Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- Seite 412 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 412. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 24. „reaktionäre" Allg. Israel. Wochenschrift und den „schwarzseherischen" Dr. Bernfeld. Letzter Ausdruck verstärkt in uns den schon lange gehegten Verdacht, die „Deborah" werde von einem unserer in Amerika eingewanderten östlichen Stammesgenossen redigierr. Kann aber die „Deborah" von diesem nicht mehr jüdisches lernen, als sein Deutsch? Jedenfalls sind die Bemerkungen dieses Blattes nicht nur überseeisch, sondern auch recht überflüssig. — Die rumänische Königin und der kleine jüdische Geiger. Man meldet aus Bukarest: Bronislav Hubermann, der kleine jüdische Geiger, begeistert mit seinem Meisterspiele seit zwei Monaten ganz Rumänien. In Bukarest selbst gab er sechs ausverkauste Konzerte, was bisher noch keinem Künstler gelang. Besonders die kunstsinnige Königin zeichnete ihn wiederholt durch verschiedene kostbare Geschenke aus und am 22. Mai, am Tage des Krönungsjubiläums, wurde Hubermann vom König zum Kammervirtuosen ernannt. Interessant ist ferner, daß die Königin zum Andenken für sich ein Porträt Hubermanns malte, welches ihn mit Flügeln darstellt. Aus seine Frage, was diese zu bedeuten hätten, antwortete die Herrscherin: „Wer so Bach spielt, wie Du, der ist ein Engel." In das Album Hubermanns schrieb sie: Die Seele ist kein Kind, die schreitet groß Bon Anbeginn dahin durch Erdenkleinheit Und kommt ein Sonnenstrahl aus Gottes Schoß Von Menschen unberührt in Himmelsreinheit. Darum hat über Alle sie Gewalt, Weil kindlich rein sie doch Aeonen alt. —- Die Bibelgesellschaft. Gegenüber dem Pavillon für Bergwerks- und Hüttenwesen aus der Millenium-Ausstellung in Budapest, unmittelbar neben dem Justiz-Pavillon, befindet sich der kleine Pavillon der britischen und ausländischen Bibelgesellschaft, welche in demselben ein Bild ihrer, die ganze Welt umfassenden Thätigkeit gibt. Wir finden da Bibeln nicht nur in allen europäischen Sprachen, sondern auch japanische, chinesische und hindostanische Bibelausgaben. Ein kleines, im Pavillon erhältliches Heft gibt die Uebersetzung eines einzigen Bibelspruches in 320 Sprachen wieder, und das sind noch lange nicht alle Sprachen, in denen von der genannten Gesellschaft die Uebersetzung der heiligen Schriften veranstaltet worden ist. Zwei Tafeln geben statistische Ausweise über die Thätigkeit der Gesellschaft in den Ländern der ungarischen Krone. Die eine zeigt die Gesamtverbreitung in den letzten zwanzig Jahren. Während im Jahre 1875 nur 26 442 Exemplare abgesetzt worden sind, ist im Jahre 1895 des Absatz auf 74 171 Exemplare gestiegen. Auf der anderen Tafel ist die Verbreitung in den letzten Jahren nach Sprachen geordnet; es wurden unter anderem in deutscher Sprache 11 071, in rumänischer 8721, in slowakischer 6190, in serbischer 4220, in ungarischer Sprache jedoch 37 616 Exemplare verbreitet. Gerade zum Millenium ist eine neue Bibelausgabe (gedruckt bei Viktor Hornyänßky in Budapest) sertiggestellt worden. Diese in 4° Format mit schönem, großem Druck, ist in Leder-Einband zum Preise von 2 fl. 50 kr. zu haben. Als Andenken an die Millenium-Ausstellung erhält jeder Besucher des Pavillons einen Teil des Neuen Testaments in einer der Landessprachen gratis. Seit Eröffnung der Ausstellung sind von solchen Theilen schon 12 000 abgegeben worden. Was thun aber unsere Glaubensgenossen zur Verbreitung des Gotteswortes? Feuilleton. Ilaläflina auf der Berliner Gmerbe-Aiisllelliiilg. Von Dr. S. Bernfeld. Vor Jahren hegte ich den innigsten Wunsch, das heilige Land, diesen klassischen Boden, auf dem die religiöse Weihe entstanden ist, zu besuchen. Ich stand damals dem Orient auch räumlich näher und glaubte die Gelegenheit benutzen zu können, meine Sehnsucht, die Stätte, auf der die gottbegnadeten Propheten geweilt, mit meinen Augen zu schauen, endlich zu befriedigen. Palästina war von jeher das Land meiner Träume; es ist der Erdpunkt, der für die Entwickelung der menschlichen Kultur die höchste Wichtigkeit hat, der. Boden, auf dem die göttliche Offenbarung gereift und herrliche Früchte getragen, wo die erhabensten Ideale der Menschheit verkündet worden, wenn sie auch bis heute ihre Verwirklichung nicht gefunden, vielleicht auch niemals finden werden. In Palästina ist der hohe Gedanke von der Einheit des Menschengeschlechts entstanden, ein Gedanke, welcher zuerst in dem klassischen Heidentum einen starken Gegner gefunden und später durch religiöse Gegensätze noch mehr verschärft worden ist. — Jndeß habe ich stets Scheu getragen, meinen Wunsch zur Ausführung zu bringen; ich fürchtete nämlich, durch die Wirklichkeit enttäuscht zu werden und eine Illusion zu verlieren, welche mir durch viele Jahre wie ein glänzender Stern am Firmament erschien. Wer im Leben all' seine Ideale nach und nach durch die rauhe Wirklichkeit der Thatsachen entweiht sieht, der wird Bedenken tragen, die letzte Summe aus der Sparbüchse seines Glaubens an eine höhere Weltordnung zu opfern. Wenigstens sollte mir der Glaube au eine bessere und schönere Vergangenheit ungeschmälert bleiben, und die Erscheinungen der Gegenwart sollen nicht den Eindruck verwischen, den auf mich die Schilderung einer früheren glorreicken Zeit gemacht. Mit einem Worte: ich wollte mich in das biblische Zeitalter des jüdischen Stammes versenken und in diesen Träumen durch keine trübe Erscheinung der Gegenwart gestört werden. Vor einiger Zeit las ich in den Zeitungen, daß auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung auch eine separate Ausstellung landwirtschaftlicher und gewerblicher Produkte aus den jüdischen Ackerbaukolonien in Palästina veranstaltet wird. Ich war fest entschlossen, diese separate Ausstellung niemals zu sehen, denn ich dachte mir, es würde sich wiederum um eine der vielen Schaustellungen handeln, die auf jeden ernsten Menschen einen kläglichen Eindruck machen. Man kann sich ja, wenn man durch die Straßen Berlins wandelt, kaum vor den vielen Tingel-Tangels retten, die uns aus Schritt und Tritt daran erinnern, wie bestialisch schmutzig der Mensch sein kann; und als ich hörte, daß die Palästina-Ausstellung in der Nähe jenes Raumes sich befinde, in dem der Ekel erregende Bauchtanz