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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-06-05 · 23 (5.6.1896) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
23 (5.6.1896)
Date
1896-06-05
Page
Seite 390 (sequence 2)
Language
German
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Allgemeine Israelitische Wochenschrift. •> lRg|S Seite 390. sitz es ausgeschrieben. Unser Vorstand ist für sich nicht sehr bescheiden, er ist es jedoch für die Gemeinde; er denkt, Berlin könne bei der Wahl eines Rabbiners ebenso wie Krähwinkel verfahren. Sie haben in diesem Blatte die Ansicht verfochten, daß es der Großgemeinde Berlin besser anstehen würde, unter den wenigen noch lebenden Rabbinern von Bedeutung Umschau zu halten, und den bedeutendsten und würdigsten unter den ehrendsten Bedingungen nach Berlin zu berufen. Statt dessen hat man bei uns ein öffentliches Redewettrennen veranstaltet, um der Sache noch den letzten Rest von Achtung zu rauben, und nachdem zwei Herren gesprochen haben, ist die ganze Angelegenheit eingeschlafen. Schreiber dieses gehört zu den wenigen, die warten können, allein viele Männer, denen es mit der Erhaltung des Judentums Ernst ist, sehnen sich nach einem Gemeindeoberhaupt, das uns leiten, uns voranleuchten soll. Jene Männer meinen freilich, daß bei der beobachteten Methode ihre Sehnsucht nie werde befriedigt werden. Die Berliner Gemeinde sucht einen fünften Rabbiner, d. h. einen Mann, der hinter den bereits amtierenden rangieren soll. Wir aber wünschen, daß wir einen ersten Rabbiner bekämen, der durch umfassendes theologisches und weltliches Wissen, durch Fähigkeiten und Charaktereigenschaften die Führerrolle in der Gemeinde übernehmen soll. Solche Männer sind in unserer Zeit und in unserem Lande dünn gesät; auch werden sie sich schwerlich entschließen, nach Berlin zu kommen, weil unsere Gemeinde nach dieser Richtung in keinem guten Rufe steht. Es heißt überall, Berlin suche keine Rabbiner, sondern nur geistliche Beamte, welche dem Vorstande Ordre parieren und nach keiner Seite Selbständigkeit zeigen sollen. Und da diese Darstellung das richtige trifft, wird Berlin keine bedeutende Kraft bekommen können." Setzen wir, das biblische Bild wieder ausnehmend, diese Zuschrift fort. Wir gehen nicht fehl in der Annahme, daß unsre Rabbiner-Wahl-Kommission bald beim Dornbusch wird angelangt sein. Wir haben nur den Wunsch, daß er an Spottsucht seinem biblischen. Vorbilde nicht nachstehen und den Abgesandten, ironisch und warnend zugleich, zurufen möge: Wenn ihr im Ernst mich zum Könige machen wollt, — wohlan, versuchet, in meinem Schatten Schutz zu finden wider die Angriffe, die eurer harren. Gelingt euch dies — Heil euch; gelingt's euch nicht — wehe euch. Angefacht von dem stürmischen Unwillen der Gemeinde kann von diesem Dornbusch ein Feuer ausgehen, das neben dem wuchernden Gestrüpp auch die Zedern des Libanon — diejenigen, die uns ein Grünen und Blühen verheißen — verzehren wird. A. L. Nr. 23. i ■ Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Iudklltums. Im letzten Hefte der „Allg. Jsr. Wochenschr." befaßt sich ein Anonymus mit dem kürzlich erschienenen Jahresbericht der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Leider geschieht dies in recht lückenhafter Weise. Mit großer Sorgfalt sind unter vielen Stücken einige ausgewählt und diese sind dann kunstvoll zu einem Bilde zusammengesetzt, das jedem Unkundigen