Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- Seite 416 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 416. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 24. Familien. Das also, Herr Graf, ist Ihr Wohnzimmer und nebenan ist Ihr Schlafzimmer, das meine Tochter soeben in Ordnung bringt. Komm Gitele, es ist spät, wir wollen nach Hause gehen." Dem Rufe des Vaters folgend trat Gitele aus der Schlafkammer ins Zimmer und verbeugte sich vor dem Grafen, der trunkenen Blickes auf die Mädchengestalt vor ihm schaute. Solch ein Bild holder Jungfräulichkeit hatte er noch nie gesehen und der Mann, der in Berlin mit den ersten Schönheiten der Residenz in täglichem Verkehr gewesen, mußte sich gewaltsam aufraffeu, um dem schlichten Judenmädchen einige Dankesworte sagen zu können. „Wie mir Ihr Vater mitteilte, hatten Sie die Güte, diese Zimmer so schön und wohnlich für mich einzurichten," begann der Graf an Gitele sich wendend, „nehmen Sie dafür meinen besten, innigsten Dank. „Bitte Herr Graf," erwiderte das Mädchen, „was ich gethan ist eines Dankes wohl nicht wert. Mein Vater hat mir den Auftrag gegeben, diese Zimmer herzurichten, und ich that, was in solch einer kurzen Zeit möglich gewesen. Uebrigens war es mir Herzenssache, mit Opferfreudigkeit da einzugreifen, um dem Franzosenkaiser ein Opfer wenigstens zu entreißen." „Sie scheinen die Schwärmerei der Süddeutschen für Napoleon nicht zu teilen?" frug der Graf. „Ganz und garnicht, gnädiger Herr," erwiderte Gitele, „ich bin eine gute Preußin und liebe mein Vaterland und das angestammte Königshaus, wenn auch den Juden jene heiligen Menschenrechte vorenthalten werden, deren sich der ärmste Christ erfreuen darf." Gitele hatte sich hoch aufgerichtet, als sie sprach, mit blitzenden Augen blickte sie den Grasen an, der erstaunt und sprachlos ihr gegenüber stand. Reb Chaim weidete sich einige Augenblicke an dem Erstaunen des Grafen. „Nichts für ungut," begann er endlich, „kann das Mädel nicht sprechen wie ein Buch? Habe meine Tochter in Breslau erziehen lassen, hat mich ein schweres Geld gekostet, habe es aber nicht umsonst ausgegeben. Nun ein paar Thaler sind mir trotzdem übrig geblieben, die bleiben meinem Kinde und die sollen die Franzosen und Süddeutschen nicht finden und wenn sie noch so klug sein sollten. Gute Nacht denn Herr Graf, seien Sie außer Sorgen und nehmen Sie mit unserer Kost fürlieb; Gitele, die hier oft ein- und ausgeht, wird Ihnen Nachricht bringen, was außerhalb des Hekdesch vorgeht." Mit diesen Worten entfernte sich der Bal Tebah mit seiner Tochter und seinem Freunde und ließ den Grafen mit seinen Gedanken und Gefühlen allein. Am nächsten Tage kam ein Detachement Franzosen nach Z. Das Schloß wurde sofort besetzt und jeder Winkel in demselben vom Dache bis zum Keller durchsucht. Der Graf wurde natürlich nicht gefunden und der Rentmeister versicherte dem kommandierenden Offizier, daß sein Herr gestern abgereist sei, wohin wisse er nicht. Auch der Bürgermeister und Pfarrer des Ortes, die aufs Schloß zitiert morden, gaben die Versicherung, daß Graf M. nicht in Z. sei, worauf hin die Nachforschungen nach dem Gutsherrn eingestellt wurden. In dem Grenzstädtchen, das ärmlich genug aussah, schien es den Franzosen nicht zu behagen, schon nach wenigen Tagen zogen sie wieder ab, um sich ihrem Regimente, das in der Gegend von Münsterberg Lager bezogen, anzuschließen. Der Bal Tebah hielt Wort. Gitele kam täglich ins Hekdesch, berichtete dem Grafen, was im Schlosse vorgegangen und was sonst für Kunde aus dem Lande bis zu ihnen gedrungen. _ (Schluß folgt). Kiese aus Krähivinlikl. Von D. Dalles. IV. Hochgeehrter Herr Chefredakteur! Wie ich Ihnen in einem meiner ungedruckten Berichte geschrieben habe, ist im vorigen Jahre von mir und meinem Nachbarkollegen Dalson in Dallesrode — ich schreibe Ihnen noch darüber — eine Konferenz gegründet worden. Ich wurde zum ersten und mein Kollege zum zweiten Vorsitzenden gewählt, und seit einem Jahre bemühen wir uns Mitglieder zu gewinnen. Zwei Mitglieder, beide als Schochtim geprüft, haben sich gemeldet und am 2. Psingsttage sollte die erste Vereinsversammlung stattfinden. Allein gleich in diesem ersten Jahre mußte die Konferenz verschoben werden. Unser zweiter Vorsitzende mußte nämlich als Delegierter zu einer Nachbar-Konferenz reisen, wo er, wie er in einem lichtvollen Memorandum an den Vorstand entwickelte, Anregungen zu sammeln und sich über den Gang einer solchen Konferenz zu informieren gedachte. Ich war also genötigt, mit der Aufstellung der Tagesordnung und Versendung der Einladungen zu warten, bis das Referat meines Kollegen eingegangen sein wird. Das ist nunmehr geschehen, und ich ersuche Sie, unsere motivierte Tagesordnung in der nächsten Nummer Ihres Blattes bekannt zu geben und diese stummer sämtlichen Vereinsmitgliedern „eingeschrieben" zuzusenden. Ich darf Ihnen Hoffnung machen, daß die „Wochenschrift" wahrscheinlich als offizielles Vereinsorgan bei der Konferenz publiziert werden wird, namentlich wenn Sie sich bereit erklären, unseren Vereinsmitgliedern das Blatt zu einem ermäßigten Preise abzugeben — ich schreibe Ihnen bald darüber. Heber die Eindrücke, die mein Kollege, unser Herr zweiter Vorsitzender und Delegierter, auf der Konferenz empfangen, schreibe ich Ihnen noch; heute will ich einige seiner geistreichen Beobachtungen, die von großem Scharfblick zeugen, hier Mitteilen. Die einleitenden Verhandlungen hat er leider nicht gehört, weil er von einem achtstündigen Marsche ermüdet war, und bei dem nachfolgenden Lehrpensum war er eingeschlafen. Dagegen hat er mit Ausdauer den Gang der Verteilung von Reiseentschädigung vom Anfang bis zum Ende verfolgt und uns — d. h. dem Vereinsvorstand — hierüber Mitteilung gemacht. Für diese Konferenz hatte nämlich der O. I. G. B. in munisicenter Weise wieder nur 25 Mark bewilligt, die unter 12 Teilnehmern verteilt wurden. Die auswärtigen Kollegen sind per Bahn, per Beine und per Fahrrad zur Konferenz gereist, und nun wurde folgender genialer Verteilungsmodus angewendet: Die Bahnsahrer erhielten vorweg je eine Mark; die Besitzer eines Fahrrades eine Flasche Oel, und die Fußgänger den Preis für ein Paar Stiefel-Absätze. Den Rest der vom D. I. G. B. bewilligten Summe wurde dann gleich-