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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-06-19 · 25 (19.6.1896) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
25 (19.6.1896)
Date
1896-06-19
Page
Seite 429 (sequence 9)
Language
German
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Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 429. geschieden Aufhebu eheliche Aufhebung welchem Ansehung Aufhebung lnd andere zu einer christge Personen fauch solche, cen> sind der kirchlichen die ohne kirchliche Tran- Tie obligatorische Zivilehe er Statistik zu den christoncn beseitigen und dafür lg einführen. Das Recht ,d.h. den Juden erhalten z bisher in Deutschland an irden ist. Wir wären sonst geheuerlichen Antrag mit egzugehen. Aber die Ernns die Empfindung beizlich und ungeheuerlich ist, tat im Reichstage rechnen der \\4 I i * sJir. 25. Feuilleton. Ein jüdisches LergvolK. Welligen dürfte es bekannt sein, daß am Kaukasus unter den dortigen eingeborenen Bergstämmen auch ein Häuflein Inden lebt, welches nicht mehr als 20000 Seelen zählt, die bisher unbekannt, wann, woher und unter welchen Verhältnissen sich am Kalikasus ansiedelten und daselbst einen Stamm bildeten, welcher sich durch nichts von den ihn umgebenden Bergbewohnern unterscheidet, aber dagegen nur noch äußerst geringe gemeinsame Merkmale mit den europäischen Inden besitzt. Die vollständige geographische Vereinsamung dieses Stammes, das Klima, sowie die Nachbarschaft der eingeborenen Gebirgsstämme und der unwiderstehliche Einfluß der sie umgebenden Natur erzeugten eine derartig durchgreifende Wirkung aus die Entwicklung und Lebensführung dieser jüdischen Bergbewohller, daß ihre ursprünglichen angeborenen Stammeseigenheiten von Grund aus geändert wurden und hierdurch ein höchst interessanter Beleg einer vollständigen Acclimatisation nild ein höchst lehrreiches Beispiel einer bis ins kleinste nachweisbaren Assimilierung dieser jüdischen Bergbewohner mit den übrigen autochthonen Gebirgsstämmen am Kaukasus entstand. Für die unterschiedlichen modernen Theorien, welche der Antisemitismus haufenweise gegen den Juden konstruiert, um seine Angriffe auch in quasi wissenschaftliche Formen zu kleiden, ist es sehr zeitgeiiläß, die Entwicklung dieses Bruchteiles der jüdischen Emigratioll am Kaukasus kennen zu lernen, von dessen Existenz bei uns bis vor kurzem überhaupt nichts bekannt war, weil selbst russische Quellen diese jüdischen Bergbervohner am Kaukasus uicht näher erwähnten. Erst vom Jahre 1867 an widmeten die ethnographischen Forschuilgsreisendeil auch dieser handvoll kaukasischer Juden ihre Aufmerksamkeit. Josef Cerny bereiste den Kaukasus behufs grülldlicher Erforschung der dortigen jüdischen Einwohner und veröffentlichte die Ergebnisse seiner Nachforschungen in einem den kaukasischen Bergbewohnern gewidmeten russischen Sammelwerke unb in hebräischen Auszeichnungen, welche nach seinem Tode fragmentarisch durch Dr. Harkawi veröffentlicht worden sind. Später berichtete der namhafte russische Schriftsteller Wladimir Nemirowsz Dan Cenko seine Wahrnehmungen über den jüdischen Gebirgsstamm in seiner Schrift: „Das kriegsfähige Israel." Auch Anisimov, selbst Jude und Abkömmling dieses kaukasischen Gebirgsstammes, lieferte über seine Stammesgenossen eine Studie „Die jüdischen Gebirgsbewohner am Kaukasus." Der Hauptinhalt dieser Schrift wurde in der Zeitschrift „Voschod", Jahrgang 1879, l, II. und III. Heft in Petersburg veröffentlicht. Die jüdischen Bewohner