Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-06-05 · 23 (5.6.1896) · p. Seite 402

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
23 (5.6.1896)
Date
1896-06-05
Page
Seite 402 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610131--1469-9610145
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 402. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 23. von ca. 70 Mitgliedern besucht war. Nachdem der Vorsitzende, Herr Hauptlehrer Graf-Essen, die Sitzung gegen '/,3 Uhr eröffnet hatte, begrüßte HerrRabb. Or. Auerbach die Versammlung namens des Vorstandes der hies. Synagogen-Gemeinde, woraus in die Beratungen: Kassenbericht, Aenderung der Statuten rc. eingetreten wurde. Hieran schloß sich ein Vortrag des Herrn Hauptlehrer Andorn-Crefeld über: „Anwendung der wissenschaftlichen Pädagogik aus den israelitischenReligionsunterricht." Nach Schluß dieses Vortrages und der an denselben sich anschließenden Diskussion, erstattete Herr Prediger Lippmannsohn- Minden einen längeren Bericht über den gegründeten Verband der jüdischen Lehrervereine Deutschlands, womit die Konferenz am ersten Tage ihr Ende erreicht hatte. Abends versammelten sich die Teilnehmer zu einem gemeinschaftlichen Essen im Hotel Falk Am zweiten Tage nahm die Versammlung zunächst den „Bericht der Kommission zur Herbeiführung einer gesicherten Stellung der jüd. Lehrer" (Res. Herr Baum-Rheine), entgegen, schritt dann zur Nachwahl eines stellvertretenden Vorstandsmitgliedes und trat schließlich in den letzten Punkt der Tagesordnung: „Freie Besprechungen" ein, welche sich bis gegen 1 Uhr ausdehnten. S* Hamburg, 1. Juni. Der alte rüpelhafte Antisemitenstil stirbt nicht aus. Das hier erscheinende „Deutsche Blatt" vom 22. Mai enthält in seinem Annoncenteil einen Totenkopf und ein paar Beinknochen, darunter die Inschrift „Judengift"!! in Einzel-Dosen. Dosis Nr. l. Für 30 Pfg. in der Geschäfrsstette d. Bl. zu haben." B. Stuttgart, 1. Juni. Der „Staatsanzeiger" veröffentlichte einen interessanten Bericht über den Stand der gerichtlichen Strafanstalten Württembergs i. I. 1895. Nach diesem Berichte befanden sich unter 1809 Gefangenen 758 katholische, 1057 evangelische, 7 jüdische — 0,39 pCt. während die Prozentzahl der jüdischen Einwohner fast das doppelte (— 0,6 pCt.) beträgt. Am 1. Januar 1896 wurden die Gymnasien und Lateinschulen Württembergs von 5914 evangelischen, 2182 katholischen und 269 israelitischen Schülern (3,2 pCt.) besucht, die Realschulen von 7547 evangelischen, 1281 katholischen und 318 israelitischen Schülern (— 3,5 pCt.), die Elementarschulen (Vorbereitungsanstalten für die gelehrten Lehranstalten) von 2046 evangelischen, 244 katholischen und 8 israelitischen Schülern (= b,7 pCt.) besucht. Von 10000 Württembergern besuchten 84 eine höhere Schule, von je 10000 Katholiken 53, Protestanten 93, Israeliten 590, was davon herrührt, daß diese größtenteils in den großen Städten wohnen, wo es an jüdischen Volksschulen fehlt. Seit Jahrzehnten findet kein Lehrerjüdischer Konfession an den höheren Schulen Verwendung; erst seit kurzem ist der Kandidat Spiro als Hilfslehrer an der Realanstalt in Ellenwangen angestellt. X Wien, 1. Juni. Der antisemitische Bürgerklub des Wiener Gemeinderates beschloß, von 22 Stellen im Stadtrate, der die eigentliche Verwaltung Wiens führt, sechs den Liberalen zu überlassen. Diese nahmen das Angebot an und stellten unter ihren Kandidaten auch den früheren Stadtrat Stiaßny, einen Juden, auf. Der Bürgerklub antwortete den