Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 23 (5.6.1896)
- Date
- 1896-06-05
- Page
- Seite 398 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 898. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 23. währen, die den Wünschen des ehrenwerten Herrn Cremieux entsprechen. Wenn die Kammer indes meint, in Erwägung dessen, daß die Aufbesserung höher ausfallen, wie sie vom ehrenwerten Herrn Crcmieux gefordert wird, schon jetzt die Aufbesserung von 8,200 Frcs. bestimmen zn müssen, die den Gegenstand des Amendement ausmachen — fern davon mich darüber zu beklagen — schließe ich mich dann vielmehr recht gerne diesem Votum an. (Ja! ja! Zur Abstimmung.) Der Herr Präsident: Ich frage die Kammer über das Amendement des Herrn Cremieux an, welches bestimmt, in das Budget des israelitischen Kultus beit Betrag von 8,200 Fres. einzustellen. Es wird über das Amendement abgestimmt und es wird angenommen. Es wird über das ganze Kapitel abgestimmt und es ivird angenommen. (Moniteur, 23. Mai 1846.) Daß es bei der Verhandlung über den vom Minister in Aussicht gestellten Gesetzentwurf dem für die Interessen der israelitischen Kultusbeamten so warm eintretenden Crömieux vorerst nicht gelungen mar, das Regiernngsmotiv zum Gesetze zu erheben, und daß sich Cremieux trotzdem nicht abschrecken ließ, sein Ziel weiter zu verfolgen, darüber werden wir aus den folgenden sehr interessanten Verhandlungen ein Mehreres erfahren. KlMchu Ailtilkimtisiniis. Von Camilla Tauber, Prerau. In der Geschichte der Vorurteile ivird vielleicht kein einziges mehr verbreitet gefunden, als das Vorurteil gegen die Inden. Wir begegnen ihm in der alten und neuen Litteratur jeder modernen Nation, wir blicken darauf in dem täglichen Leben der Vergangenheit, und finden es sogar in den liberalsten Ländern und freidenkendsten Zeiten vorherrschend. Eine von den Nationen am meisten gebrauchte Erklärung für dieses Vorurteil lag in den Worten: „Dies ist das Brandmal einer "Nation, welche den Heiland gekreuzigt hat." In Wirklichkeit jedoch ist dies ein Ausspruch ohne jede Gewähr, denn dieses Vorurteil bestand schon lange vor dem Christentnme, und der Antisemitismus ist ein 22 Jahrhunderte altes Erbe. Eben dies ist der Schluß, zu welchem Theodor Reinach*) nach einem Studium aller derjenigen Stellen in der griechischen und lateinischen Litteratur gelangt, in welchen der Inden erwähnt wird. Er sammelte über 200 Auszüge ans mehr als 100 Autoren, mit Ausschluß von Inschriften und Gesetzen, welche er für einen anderen Band vorbehält. Jeder Auszug ist vollkommen abgedrnckt, und in einer Parallel-Säule damit läuft die französische Uebersetzung, während kurze, aber vortreffliche Fußnoten die Seite vervollständigen. Eine derartige Zusammenstellung ist von zwei verschiedenen Gesichtspunkten schätzbar. Erstens hört die alte jüdische Geschichte, *) Fontes Rerum Judaicarum, l. Textes d’auteurs grecs et romains relatifs au Judai'sme, par Theodor Reinach, Paris, Leroux, 1895. insofern Juden selbst sie geschrieben haben — wie Reinach bemerkt — mit Nehemiah auf. Sie wird dann wieder, allerdings intermittierend, mit den Büchern der Makkabäer, der „Gesandtschaft" des Philo, den „Kriegen der Juden" des Josephus fortgeführt. Was die übrigen vier Jahrhunderte betrifft, von Alexander bis zu dem großen Aufstande gegen Rom, übertrug Josephus in seinen „Altertümern der Juden" zum größten Teile nur die Werke heidnischer Historiographen und Monographien. Nach dem Tode des Josephus, und bis ins fünfte Jahrhundert muß der jüdische Geschichtsforscher oft zu den Heiden oder zu den christlichen Chronisten seine Zuflucht nehmen. Daher bilden die Ueberbleibsel der heidnischen Autoren von überallher gesammelt und in dieses Buch gebracht, dessen besten Teil, da sie die ältesten Originale sind, wahre Quellen zum Studium dieser Periode der politischen Geschichte der Juden. Es ist jedoch mehr der zweite Gesichtspunkt, den Reinach in seinen Bemerkungen und in der Einleitung besonders hervorkehrt. Das Hauptinteresse an diesem Buche liegt nicht so sehr in irgend einer neuen Entdeckung, durch welche diese Sammlung aus dem Felde der politischen Geschichte hervorragen sollte, als darin, daß sie uns Gelegenheit bietet, zu beachten, wie verschieden die Meinungen der Griechen und Römer über die Juden selbst sind. Wir können diese Meinungen hier Schritt für Schritt durch sechs Jahrhunderte verfolgen. Wir sehen, wie Zuneigung und Antipathie abwechselte, und wie die Antipathie vielfach in denselben Redensarten, wie sie heutzutage in Europa modern find, ihren Ausdruck fand. Diese verächtlichen Phrasen des Tacitus, diese Beschuldigungen eines Posidonins oder Molon finden noch heute ihr Echo in der lausenden Polemik; ein wieder zum Leben erwachter Apion schrieb in großen Pamphleten und kleinen Journalen und die Vorurteile, welche durch zweitausend Jahre in Umlauf gesetzt wurden, bewirken noch Ausnahmegesetze gegen die Juden und fordern Opfer. Obwohl die Griechen der attischen Zeit über die Inden etwas gewußt haben mußten, rvie ans einer oder zwei Stellen in Herodot ersichtlich ist, haben sie uns dennoch in ihren Werken nichts über sie hinterlaffen. In Griechenland sind die Jnhen in den Schriften der Philosophen der Alexandrinischen Zeit zum erstemnale der Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit. Anfangs begegnete man ihnen nicht feindselig. Fast alle Philosophen waren Freidenker, die durch ihre philosophischen Betrachtungen zu einer "Art von schwankendem Monotheismus gelaugt waren, weshalb sie eine Nation achten mußten, die sich zu einer so erhabenen und der hellenischen Philosophie so ähnlichen Gottesidee emporgeschwungen hatte. Die Einfachheit und Reinheit der Moral der Juden, die erhabene Größe ihres geistigen Kultus, ihr ausdauerndes und leidenschaftliches Studium des Gesetzes, welches — oberflächlich betrachtet — einer metaphysischen Forschung gleicht, dies alles war von vornherein in höchstem Maße geeignet, die Aufmerksamkeit und Bewunderung der griechischen Philosophen zu erregen. Theophrastus nennt die Juden eine Nation von Philosophen; Klearchus reiht sie den indischen Gymnosophisten an; spätere Schriftsteller sagten, daß Pythagoras und andere griechische Philosophen viel von ihnen entlehnt haben; Strabo