des Kaukasus nahmen viele heidnische Lebensanschauungen und Gewohnheiten an. Der jüdische Gebirgsbewohner glaubt an einen einzigen Gott, aber dabei dennoch auch an eine Menge Geister, welche die Natur und die Menschen beherrschen. Der Typus des jüdischen Gebirgsbewohners unterscheidet sich in gar nichts vom Typus der ihn umgebenden tscherkessischen und lesghinischen Nachbarn. Die Einrichtung seiner Wohnstätte und namentlich der be rüchtigte Mangel an Ordnungssinn kennzeichnet die Ansiedelungen dieser Juden genau so wie jene aller übrigen kaukasischen Gebirgsstämme. Sie tragen die gleiche Tracht wie die autochthonen Einwohner und so wie alle Gebirgsbewohner legen auch die kaukasischen Juden niemals die Waffe ab. Wie bei allen Kaukasiern, lastet auch bei dem Juden alle Hausarbeit auf den Schultern des Weibes, welchem die Sorge um das gesamte Anwesen obliegt. Diese jüdischen Bergbewohner leben in Vielweiberei, haben aber selten mehr als zwei Weiber. Die Männer verbringen zumeist ihr ganzes Leben in einem dolce far niente. Ihre Familieneinrichtung verharrt bei dieser niedrigen Zivilisation selbstredend noch ans patriarchalischer Grundlage. Wir finden daselbst dieselbe gesellschaftliche Stellung des Weibes, den Verkehr beider Geschlechter, Verlobungen und Vermählungen, alles genau so wie im Oriente; das Weib lebt abgeschlossen und einsam. Gebräuchlich ist der Kauf der Weiber, welcher „Katyn" genannt wird. Ein Weib hat mindestens 150 Silberrubel Wertes. Selbstverständlich ist die Kultur dieses Judenstammes in seiner totalen Abgeschlossenheit noch sehr primitiv und blos 6,26 pCt. dieser jüdischen Gebirgsbewohner sind des Lesens kundig, alle übrigen sind Analphabeten. Sie besuchen dieselben Schulen wie die übrigen Eingeborenen; diese Schulen gleichen vollständig dem uralten Cheder. Auch die althergebrachte Art der primitiven einheimischen Heilkunde des Volkes behielten sie bei. Ihr wirtschaftlicher Entwicklungsgrad ist natürlich ein sehr niedriger, sie leben höchst dürftig und armselig. Von 2585 Familien besitzen blos 195 ihre eigenen Heimstätten mit armseligen Berghütten, die kaum den notdürftigsten Schutz gewähren. Ihre Agrikultur entspricht dem sonstigen primitiven Stadium ihres Kulturzustaudes und ist begreiflicherweise auch sehr wenig ergiebig. 20000 jüdische Gebirgsbewohner besitzen blos 2.868 Desjatinen^) Bodens, so daß aus eine Person nur 0,11 Desjatinen entfallen und selbst voll diesem spärlichen Besitzstände ist ein beträchtlicher Teil unfruchtbar. Der Handel in diesen unwirtsamen Gegenden ist an und für sich sehr schwach, sehr unentwickelt und äußerst primitiv und auch dariil nahmen die jüdischen Gebirgsbewohner gänzlich das Wesen der Eingeborenen an, daß sie keinerlei Handel betreiben, sondern nur ihre nötigsten Lebensbedürfnisse eintauschen. Ein ziemlich großer Bruchteil, 10 pCt. der kaukasischen Juden, iilnß Frohndienste leisten. Sie zeichnen sich jedoch durch Solidarität aus, welche ihnen die Möglichkeit bietet, in Fätteil gemeinsameil Bedarfes einander gegenseitig auszuhelfen. Für größere wirtschaftliche Bedürfnisse, wie beispielsweise zu Häuserbauten und dergleichen, vereinigen sich alle zu gemeinsamer Thätigkeit, die ganze Ansiedlung wird aufgeboten, um dem Nachbar Hilfe zu leisten. Nennenswert ist ihre große Wohlthätigkeit, z. B. beim Aussalzen des Fleisches und der Eingeweide wird ein Teil davon an arme Witwen verschenkt. R. L. *) 1 Desjatme 2400^° l'/2 Joch.

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