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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-06-19 · 25 (19.6.1896) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
25 (19.6.1896)
Date
1896-06-19
Page
Seite 430 (sequence 10)
Language
German
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Seite 430. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 25. Erinnerungen. Von M. Spiewkowsky, Samotschin.*) Am 3. Dezember 1821 in Gollantsch (Posen) geboren, besuchte ich schon mit 3 Jahren das Cheder (Schule), wo ich Hebräisch lesen und Pentateuch übersetzen lernte. 6‘/4 Jahre alt, sagte ich am ersten Tage Peßach „Maftir" im Tempel und wurde dafür — damaliger Sitte gemäß — mit 5 bis 8 Eiern aus jeder Familie (merkwürdigerweise auch von unfern christlichen Einwohnern) beschenkt, die ich aber mit meinem Lehrer redlich teilen mußte. Mit 8 Jahren begann der Unterricht im Talmud, und nach 3 Jahren war ich soweit darin gefördert, daß ich beim Ortsrabbiner, Rabbi Joel Kohn, schon „lernen" konnte. Vom Unterricht in Bibel, Grammatik re. war keine Rede mehr. Mit 13Vs Jahren verließ ich den von mir hochverehrten Lehrer Rabbi Joel und mein liebes Elternhaus, um in Exin mein Studium fortzusetzen. Hier fand ich 5 „Bachurim" (junge Talmudisten) vor, mit denen ich des Vormittags beim Rabbiner Wolf Klausner und Nachmittags bei dessen Sohn, Rabbi Hirsch Klausner, Talmud studierte oder, wie man damals sagte, „lernte." Bei letzterem hatten wir noch des Morgens nach dem Gottesdienste Bibellesen. Von Bibelübersetzen und -Erklären konnte umsoweniger die Rede sein, als Rabbi Hirsch dieses Gebiet derart beherrschte, daß er nicht nur die ganze Bibel, sondern auch den „Targum" auswendig wußte; er schien auch bei uns eine ziemlich gleiche Fertigkeit vorauszusetzen, indem er nur bei den allerschwierigsten Stellen eine kurze Erklärung gab und — weiter las. Als er einmal durch einen angenehmen Zufall im Studium mit uns gestört wurde (nicht etwa durch irgend ein Geschäft; dieses besorgte ja die Frau!) da zeigte er uns seine Gedächtnisstärke: Jeder von uns hatte das Recht, die Vokale aus irgend einem Bibelverse laut herzusagen, sofort zitierte er den Vers und gab die Stelle an, wo er zu finden sei. Vom Targum und den sechs Ordnungen der „Mischnah", die er ebenso auswendig wußte, mußten wir die Anfangsbuchstaben des Verses oder Abschnittes angeben, und ohne zu überlegen zitierte er das Angegebene. — Eine seltene Leistung! Nach zwei Jahren schnürte ich mein Ränzelchen, um gen Lobsens zu pilgern — selbstverständlich immer per pedes —, wo ich 1 Vs Jahre beim Rabbiner Sutto und dem Bethhamidrasch-Raw, Rabbi Feibel Fränkel, mein Studium im Talmud und in der Gesetzeskunde fortzusetzen bestrebt war. Auch bei *) Am 18. d. M. feiert, wie vor einigen Wochen mitgeteilt, einer der ältesten Repräsentanten des jüdischen Lehrerstandes, Herr Marcus Spiewkowsky in Samotschin, sein 80jähriges Jubiläum. In der Notiz, die sich mit diesem Jubiläum beschäftigte, ist seitens unseres Posener Korrespondenten der Wunsch ausgesprochen worden, der greise Jubilar möchte hier einiges aus seinem Leben mitteilen, da diese Reminiszenzen ein Stück jüdischer Kulturgeschichte enthielten. Diesem Wunsche kommt ein Sohn des Jubilars, Herr Gustav Spiewkowski in Berlin, nach, indem er uns die Autobiographie, die sein Vater für ihn geschrieben, uns zur Verfügung stellt. Wir geben aus dem umfangreichen Schriftstück den Teil, der einen Blick in die Verhältnisse vor 