Liberalen, es dürfe grundsätzlich kein Jude zum Stadtrat gewählt werden. Die Liberalen beschlossen, diese Antwort als frivole Herausforderung zurückzuweisen, auf die angebotenen Stadtratstellen insgesamt zu verzichten und bei der Wahl leere Stimmzettel abzugeben. In einer Nachwahl wurden hierauf auch die sechs übrigen Aemter an Antisemiten vergeben. O Prag, Ende Mai. Wie s. Z. berichtet, hatten die Dienstmädchen Sophie Nemluvil und Emilie Schwab in Mährisch-Trübau bei dem dortigen Gemeindeamte angegeben, daß sie öfter nachts im Schlafe stechende Schmerzen an Füßen und Armen verspürten und Tags darauf Kopfweh hatten, woraus sie folgerten, daß ihr Dienstherr, der Kaufmann Moriz Möller, ihnen gleichwie früher der Magd Philomena Waelawek im Schlafe Blut abzapfe. Letztere, bei dem Gemeindeamts vernommen, erklärte, sie habe dies den beiden Mädchen nur zum Scherze gesagt, und alles sei erlogen gewesen. Die Waelawek, welche später, als sie beim Brünner Landsgerichte vernommen wurde, diese Aussage widerrief, wurde in Haft genommen, und das Ergebnis der Untersuchung war eine gegen dieselbe erhobene Anklage wegen Verleumdung. Vorige Woche fand nun vor einem Erkenntnissenate in Brünn die Verhandlung gegen Philomena Waelawek statt. Die Angeklagte verwickelte sich bei ihrem Verhör in Widersprüche und behauptete, sie habe ihre Aussage vor Gericht und beim Gemeindeamte aus Angst gemacht. Sophie Nemluviel und Emilie Schwab bestätigen, daß ihnen die Angeklagte wiederholt von dem „Blutabzapfen" Mitteilung gemacht habe. Diese Beiden sowie auch die Waelawek erklärten aber, den verdächtigen Kaufmann niemals an ihrem Bette gesehen zu haben. Die Waelawek fügte hinzu, sie habe wohl Schmerzen gefühlt, aber nichts gesehen, weil sie weiterschlief. Die Verhandlung endete mit der Verurteilung der Angeklagten zu drei Monaten schweren, mit einem Fasttage alle vierzehn Tage verschärften Kerkers. Gegen Sophie Nemluvil und Emilie Schwab ist beim Bezirksgerichte in Mährisch-Trübau noch die Ehrenbeleidigungsklage des Herrn Möller anhängig. X Lemberg, 1. Juni. In Jzbica, einem galizischen Städtchen fand man unlängst auf dem jüdischen Friedhofe ein Grab geöffnet, und daraus fehlte die Leiche eines kurz zuvor beerdigte« fünfjährigen Kindes. Die Nachforschungen der Behörden blieben längere Zeit erfolglos. Später fand man auf dem Felde in der Nähe einer Schafhürde einen Kochtopf mit den Resten einer fremdartigen Flüssigkeit, daneben lagen Kinderknochen und Fetzen, die nur von Leichengewändern herrühren konnten. Diese Indizien führten aus die Spur der Verüber jener scheußlichen Leichenschändung. Es sind dies zwei Schafhirten namens Kuba und Buczak, welche die Leiche entwendet und daraus unter „Zauberformeln" eine Flüssigkeit gebraut haben. Die Schafhirten gelten nämlich unter der polnischen und ruthenischen Landbevölkerung als „zauberkundig", und zu ihren geheimnisvollen Praktiken verwenden sie mit Vorliebe Bestandteile von Leichen, meist Kinderleichen, die sie aus frischen Gräbern auf dem „Kirkuf" (jüdischen Friedhof) stehlen, um damit die Fruchtbarkeit von den Herden ihrer Feinde abzuwenden und auf ihre eigenen hinüberzusühren. Lemberg, Ende Mai. Einer der rührigsten polnischen Antisemitenführer, der frühere Geheimrat Getritz, der sich während der galizischen Landesausstellung mit dem Mechaniker- Schneider verbrüderte, ist bei der engeren Wahl in den hiesigen Gemeinderat in der Minorität geblieben. Dieser Tage erschien

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.