Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 26 (26.6.1896)
- Date
- 1896-06-26
- Page
- Seite 438 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 438. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 26. I Mittelmaß übersteigenden Unterricht ihrer Kinder zu sorgen. Die Kehrseite dieses Vorzuges ist ein gewisser Bildungsstolz, der zuweilen zu Anmaßlichkeit und Ueberhebung sich steigert, allerdings immer nur auf der Grundlage der Selbstüberschätzung. Und keineswegs einseitig war die Achtung vor der Bildung; sie galt der profanen Gelehrsamkeit nicht minder als der Gottesgelahrtheit, und die Diplomierung durch einen akademischen oder staatlichen Titel wurde unbedingt für voll angesehen. So ist es gekommen, daß neben dem Reichtum der Titel eine sichere Anwartschaft aus die Wahl in Vorstand und Repräsentanz der jüdischen Gemeinden verlieh. Das gilt überall, für Berlin wie für alle Gemeinden der Diaspora. Der Rechtsanwalt und der Professor, der Justizrat uud der Kommerzienrat stellen für die Leitung der jüdischen Gemeinden das stärkste Kontingent. Das wäre auch heute genau so gut, wie es in einer weniger titelreichen Zeit gut gewesen ist, ivenn nicht die von Einseitigkeit freie jüdische Bildungsachtnng gerade bei den blos modern gebildeten Juden nnerwi«? et geblieben wäre. Ein neues Geschlecht ist ausgewachsen, da . den „Cheder" nur aus Anekdoten, die „Jeschiwah" nur aus herabsetzenden Erzählungen kennt und durch keinerlei positives Wissen gehindert ist, von der Tradition despektierlich, vom Talmud mit dem verächtlichen Mitleid;u reden, das heutzutage nicht einmal mehr der Sohn des Himmels, der Herr des Reiches der Mitte gegenüber den Barbaren Europas empfindet. Diese Laien haben dem Rabbinat und der jüdischen Gottesgelahrtheit gegenüber keineswegs die Ehrerbietung, die vordem die Herrschaft des Laientums in der Gemeinde so wohlverträglich mit der Pflege der Wissenschaft des Judentums und seiner Lehre machte. Diese Laien halten sich fast sämtlich für geborene „Reformatoren", weder durch Pietät noch durch Kenntnis in ihrer „Resorm"-Arbeit behindert. Ferne sei es, jede Reformthätigkeit zu bannen! Auch das religiöse Leben ist ohne Entwickelung nicht möglich, und jede Entwickelung ist Reform. Das Judentum wäre inderthat eine Mumie, hätte es in viertausendjähriger Existenz keine Entwickelung durchgemacht. Me wäre es zu seinem hohen Alter gekommen, hätte nicht das Judentum ebenso wie es seine Bekenner reformierte, auch Reformen im Geiste seiner Bekenner erfahren. Aber wer sich unterfangen will, zu reformieren, der muß kennen und lieben, was er zu reformieren unternimmt. Wer an das Werk herantritt, das Judentum von dein Staub der Jahrhrmderte zu befreien, der darf nicht mit dem geistigen Horizont einer Waschfrau, .nicht mit dem Besen der Kehrfrau an diese Arbeit gehen. So nützlich Kehrfrauen mit ihrem Besen im Haushalt sind — im Hause Gottes soll ihre Hand die Heiligtümer nicht berühren, sollen die Diener Gottes sich nicht zu hoch halten, auch den scheinbar geringen Dienst zu verrichten. In Wahrheit ist der Dienst nicht gering, denn er ist die Voraussetzung für Erhaltung und Läuterung der Ueberlieferung. Unsere „Reformatoren" sind wackere Leute, die mit Kehrbesen und Wischtuch zu hantieren verstehen. Würde aber eine Museumsverwaltung einen Rembrandt oder Tizian zur Reinigung so qualifizierten Männern überlassen? Nicht das geringste Bild ihrer Sammlungen gäben sie solcher Behandlung preis. Für diese Arbeit, zu der sich Hausarbeiter geschickt genug glauben, sind Konservatoren angestellt, die gelehrt und kunstverständig zugleich sind, und nur mit zager Vorsicht die anvertrauteu Schätze berühren. Und noch immer sind sie nicht zage genug, ist ihre