Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- Seite 400 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 400. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 23-. „In Eurem Hekdesch wollt Ihr mich verbergen," meinte der Graf und blickte in das ehrliche Gesicht des Sprechenden, „was ist denn eigentlich Euer Hekdesch?" „Was unser Hekdesch ist, wollen Sie wissen, Herr Graf," erwiderte Cohn, „Gottes Wunder, unser Hekdesch ist unser Krankenhaus, es ist aber eigentlich kein Krankenhaus, ist es doch nur eine Herberg-: für durchreisende arme Juden. — Ein Schloß ist es freilich nicht, aber dafür sucht Sie da auch kein Franzos. Der Hekdeschmann, das ist der Totengräber und der Schulklopser wohnen darin; es sind arme, aber verschwiegene Leute, die keinen Menschen verraten möchten, für die können wir uns verbürgen." „Meiner Meinung nach ist der Rat dieser braven Männer ganz gut," ließ der Rentmeister sich vernehmen, „den Sie, Herr Graf, um so eher befolgen sollten, weil hier im Schlosse keine Sicherheit für Sie ist. Haben die Franzosen den Auftrag Sie aufzuheben, dann werden sie das ganze Schloß durchstöbern, und ich wüßte wirklich kein Plätzchen in demselben, wo Sie den Spürnasen der Feinde entzogen werden könnten." „Wohlan denn, Ihr Männer," sagte Graf M. aus tiefem Nachsinnen sich aufraffend, „ich will Euch vertrauen und in Euren Schutz mich begeben. Mag Euer Hekdesch ein Asyl mir sein und sollte es Euch gelingen, mich nach Oesterreich hinüber zu bringen, dann wollen wir die Rollen wechseln und ich will Euch einen Schutzdukaten zahlen und Euch belohnen, wie nur ein Fürst belohnen kann." Die beiden Juden empfahlen sich dann und versprachen nach Einbruch der Dunkelheit wiederzukommen, um den Grafen abzuholen; inzwischen wollten sie das Nötige im Hekdesch besorgen. Die Judengaffe in Z., eng und schmutzig und ausschließlich von Israeliten bewohnt, nahm fast die ganze Länge des Städtchens ein. Das obere Ende derselben, das weniger eng und ziemlich reinlich war, enthielt die Synagoge und die Wohnhäuser der Wohlhabenden und mündete dem Schlosse fast gegenüber, an einen Weiher aus, der den zahlreichen Entennnd Gänseheerden und der lieben Jugend des Städtchens als Badeplatz diente. Aus dem kleinen Pförtchen des Schlosses neben diesem Weiher traten zu später Abendstunde drei Männer und schritten, das Wasser umgehend, der Judengasse zu. In derselben herrschte Totenstille. Nur die gedämpften Schritte der drei Nachtwandler, die auf dem holperigen Pflaster leise und vorsichtig sich sortbewegten, waren hörbar, sonst vernahm man keinen Laut. In einiger Entfernung von der Synagoge, da wo die Straße sich verrengte, stand ein schmales aber ziemlich hohes Gebäude, das die nebenstehenden Häuser weit überragte. Ein mit Moos überzogenes Schindeldach bedeckte das aus Fachwerk und Lehm aufgeführte Haus, dessen ganze Bauart deutlich zeigte, daß es schon manches Jahrzehnt gesehen. _ (Fortsetzung folgt.) Weutsch. Es hält die germanische Fahne Ein komischer Recke empor. Er nennt sich Urgermane Uild kommt sich unfehlbar vor. Wär ich wie dieser Geselle Bon urgermanischem Blut, Mir wäre verhaßt wie die Hölle All' unser welsches Gut. Ich würde — und müßt ich verschmachten — Verschmähen französischen Sekt Und Ungarwein verachten, Der auch nicht übel schmeckt. Nie säß ich im „Türkischen Zelte", Ich tränke im Wiener Cafe Selbst bei sibirischer Kälte Kein Täßchen chinesischen Thee. Ich trüge auch englisches Leder Und dänische Handschuhe nie, Nie brauchte ich russische Bäder Und spanisches Fliegenvieh. Nie äße ich Schweizer-Käse Und italien'schen Salat, Zu tanzen die Franc:ai3e Erschiene mir Hochverrat. Ich könnte die Karpfen nicht essen In polnischer Sauce — o nein! Wie könnte ich so vergessen, Ein Urgermane zu sein. Ich würde nie Tabak rauchen. Der in der Havanna gebaut. Kein schwedisches Hölzchen gebrauchen Für's liebe Pfälzer Kraut. Nur ein Mal mein Eifer ruhte; — Dann gäb ich dem Hetzerchor, Den Freunden der russischen Knute Zu fühlen das spanische Rohr. Fred Hood, Charlottenburg. Hier und dort. * Berlin, 28 Mai. Nach neu erlassenen Bestimmungen über die Schule und den Unterricht in den Strafanstalten und größeren Gefängnissen im Ressort des Ministeriums haben bis zum vollendeten 29. Lebensjahr alle Gefangene an dem Unterricht in Religion, Deutsch und den Realien teilzunehmen. In Anstalten mit konfessionell gemischter Bevölkerung sind die Schüler im Religionsunterricht nach Konfessionen zu trennen; jüdischen Gefangenen ist Religionsunterricht von einem jüdischen Religionslehrer zu erteilen. Der Schulunterricht ist der Aufsicht der Anstaltsgeistlichen unterstellt; diese erstreckt sich nicht auf den Religionsunterricht der anderen Konfession. n. Aus Wcstpreußen, Ende Mai. Die fleißigsten Besucher unserer Synagogen sind noch immer etliche unbekannte Diebe, Ein- und Ausbrecher. Sie lassen sich sogar die Mühe nicht verdrießen, die Nächte in den Gotteshäusern zuzubringen.