70 Jahren gewährt und darum ein allgemeines Interesse hat, hier wieder, und wünschen dem ehrwürdigen Jubilar, sich noch lange Jahre dieser Erinnerungen erfreuen zu dürfen. Red. Rabbi Feibel fand ich merkwürdigerweise eine ähnliche Gedächtnisleistung wie bei Klausner: Wenn wir eine Nadel durch die Blätter in „Kethuboth" oder in „Chulin" hindurchsteckten, so wußte er anzugeben, welches Wort ans der oder jene Seite gerade beim Nadelstichpunkte steht. — Und dies verstand ein Mann anzugeben, der wirklich nicht den Wert der verschiedenen Münzen wllßte. Sein Gehalt, 2 Mk. 50 Pf. wöchentlich, nahm seine Frau in Empfang. — Nachdem ich nachher noch einige Zeit in Filehne und Schmiegel „lernte", wandte ich mich nach Posen zu Rabbi Sal. Eger. Hier tras ich 18 Bachurim, u. a. auch L. Lazarus aus Filehne, einen alten Bekannten von mir. Neben dem talmudischen Studium suchte ich — gleich den andern „Bachurim" — auch in profanem Wissen, namentlich in verschiedenen Sprachen, Unterricht zu erhalten. Um nicht große Kosten zu haben, suchten immer drei einen Lehrer; bei diesem nahmen wir gewöhnlich 10—12 Stunden und arbeiteten alsdann allein weiter, d. h. wir lernten die Grammatik der Reihe nach ganz auswendig, wie z. B. im Deutschen die Sprachlehre von Heyse, im Französischen von Meidinger u. s. w. Erwähnen will ich hier noch das Charakteristische solcher Sprachstudien. Als der „Fordoner" (den Namen habe ich vergessen) eines Nachmittags den ,Numa Pompilius1 mit einer besonderen Uebersetzung zu mir brachte, um sich von mir prüfen zu lassen (selbstverständlich hatte ich die Uebersetzung vor mir) und von mir hören mußte, daß er nicht einen Satz richtig übersetze, da schlug er die Hände über dem Kopfe zusammen und rief wehklagend: „Mich kostet Latein und Französisch schon 12 Thaler und ich kann noch nichts!" Im Jahre 1841 entschloß ich mich, das Seminar in Posen zu besuchen, und ging heimlich zum Direktor, um mich für die 2. Klasse prüfen zu lassen. Leider ist mein Plan durch einen meiner mit mir zusammenwohnenden drei Kommilitonen verraten und brühwarm Rabbi Eger hinterbracht worden. Ja, es wurde ihm sogar mitgeteilt, ich hätte — horribile dictu! — am 9. Ab in meiner Wohnung nicht in Strümpfen einherspaziert, sondern die Stiesel auf den Füßen behalten. Da entbrannte sein heiliger Zorn derart, daß er beschloß, mich aus Posen jagen zu lassen. Indessen will ich zu seiner Ehre nicht verschweigen, daß er sich vorher noch aufs Varlamentieren legte. Er wollte, so ließ er mir durch seinen Sohn Israel Eger und auch durch seinen Liebling, meinen Freund L. Lazarus mitteilen, für meine Existenz sorgen, wenn ich noch ferner sein „Gabbe" (Famulus) bliebe. Ich hatte nämlich einige Zeit vertretungsweise für den erkrankten „Kempner" (Skolorer hieß er) als Famulus fungiert: U. a. begleitete ich auch Eger ins Badehaus bei Pincus, wo er, eine ganze Stunde in der Badewanne sitzend, Niemeiers Erziehungslehre las; auch mir gestattete er, während dieser Stunde mich mit profanem Wissen zu beschäftigen. Als ich aber trotz dieser geübten Toleranz und aller anderen Versprechungen aus meinem Entschluß beharrte, zeigte er der Polizei an, daß ich an seinem talmudischen Vortrage nicht mehr teilnehme (eine solche Bescheinigung bekam jeder Bachur beim Antritt), infolgedessen ich von der Polizei sofort ausgewiesen wurde. Nur durch Fürsprache eines frommen Mannes, Meyer Munk, dessen Kinder Paul und Rosalie bei

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