Abscheu einflößen muß. Alle die Einzelheiten, die über die Stundenzahl der Vorlesungen angeführt werden, sind wahr, und doch ist das Resultat, das herauskommt, unwahr. Es ist dies wohl die unerfreulichste Art der „Kritik". Wir Inden werden von antisemitischer Seite mit solchem Verfahren oft heimgesucht. Ich glaube, wir haben keinen Grund, es von unfern Gegnern uns anzueignen. Das Zeichen einer vornehmen Natur ist es, wenn man vielmehr durch Unrecht, das man erlitten hat, lernt, selbst recht zu thun. Es liegt so im Interesse des zahlreichen Leserkreises, dessen sich dieses Blatt erfreut, daß die Geschicklichkeit, die der Herr Anonymus im Zudecken und Schweigen entfaltet, gebührend gekennzeichnet werde. Der unbekannte Freund, dessen sich die Lehranstalt rühmen darf, fühlt sich in seinem teilnehmenden Gemüt zunächst dadurch bedrückt, daß Herr Prof. Steinthal eine Stunde, sage und schreibe eine Stunde, Religionsphilosophie liest. Es wurden zwar außerdem noch im Sommer wie im Winter je zwei Stunden wöchentlich auf die Lektüre des More Nebuchim verwendet, was doch gewissermaßen auch ein religionsphilosophisches Kolleg ist. Ich will aber zur Entschuldigung des Herrn Kritikers annehmen, daß er unter Religionsphilosophie nur systematische Religionsphilosophie versteht. Da sei ihm denn verraten, — ich bitte ihn aber, nicht zu erschrecken — daß die Lehranstalt überhaupt das einzige jüdisch-theologische Institut ist, an dem diese Disziplin gelehrt wird. Und dazu nicht blos in einer Stunde, wie der Herr Anonymus leicht hätte erfahren können, wenn er, wie es seine Pflicht gewesen wäre, wenigstens noch den vorjährigen Bericht zur Hand genommmen hätte; denn das ist doch wohl das allermindeste, was man von einem fordern muß, der über Leistungen einer Anstalt urteilen will. Aus diesem hätte er sich davon überzeugt, daß dem Wissenschaftszweig, der ihm vor allem am Herzen liegt, durch zwei Semester hindurch von Herrn Dr. Schreiner je 3 Stunden der Woche gewidmet wurden, wieder ganz abgesehen davon, daß gleichzeitig in einem zweistündigen Kolleg der Chasdai Crescas erklärt wurde. Die gerügte Steinthalsche Vorlesung bot dann ältern Hörern die Gelegenheit, sich über die wichtigsten Punkte der Religionsphilosophie unter Leitung eines Fachmannes aussprechen zu dürfen. Freilich war dies in einer Stunde nicht abgemacht. Wer Herrn Pros. Steinthal kennt, der weiß, daß er nicht aushört, wenn die Uhrgeschlagen hat, sondern erst wenn der vorgenommene Stoff erschöpft ist, selbst wenn die festgesetzte Zeit noch ein zweites Mal dabei verstreicht. Daraus muß sich schon ein jeder gefaßt machen, der bei ihm hören will. Woher der Herr Anonymus weiß, daß die Stunde nicht eingehalten werde, vermag er vielleicht selbst nicht zu sagen. Ich nehme an, daß er es aus dem hohen Alter des Dozenten folgert. Die grausame Erfahrung wiederlegt aber diesen Vernnnftschluß. Herr Prof. Steinthal hat auch nicht eine einzige Stunde der angekündigten Vorlesung fallen lassen, denn er schreibt nicht blos über Pflichttreue! — Summa summarum: in dem einen Jahre wurden mehr als 5 Stunden, in dem folgenden mehr als 3 Stunden Religionspilosophie wöchentlich verabreicht. Das ist die „homöopathische Dosis". Man sieht, der Herr Anonymus versteht zu schweigen. Nach dem Herrn Professor kommt der Herr Rabbiner Dr. Maybaum, heran. Er liest zwar nicht über Bibelkritik, l

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