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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-06-05 · 23 (5.6.1896) · p. Seite 391

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
23 (5.6.1896)
Date
1896-06-05
Page
Seite 391 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 391. er hat es bisher nicht gethan und wird es wohl auch kaum thun, muß aber doch erfahren, daß er sich aus diesem Gebiete*) durch eine Unwissenheit sondergleichen hervorthut. Sachverständige Beurteiler sind immerhin anderer Ansicht. Ich erinnere nur an Abr. Knenen, weiland Professor zu Leyden, der unter den protestantischen Theologen der hervorragendste Vertreter der biblischen Wissenschaft ist, in seiner „Einleitung in das Alte Testament". Aber der Herr Kritikus weiß es nun einmal besser. Dafür weiß er nichts davon, daß Herr Dr. Maybaum zuni ersten Mal den Versuch unternonnnen hat, die Methodik des Religionsunterrichts und die Homiletik — und dies sind die Fächer, die er an der Lehranstalt vertritt — von unserem konfessionellen Standpunkte aus in einem Lehrbnche zu behandeln. Hier hält sich der Anonymus eben wieder an den berühmten Spruch: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Am glänzendsten entfaltet sich seine Erzählkunst aber bei der Besprechung des talmndischen Unterrichts. Wer planmäßig vorgeht, würde zuerst das statarische Kolleg vornehmen. Erzieht es aber vor, mit dem kursorischen zu beginnen. Weshalb? Weil es mit der kleineren Stundenzahl vertreten ist, nämlich mit dreien. „Das ist doch der reine Hohn!" sagt er. „Das ist doch der reine Hohn!" antworte ich ihm auch; denn es wird nirgends anders mehr geboten. Und nicht genug damit. Hätte der Kritiker, wie er sollte, sich noch einen andern Jahresbericht angesehen, so würde er wieder etwas Neues erfahren haben: Talmud wird kursorisch in jedem Semester, und so auch in diesem Sommer, 4 Stunden in der Woche gelesen. Nur im Studienjahr 1895/96 mußte infolge der Krankheit des seligen Dr. Joel Müller eine Stunde ausfallen. „Bleiben nunmehr - das „bleiben" ist köstlich — 4 Stunden Talmud statarisch und 9 Stunden Dezisoren." Hier hat sich der Herr Anonymus um zwei Stunden verrechnet. Oder sollte er vielleicht nicht wissen, daß Mischna und Jeruschalmi auch Talmud sind? Dazu kommt nun abermals, daß der soeben erwähnte schmerzliche Anlaß auch hier eine Stunde raubte. Wie in der Regel, werden in diesem Sommer wieder von Herrn Dr. Baneth aus den Talmud 10 Stunden und ans die Dezisoren 4 Stunden der Woche verwandt. Zum Belege schicke ich ein Vorlesungsverzeichnis auf den Redaktionstisch. Daß die Hörer, mit Ausnahme der Ausländer, den Talmud nicht einmal buchstabieren können, hört sich recht gruselig an, wie so viele Märchen. Ich kenne eine ganze Reihe von Inländern, die die Lehranstalt besuchen, die sich vielleicht bereit finden lassen, dem Herrn Kritiker das Gegenteil zu beweisen. Als Thema des Privatissimum möchte ich m cu* nNJJin vorschlagen. „Bleibt" Herr Dr. Schreiner. An seiner Wissenschaftlichkeit wird nichts ansgeseht, sogar die Stundenzahl seiner Kollegien findet vor dem gestrengen Anonymus Gnade. Aber — „auch dieser Lehrer ist aus der Anstalt nicht auf seinem Platze". Aus ivelchem Grunde, darüber schweigt der Kritiker. Und diesmal mit Recht. Zum Schluß kommt der große Schweiger auf seinen Ausgangspunkt, das Wirken Pros. Steinthals zurück. Der *) Wo war in dem Artikel des Anonysmus von Bibelkritik die Rede? Red. Herr Professor hat das Verbrechen begangen, eine pädagogische Abhandlung, die „eine Zierde einer jeden allgemein wissenschaftlichen Zeitschrift wäre", dem Jahresbericht vorauszuschicken. Pädagogik ist nun einmal eine interkonfessionelle Wissenschaft, die aber trotzdem in einer jüdisch-theologischen Anstalt, die ja auch Lehrer heranbilden soll, vorgetragen werden muß. Was so in den Studienplan gehört, das ist auch im Programm am Platze. Ich wende mich jetzt mit einigen Worten gegen Herrn Dr. Bernfeld, der den Feldzug gegen die Anstalt eröffnet hat. Den ersten Stein des Anstoßes bilden ihm die 11,450 Mark Dozentengehälter. Ich zweifle nicht im mindesten, daß das Kuratorium der Anstalt gern bereit ist, mit diesem „alten Schlendrian" zu brechen, wie es Herr Dr. Beriffeld nennt. Er braucht nur für das nötige Geld zu sorgen, dann wird auch gewiß die doppelte und dreifache Summe ausgeworfen werden. Des weiteren wünscht Herr Dr. Bernfeld, daß das Institut „nicht konservativ und auch nicht liberal sei, sondern streng wissenschaftlich, ohne jede Parteischablone". 9hm, wenn die Lehranstalt dies nicht ist, dann weiß ich nicht, wie dieses Ziel überhaupt erreicht werden soll. An ihr wirkte in früherer Zeit Israel Lewy neben Geiger, David Cassel neben Steinthal, jetzt lehren Baneth und Maybaum, Schreiner und Steinthal neben einander. Wo in aller Welt ist da Parteischablone? Wo „Kliquenmesen und Vetternwirtschaft", von denen Dr. Bernfeld zu sprechen weiß? Sodann soll die Anstalt „nicht einmal auf die Ausbildung von Rabbinern bedacht sein, sondern einfach aus die Pflege der rabbinischen Wissenschaft". Ich hatte bisher geglaubt, dies beides sei im großen und ganzen dasselbe. Mit gleichem Rechte hätte Herr Dr. Bernfeld auch sagen können: Unsere medizinischen Fakultäten sollten nur auf die Pflege der medizinischen Wissenschaft bedacht sein, nicht aber auf die Ausbildung von Aerzten. Das wäre ganz ebenso richtig und ganz ebenso falsch. Daß Herr Dr. Bernfeld zum Schluß auf den Verfall der jüdischen Wissenschaft zu sprechen kommt, ist ja wohl selbstverständlich. Wer aber die Welt verbessern will, thut gut daran, vor allem zu überlegen, ob er nicht bei dem Teil, den er selbst repräsentiert, anzufangen allen Grund hat. Mit der jüdischen Wissenschaft steht es nicht anders. Turgenjew hat eine Parabel geschrieben, in der er von einem Manne erzählt, der die Leute gern von allerhand geistigen Gaben, die er gar nicht besaß, überzeugen wollte. Er fing das sehr schlau und doch sehr einfach an: er nannte so ziemlich alle, die etwas bedeuteten, Dummköpfe. Ich bitte Herrn Dr. Bernfeld, diese kleine Erzählung' aufmerksam durchzulesen. _ Dr. Leo Bäck. |n treu Krii»i»lgst>>gcn. l'r. Bl. Petersburg, 29. Mai. Die Glocken der Jsaakskirche läuten seit mehreren Tagen ununterbrochen; ihr Geläute ist weit außerhalb Petersburgs hörbar, und die frommen Russen wissen, was man ihnen von Turme dieser Kathedrale verkündigt: Zar Nikolaus II. schickt sich an, in der alten Kremlstadt die Krone sich auf das Haupt

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