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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-06-12 · 24 (12.6.1896) · p. Seite 414

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
24 (12.6.1896)
Date
1896-06-12
Page
Seite 414 (sequence 10)
Language
German
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Seite 414 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. 9!r. 24. Klassischer Antisemitismus. Von Camilla Tauber, Prerau. (Schluß.) Aber andererseits lag etwas in dem Charakter und den Institutionen der Juden, was die heidnische Welt ebenso stark abstoßen mußte, als die hehren Prinzipien ihrer Religion ihnen Achtung und Respekt verschafften. Was das Heidentum den Inden zur Last legte, beruhte auf zwei Punkten, welche Reinach als religiöse Exklusivität und soziale Exklusivität bezeichnet. Was den ersteren Punkt betrifft, machte schon die Thatsache, daß die Griechen und Römer selbst gegen fremde Gottheiten so gastfreundlich waren, es ihnen unmöglich, ruhig zu beobachten, wie eine Nation so anmaßend sein konnte zu glauben, daß sie, und nur sie allein, den einzig wahren Gott verehre. Daß ein Volk seinen besonderen National-Gott haben sollte, den es allen anderen vorzog, konnten sie leicht begreifen, da sie selbst derartige Götter hatten. Aber die Existenz anderer Gottheiten absolut zu leugnen, im Tempel des Rimon weder vor der Statue eines olympischen Gottes noch vor der eines vergötterten römischen Kaisers sich beugen zu wollen, die Bilder der Götter des Staates oder einer Stadt zu zerstören, so den Griechen und Römern die Freude an der Verehrung ihrer eigenen Gottheiten nicht lassen zu wollen — daß eine Nation so vorgehen könne, dies konnten die Griechen ebensowenig fassen wie die Römer. Sogar die Philosophen waren über die Annahme empört, ihre ureigensten und höchsten Ideen seien überholt durch eine schon Jahrhunderte früher und ausschließlich nur dem kleinen Stamme in Palästina gegebene Offenbarung. Die verwundete Eitelkeit fügte schließlich beleidigten Patriotismus und verletzte Loyalität hinzu, um über die sich selbst aufopfernden Häupter dieser rgens contumelia numinum insignis“ alle Arten von Schmähungen auszugießen, welche die Menschheit für jene kennt, die von den bestehenden Religionen abweichen; und wenn die Juden Atheisten und Verehrer falscher Götter in einem Atem genannt wurden, so zeigt dies nur die blinde Wut, in welche ihre Ankläger geraten waren. Mose ist bald ein egyptischer Priester, bald ein Weib. Ter Gott der Juden war der Himmel, die Wolken; bald wieder war es Sabatius oder Bacchus. Die Juden — sagten ihre Verleumder — hatten nie ein in Stein gehauenes Bild; sie sagten auch, ihr Haupt-Idol wäre ein goldener Esel im Allerheiligsten. Tie Gebräuche der Religion der Hebräer, unter welchen die Heiden am besten die Beschneidung kannten, die Heiligung des Sabbats und das Verbot des Schweinefleisches, wurden zur Zielscheibe von hunderten von Witzen. Manchmal wurden ihnen ganz willkürliche und imaginäre Riten angedichtet. So zum Beispiel die Eselverehrung. Hier haben sich die Heiden auf einem ziemlich schlüpfrigen Gebiete befunden; denn die Juden konnten ja aus die Eselsopfer für die Winde zu Tarent und auf die der Hyperboräer für Apollo Hinweisen; oder, um nicht weit zu gehen, auf die Auferlegung eines derartigen Opfers, in mehr als einem Beschlüsse der Amphiktyonen zu Delphi. Die schädlichste aller Anklagen war jedoch die der siebenjährlichen Opferung eines eigens zu diesem Zwecke gehaltenen und gemästeten Griechen auf dem Altäre des Judengottes. Was nun die „soziale Exklusivität" betrifft, waren die Griechen, welche jeder nichthellenischen Nation, selbst der zivilisiertesten, den Titel „Barbaren" beilegten, das letzte Volk der Erde, das berechtigt gewesen wäre, dem Kampfe der Juden zur Erhaltung ihrer Individualität entgegenzutreten. Denn, wenn die Hellenen soziale Einheit predigten, verstanden sie darunter nur eine dem hellenischen Muster gleiche. Es waren sehr wenige von ihren Eigenschaften, die sie bereit waren der allgemeinen Harmonie wegen aufzugeben. Die Juden besaßen natürlich dieselbe Ambition, daß nämlich ihre Wege die der ganzen Welt werden sollten; da sie jedoch gegenüber der Propaganda für den Hellenismus in der Minorität waren, waren sie gezwungen, desto mehr unter einander Einigkeit inbetreff ihrer eigenen Justitutionen zu bewahren und sich desto fester mit undurchdringlichen Barrieren zu umgeben, wenn sie nicht gänzlich unterdrückt werden wollten und wenn ihre Individualität von der herrschenden Zeitströmung nicht verwischt werden sollte. So sagt ja Haman zu Ahasveros: „Da lebt ein gewisses Volk, ringsherum zerstreut und verbreitet unter Deinem Volke in allen Provinzen Deines Königreiches; mib ihre Gesetze sind verschieden von denen aller Völker; noch halten sie des Königs Gesetze; daher ist es nicht des Königs stutzen, sie zu dulden." „Die Juden," sagt Philostratus, „sondern sich nicht nur von den Römern, sondern von der ganzen Menschheit ab. Ihre Lebensart ist ungesellig; sie wollen weder ihre Mahlzeiten, noch ihre Gebete, Libationen und Opfer mit uns gemein haben. Wahrlich, Susa, Bactria und sogar die Bewohner Indiens stehen uns näher als sie." Dies war eine Art von Exklusivität, welche das heidnische Altertum vielleicht schwerer verstehen und verzeihen konnte, als die Verschiedenheit der Religion. Das gesellschaftliche Leben der Griechen und Römer — es mag paradox klingen — war fast ausschließlich ein öffentliches Leben und spielte sich unter freiem Himmel ab. Es äußerte sich in Festivitäten, Banketten, Spielen, Theatervorstellungen unk Staatsversammlungen jeder Art. Von all dem hielt sich der Jude fern; und was sein Privatleben betrifft, wollte er mit den Heiden nicht essen, noch durften seine Töchter die Führer des gesellschaftlichen Lebens heiraten. Dieses systematische Sich-ausschließen, welches sogar bei einer Nation von Siegern den Alten ein Greuel gewesen wäre, war deshalb desto verhaßter, weil es von einer bloßen Handvoll von Leuten betrieben wurde, welche besiegt aus einer Ecke der Welt gekommen waren. — Aber noch ein anderer Gedanke erbitterte die Herzen der griechischen Bourgeoisie und machte sie die Juden so bitter hassen, daß es noch heute dem judenseindlichen Kaufmanne genügen würde. Ein Wirkungskreis war im Leben, der die Juden heraustreten und sich unter die anderen Menschen mischen ließ. Das war der Handel, und hierin waren sie die Konkurrenten der Griechen selbst! Kommerzielle Privilegien wurden ihnen überall gewährt, von den macedonischen Königen und römischen Imperatoren; sie erlangten das römische Bürgerrecht in Rom und wurden griechische Bürger zu Antiochus, Ephesus und Alexandrien. In letzterer Stadt, welche die griechische Messe des Ostens wurde, entstand die erste bedeutende jüdische Kolonie; hier war es, wo der griechische Groll gegen die Juden seinen grausamsten und ungerechtesten Ausdruck fand; hier entdecken

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