen unsere Leser; das haben wir vor vier Wochen ausdrücklich betont. Auch darin stimmen wir unserem gesch. Mitarbeiter bei, daß die Anstellung eines Rabbiners, eines wirklichen Rabbiners in Westfalen ein Segen wäre; er würde der sich spreizenden Ignoranz einen Damm entgegensetzen. Der Grund für die Agitation gegen das Vogelsteinsche Gebetbuch ist jedoch ein anderer. In No. 43 vom 25.' Oktober 1895 schrieben wir wörtlich: „Der Streit um Vogelsteins Buch macht auf den unbefangenen Zuschauer einen fast komischen Eindruck. Die nicht endenwollende Polemik, die pathetischen Beschlüsse für und gegen möchten fast den Glauben erwecken, mit dem neuert westfälischen Gebetbuche sei eine neue Offenbarung der Menschheit, zum mindesten der Judenheit verkündet worden, die man entweder verhimmeln oder verketzern müsse. Dem ist in Wirklichkeit nicht so. In fachmännischen Kreisen ist es längst bekannt, daß das neue Gebetbuch eine sehr mittelmäßige Leistung darstellt, daß es modernisierte Gebetbücher giebt, die das Vogelsteinfche überragen sowohl in ihrer Anlage als auch in der Diktion. Diese aber sind nicht so heftig angefeindet worden, weil ihre Herausgeber nicht ambitiös die Kanonisierung der Bücher forderten. Wäre nicht von der einen Seite das Buch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.