konservierende Thätigkeit zuweilen ein Verderb. Hier aber, wo ungleich Größeres aus dem Spiele steht, als ein noch so kostbares Bild, hier walten mit Scheuerlappen und Staubtuch die Leute, denen selbst die Patina, der Edelrost der Jahrhunderte nur Schmutz scheint, und ihre Stumpfsinnigkeit glaubr ein gut Stück Arbeit gethan zu haben, wenn es ihr gelungen ist, den verklärenden tiefen grünen Glanz, den nur die Zeit so köstlich zu bilden vermag, zu stumpfen! Gewiß ist wohlgemeint, was diese „Reformatoren" thun. Aber diese Wohlmeinnng ist ganz subjektiv und mindert nur das Vergehen, nicht den angerichteten Schaden. Sie haben nach Mustern Umschau gehalten und zur Nachahmung empfohlen, was ihnen gefiel, nicht was unserer Eigenart entsprach. Aeußerlichkeiten, die in einem fremden Gottesdienst sich historisch entwickelt haben, wurden auf den unseren übertragen, dem sie wenig ziemten. Das war an sich so schlimm nicht, denn unser Organismus ist stark genug, auch das Fremde sich zu assimilieren. Doch der äußere Schmuck und Zierrat überlud und erdrückte mehr und mehr den Kern, der schnell vergessen wurde, weil man nicht lernte, sich in ihn zu vertiefen, weil die „Reformatoren" bei aller guten Absicht nicht die unentbehAiche Kenntnis dessen besaßen, was sie reformieren wollten. In ihre Reihe traten vielfach Männer, die von dem Judentum blos deshalb sich der Form nach nicht abgewendet hatten, weil es ihrer Redlichkeit widerstrebte, ein anderes positives Bekenntnis abznlegen, dem sie gleichfalls nicht mit Wahrheit sich zuwenden konnten, oder weil sie für schimpflich hielten, sich von einer Gemeinschaft in einer Zeit loszusagen, da diese bedrängt war, und sie den Schein der Feigheit und Fahnenflucht nicht ans sich nehmen mochten. Diese Beweggründe sind anerkennenswert, doch ihre Wirkung bleibt bedauerlich, wenn die innerlich dem Judentum abgestorbeneu Glieder gleichwohl sich befugt halten, die Einrichtungen des Judentums zu modeln. Sie mögen noch so überzeugt sein, daß ihre Aenderungen Verbesserungen sind — sie sollten sich sagen, daß ihnen mehr als jedem anderen der Berus zu solcher Thätigkeit fehlt. Es wäre Unrecht, wollte man allen, die unter dieses Urteil fallen, nachsagen, daß sie ihre Befähigung nicht hinreichend geprüft und zu einem Amte sich gedrängt hätten, dein nicht gewachsen zu sein sie sich bewußt fein mußten. Sie waren über sich ebenso wie über das im Irrtum, ivas sie sich zur Aufgabe gestellt hatten; sie ivoüten reformieren, was sie zu kennen meinten, aber thatsächlich nicht kannten. Die Meisten freilich unterlagen einem Trugschluß, dessen Gröblichkeit gerade der Anlaß für die Menge seiner Opfer gewesen sein mag: die Reformen, zu denen man sich entschloß, betrafen zunächst solche Aeußerlichkeiten, die nicht mehr als „zeitgemäß" angesehen wurden. So wurde altes abgeschafft und durch neues ersetzt. Man braucht durchaus kein laudator temporis acti zu sein, braucht durchaus nicht die Wiederkehr alles dessen zu wünschen, was von unberufener Seite entfernt worden ist, und Nr. *26. kann doch das m seitigung sowobl schlagen werdend' geläufig ist. Bei der Best aber blieb man n der im Grunde man ließ es nichi Feindschaft gegen letzt mit verweg' Thora und «abir darf unerörtert i ist vorhanden, Judentum nie vorläufig - k als stüohnnng Freigeistern ' wollten! Tie meisten worden, öaß das schließlich dem F nicht mehr erleri Ichränkung erfahr Verstehen die In aus das hebräifst dauert. Mich tu wird dies tni eine seltsame n wistenheit, öie! habe, für die si sichtigens wette E örten bleiben, o dacht zum nt: stnigen, die n heimisch sind, auften prunkl durch Ausmei den Gebeten e nyuagoge zn hegen ste der „ft nur cim Sic flih nichts «ne zo siedend den U gleichst meinde